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Jeschurun · 1885-06-11 · Heft 24 (11.6.1885) · p. 376

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 24 (11.6.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-06-11
Page
376 (sequence 4)
Language
German
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Hauses war sie mit ihm entflohen, wahrend die Wütheriche in den vordern Räumen Alles zerstörten.' Ihre Wohnung lag an! Ende des Städtchens, sie wollte um den Ort herum auf die Landstraße eilen, ihren (hatten entgegen, um mit ihm zu entfliehen. Doch in ihrer Hast war sie gestrauchelt und ans einen Steinhaufen gefallen. Ans das Jammergeschrei des KindeS war ein Arbeiter, der ehemals in ihren Diensten gestanden, ihr zu Hülfe geeilt, er hatte sich mitleidig ihrer angenommen, hatte sie, da ihr Fuß schwer verletzt, in seine nahe Wohnung getragen und sie dort verpflegt. Auf ihr dringendes Bitten hatte er ihrem Gatten cntgegeneilen wollen, um ihn . zu ihr zu führen. Doch er hatte Rosenscld'ö Schlitten und Neisepclz auf der Landstraße gefunden, über ihn selbst aber erfahren, daß einige trunkene Burschen ihn erschlagen. TolzaS Jammer war unbeschreiblich, nur die Liebe zu ihrem Kinde hatte sic aufrecht erhalten. Sobald er es ohne Gefahr wagen konnte, hatte ehr Retter sie n» die t!uu)|ie jüdische Ge- ן meinbe gebracht. Hier erfuhr sie, daß ihr Geschäft in B.... vollständig demolirt, daß der GeschäftSlcitcr Alexander Rosenfeld sich jedoch gerettet und über die Grenze geflüchtet. Sie schloß sich anderen Auswanderern an, und es gelang ihr, Rosenfcld'S Spur zu verfolgen bis nach Paris. Und hier hatte sic nun endlich unverhofft den thcuern Bruder getroffen. ״Gott sei Dank!" flüsterte sie und drückte innig seine Hand, innig erwiderte er ihren Händedruck und schweigend setzten sie ihre Fahrt fort. Sie hatten das ihnen bezcichucte Gebäude erreicht, am Arme ihres Bruders schritt Tolza die Stiegen hinan, die zu der in der zweiten Etage sich befindenden Wohnung ihres Verwandten führte. ״Alexander Rosenselb," laß LewinSki auf einer der Stiege gegenüber liegenden Thür und Beide schritten darauf zu. Sie öffnete die Thür, ohne anzuklopfcn; galt ihr Besuch doch einem Trauernden, der erst gestern sein Kind begraben. Es war ein ziemlich großes Zimmer, in das sie traten. Den Rücken der Thür zugewandt saß auf einem niederen Schemel ein hochacwachsencr, bleicher Mann, das Haupt auf die Brust geneigt. Im gegenüber einige Männer, sichtlich bemüht, durch freundlich theilnehmendcn Zuspruch ihn zu trösten. Beim Eintritt der'Geschwister hatte einer der Anwesenden sich erhoben, hatte dabei geräuschvoll seinen Sessel zurückgeschoben und Aller Blicke richteten sich auf die Eintretenden. Auch der Trauernde hatte unwillkürlich das Haupt erhöben und zur Seite gewandt, da stieß Tolza plötzlich einen gellenden Schrei aus und brach ohnmächtig znsammrn. Erschreckt eilten die Anwesenden herbei; einer der Männer bemühte sich um das weinende Kind, das -den Armen der Sinkenden entglitten, die Anderen halfen dem Bruder, die noch immer Bewußtlose auf das Kanapee zu tragen. Auch der Trauernde war aufgesprungen, doch kaum hatte er einen Blick auf das bleiche Antlitz der jungen Frau geworfen, als er mit lautem Iubclschrci aus sic znstürztc Und seine Arme Umschlag. ״Mein Weib!" schrie er, ״Tolza! Tolza!" und wonnetrunken bedeckte er das bleiche Antlitz mit seinen Küssen. ״Tolza! Tolza!" Und die theure Stimme, die sie nie mehr zu vernehmen geglaubt, drang an ihr Ohr; sie schlug die Augen auf und fand sich in den Armen des Tobtgeglaubten. ^Alexander," flüsterte sie, sich au ihn schmiegend, ״bist Du eS wirklich oder träume ich?" ״Nein, Du träumst nicht!" jauchzte er, ״Tolza! Tolza! Der Heilige, gelobt sei Er! hat Dich mir auf's Neue geschenkt, Gott sei Dank! Gott sei Dank!" Da schlang auch sie ihre Arme um seinen Hals und sic hielten sich umschlungen in langer inniger Umarmnng. Und die Anwesenden blickten staunend aus die Wiederocreinten in aufrichtigem Mitgefühl, während sie sich bemühten, das unruhig gewordene Kind zu beschwichtigeu. Doch das GlaS Wasser, daS der Freundliche ihm bot, konnte den Nektar der Mutterbrust ihm nicht ersetzen, und in kräftigen, nicht eben harmonischen Lauten brachte das Bürschchen seine Anwesenheit der Mutter in Erinnerung. ״Mein Kind! wo ist mein Kind?" ״Hier, liebe Frau," sagte der freundliche Mann, der den Kleinen vorsichtig in seinen Armen schaukelte. Ueber Alexanders eben noch wonnestrahlcndcn Antlitz glitt ein Schatten, unwillkürlich senkte sich sein Blick auf den Riß an seinem Oberklcide. ״Ihr Kind," flüsterte er, ״ihr Kind." ״Kennst Du's denn nicht? unser Kind? unfern Abraham?" Sie hielt ihm das Kind entgegen, daß daS rosige Mündchen desselben des Vaters Wange berührte. Wonnig dnrchschaucrte cs ihn, doch cS war zu viel; er vermochte an dieses übergroße Glück nicht zu glauben. Hatte er doch erst gestern sein Kind begraben und sollte es heute frisch und blühend in seinen Armen halten? ״Ist er's denn wirklich — unser Abraham?" ״Unser Abraham," wiederholte sie, das Kind an sich drückend. Den Zweifel des Vaters vermochte sic nicht zu begreifen und cs währte noch eine geraume Zeit, bevor die Glücklichen im Stande waren, alle die seltsamen Verhältnisse, die sic getrennt und wieder vereint, mit klarem Blicke zu überschauen. (Schluß folgt.)

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