Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-06-11
- Page
- 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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874 wärmste Theilnahme gefunden. In allen größeren > Städten hatten sich edle Männer geeint, bestrebt, das traurige Voos der Unglücklichen nach Kräften zu mildern. j Wir befinden uns in Paris, in dem ArbeitSzimmer eines jener Edlen, die das Unglück der Glaubensbrüder wie das eigene cmpsanderr. Cs war ein Mann in den sogenannten besten Jahren. Eines seiner Kinder kam herein, ihm mitzuthcilcn, daß eine arme Frau ihn zu sprechen wünsche. ..Laß sie hcreiukommen." Gleich darauf trat eine zarte, junge Frau, ein ungefähr halbjähriges Kind in ihren Armen, in das Zimmer. ״Ich :nutz sehr um. Entschuldigung bitten, wenn ich störe," sprach sie schüchtern, ״sollte ich vielleicht später kommen?" ״Nicht doch, nicht doch — setzen Sie sich und sagen Sie mir, was Sie wünschet" Die Frau entsprach der freundlichen Aufforderung, sie ließ sich in einen Sessel nieder, während sie das Kind, das zu erwachen schien, in ihren Annen leise wiegte. ״Sie sind allein?" ״Ganz allein," erwiderte sie schmerzlich seufzend, ״und noch vor anderthalb Jahren hatte ich die zartlichsten Eltern, den treuesten Bruder und den besten Gatten." ״Und alle Ihre Angehörigen haben Sie während der Unruhen in Ihrer Heimath verloren?" Sie schüttelte verneinend das bleiche schöne Haupt. ״Meine Mutter verlor ich bereits im Winter vorigen Jahres — mein Bruder hatte sich die Feindschaft der Nihilisten zugezogen, er mußte entfliehen — ich weiß nicht, wo er weilt. — Mein Vater fiel als Opfer ihrer Rache, weil er ein Attentat vereitelt, das sie geplant — und mein Gatte —" Thränen erstickte ihre Stimme, sie konnte vor Schluchzen nicht weiter sprechen. ״Arme, arme Frau!" sprach der Menschenfreundliche Mann, an den sie sich gewendet, tief erschüttert, ״wie könnte ich Ihnen nützlich sein? ich wäre es gerne." ״Ich weiß eS," entgcgnete. die junge Frau, nach Fassung ringend, ״cs wissen es Alte — darum wurde mir auch gerathen. mich an den Herrn zu wenden." ״Wohin beabsichtigen Sie sich zu begeben?" ״Darüber wollte ich mir eben den Rath des Herrn erbitten." ״Meinen Rath — dann möcht ich doch ersuchen, mir Ihre Verhältnisse etwas näher mitzutheilcn. ÄuS welcher Gegend sind Sic?" ״Ich bin auS B...., das heißt, dort hatten wir unser Geschäft. Wir wohnten in der letzten Zeit auf einem Gute in D.... Mein Manu war abwechselnd einige Tage in der Stadt und daun wiederum einige Tage bei uns. — Während seiner letzten Abwesenheit brachen die Unruhen aus — am Abend kam er zurück — doch bevor er unsere Wohnung erreichen konnte — haben sie ihn überfallen — und — ermordet!" fügte sie kaum vernehmbar hinzu, während ein heftiges Zittern ihre zarte Gestalt erschütterte. ״Und Sie haben gar nichts gerettet?" fragte der Bankier nach kurzer Pause. Die Frau zuckte die Achseln. ״Ich habe mich nie um das Geschäft gekümmert. Unser Haus war das erste in B.... Mein Vater galt für einen Millionär. — Nach seinem Tode nahm mein Mann einen Verwandten in das Geschäft, der das Ganze leitete — denn ich war schwer erkrankt und!nein Mann konnte wochenlang nicht in die Stadt. — Unser Vetter hat vielleicht Manches gerettet, obgleich ich gehört habe, daß Alles zerstört worden. — Dennoch ist eS möglich, daß er Einiges gerettet hat — vielleicht sucht er uns, wie ich ihn suche. — Ich habe seine Spur bis C-... verfolgt, dort sagten mir die Leute, die ihn gesprochen, daß er die Absicht hatte, sich nach Paris zu begeben, Andere glaubten, er hätte nach Amerika wollen. Alle ricthen mir aber, mich an den Herrn zu wenden; der Herr, der so viel für uns arme Vertriebene gethan, der würde vermuthlich auch wissen, wohin sich mein Verwandter gewendet." ״Wie ist der Name Ihres Verwandten?" ״Er führt denselben Namen wie mein Mann — Alexander Rosenfeld." ״Alexander Rosenfeld? — Der hatte allerdings die Absicht, nach Amerika auszuwandern. Er hat, wie er mir mittheilte, den größten Theil seines Vermögens gerettet und befindet sich daher pekuniär in den besten Verhältnissen. — Aber seine junge Frau hat er verloren und gestern hat er auch sein Kind begraben, das längere Zeit gekränkelt, weshalb er auch die Ueberfahrt verschieben mußte." ״Frau und Kind verloren?" wiederholte die Frau, schmerzlich seufzend, indem sie ihr Kind fest an sich drückte, ״aber —" Da ward die Thür des anstoßenden Zimmers geöffnet, ein Knabe trat, die Fremde höflich grüßend, zu dem Vater, und richtete eine Frage an denselben. Während dessen blieb die Verbinduugsthür halb offen. Es schien im Nebenzimmer unterrichtet zu werden, man hörte ein Kind aus dem Pentateuch übersetzen, und gleich darauf schien der Lehrer das Uebersetzte zu erläutern. Der erwähnte Knabe hatte das Zimmer durch die Hauptthür verlassen, der Bankier hatte sich mit einer Frage an die arme Frau gewendet; diese aber schien ihn nicht zu hören, mit weit aufgerissenen Augen und angehaltcnem Athem saß sie da und lauschte der Stimme aus dem Nebenzimmer. Der Menschen-