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Jeschurun · 1885-05-28 · Heft 22 (28.5.1885) · p. 343

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 22 (28.5.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-05-28
Page
343 (sequence 3)
Language
German
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Schmerzenslaut und wie bezwungen wandte er sich abermals zu dem Mörder seines Glückes. ״Nekom leenenu nikmaS dam awodccho haschofnch," murmelte er, .,Dein ist die Rache, oGott!" und mit seinen starken Armen hob er den Verwundeten vom Loden und stürzte mit ihm aus dem brennenden Zimmer. Graf D... war ein schmächtiger junger Mann, sonst wäre es Alexander schwerlich gelungen, mit dem Ohnmächtigen die bereits in vollen Flammen stehende Stiege zn passiren, doch cs gelang; nahezu unversehrt, nur sein Haar und Bart war ihm versengt, erreichte er das Freie. Der Knabe Benjamin stand noch immer am Eingang des brennenden Hauses, er schien auf Alexander gewartet zu haben. ״Hilf mir, ihn zn seinen Leuten bringen," gebot Alexande und Beide eilten mit ihrer Last die Straße aufwärts, wo sie einige Diener des Grafen erblickten, die ihren Herrn bereits gesucht hatten, und dann eilten sic zurück zn jener Frau, die am Sabbath in Rosenscld'ö Hanse den Ofen geheizt und die sich nun, wie wir wissen, seines Kindes erbarmt hatte. Alexander neigte sich zu dem schlummernden Säugling, und ein Strom von Thränen entstürzte seinen Augen. ״Haltet ihn bis morgen — bis ich mein Weib begraben — ob ich Euch's zahlen kann, weiß ich zwar nicht." ״Ich halte ihn, so lange Sic wollen," schluchzte die mitleidige Frau. ״Ihre brave Frau hat's wohl um mich und meine Kinder verdient." ״Könnt Ihr mir nicht sagen, wo ich sie finde," sprach Nosenfeld mit verhaltenem Schluchzen. ״Sie, die ich begraben muß." — ״Sie haben sie nicht gefunden? — ich denke mir, sie müßte unter einem von den Fenstern liegen, aber ich weiß nicht, unter welchem; sie ist vor dem Grafen hinausgesprungen und ist gleich todt geblieben, haben die Leute gesagt." Beim Scheine seines brennenden Hauses suchte Alexander nach der Leiche seines Weibes die ganze Nacht hindurch, doch umsonst, spurlos schien sie vcrschwanden. Hatten die Unholde, Hyänen gleich, selbst des tödten Körpers nicht geschont? hatten sie ihn in wildem Frevelmuth in die brennenden Gebäude geschleudert, daß er zu Asche verkohlt? Alexander wollte sich nicht trennen von dem Ort, bevor er nicht die sterblichen Ueberreste seiner Gattin gesunden und die Letzte Liebespflicht des Ueberlcbenden an ihr vollzogen. Doch seine Leidensgenossin drängten zur Flucht und um seines Kindes willen mußte er sich dazu entschließen. Zwanzigstes Kapitel. Mehr als elf Monate waren verstrichen, seit Irene Reizenstein dem Grafen Armin Brandensce ihre Hand am Altäre gereicht. Unmittelbar nachdem sie nach dem Programme der jungen romantischen Dame im Dom zu Köln die Taufe empfangen, ward auch die Trauung dort vollzogen. Gleich daraus traten die Neuvermählten ihre Tour durch die europäischen Hauptstüdte an, während die Eltern sich aus den Heimweg machten, in dem beseligenden Bewußtsein, ihre Tochter als Neichsgräsin zurück gelassen zn haben. Die jugendlich schöne Gräfin Brandensce hielt sich in Wirklichkeit für die Glücklichste der Frauen, oder sagen wir lieber der Damen. An der Seite ihres Gatten durchstreifte sic die schönsten, herrlichsten Gegenden unseres Weltthcils, umgeben von all' dem Komfort, dem Wohlleben, den Reichthum auch in der Fremde zn schaffen weiß. Rastlos eilten sie von Vergnügen zu Vergnügen, von Lustbarkeit zu Lustbarkeit; alles Sinnen des Grafen schien nur darauf gerichtet, wie er in möglichst kurzer Zeit das Vermögen. daS Irene ihm zugebracht, vergeuden könne. Er war nie nnaufmcrksam gegen sie, übergroßer Aufmerksamkeit oder gar Zärtlichkeit konnte sie sich jedoch auch nicht rühmen. Sie vermißte dergleichen auch nicht; was ihr Herz begehrte, hatte sie in Hülle und Fülle. — Nur in der französischen Hauptstadt, wo sie den Winter zubrachten, wäre es beinahe einmal zn einer Szene zwischen dem gräflichen Paare gekommen. Armin liebte den Verkehr mit den reizenden Ballerinen, gerirte sich als Sultan zwischen den leichten Damen des Ballet-, die seine Großmuth nicht genug zu rühmen mußten, während selbst die enragirtcsten Vertreter derJeunesse (loree seine sinnlose Verschwendung, gegen die Keiner von ihnen auskommen konnte, tadelten. Irene hatte einst in seinem Zimmer ein prachtvolles Kollier gefunden, sie wähnte, er wolle sie damit überraschen, indessen — Doch eS ist nicht unsere Absicht, Vorkommnisse dieses Genres zn schildern. — Auch Irene war so weise, diese momentane Verirrung ihres Armins,, wie sic es für sich nannte, zn verzeihen. Das gute Einvernehmen der Gatten war rasch wieder hergestellt, sie lebten weiter in Saus und Braus. — Der Frühling kam heran, sie bereisten die schönsten Gegenden Italiens, doch je weiter diese herrlichste Jahreszeit vorschritt, desto rastloser ward der Graf, desto sinnloser seine Verschwendung. Der Frühling neigte sich zu Ende. Graf Brandensee erklärte, in die französische Hauptstadt zurückt-chren zu wollen, dort im Zenit dessen, was er Leben nannte, wollte er noch einmal alle jene Genüsse durchkosten, die ihm als die höchsten galten.

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