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Jeschurun · 1885-05-28 · Heft 22 (28.5.1885) · p. 344

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 22 (28.5.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-05-28
Page
344 (sequence 4)
Language
German
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344 Irene war freudig einverstanden; auch für sie! halte das Leben in der herrlichen Stadt an der Seine > nur allzu viel Ne!;. Nach zwei Tagen befanden sie j sich in Paris. In einen! der ersten Hotels nahmen j sie Logis. Mil gewohnter Galanterie bot der Graf - ihr den Arni und beide schritten die Stiegen hinan, die zar Bel-Etage führten. Sie hatten die oberste Stufe überschritten, als ein Herr mit höflichen! Gruße an ihnen vorüber schritt. Irene, ihn erkennend, rief freudig: Herr Roscrffeld! herzlich erfreut, Sie hier zu sehen. Wie geht es Ihnen und Ihrer lieben Frau Gemahlin, meiner theuren Tolza?" und als der Angeredete nicht sofort antwortete, wandte sie sich, ihn vorsrellcud, an den Grafen. ״Herr Rosenfeld, Gemahl meiner besten, Lheucrsten Freundin, Graf Brandensce,;nein Gemahl.'׳ Die Herren verneigten sich gegen einander. ״Ist Ihre Frau Gemahlin, meine thcure Tolza, auch hier?" fuhr Irene fort. Rosenfrld fuhr unwillkürlich mit der Hand nach bciu Herzen. ״Ich bin Witwer," cntgegncte er gepreßt. ״Wittwer!" schrie Irene auf. ״Großer Gott! — Tolza, meine liebe, theure Tolza todt! —״ Sie drückte ihr Batisttuch an die Augen, denen in Wirklichkeit Thrancn entflossen. ״Gott!!nein Gott! wer hätte das für möglich gehalten! — So jung! — so schön! — so fromm!" Der Graf preßte ungeduldig die Lippen auf einander, daun flüsterte er Irene einige Worte ins Ohr. Sic ergriff Roseufeld's Hand und drückte sie innig. ״Sic sind von!!׳.einer aufrichtigen Thcilnahmc überzeugt, denn Sie wissen, was mir die Dahingeschiedene war. Sie müssen mich besuchen und mir von der Unvergeßlichen erzählen, ob sie auch meiner noch gedacht. — Wir wohnen hier im Hotel, nicht wahr, Sie kommen recht bald?" Roscnfcld murmelte einige unverständliche Worte, sie klangen wie eine Entschuldigung, verneigte sich grüßend und schritt die Stiegen hinan, die zur oberen Etage führten. Das gräfliche Paar begab sich in die für sic bestimmten Gemächer. Irene war in Wirklichkcit ausrichlig betrübt. Sie warf sich auf's Kanapee und drückte das Tuch an die Augen. ״Wenn Du sie gekannt hättest — so viel Güte, so viel Sanftmuth." ״Herr Nosenfcld wird vermuthlich Deiner Ausfvrderung entsprechen und Dich besuchen," entgegnete spöttelnd der Graf, ״ich hätte diese Einladung Dir nicht zugelrant, Du hast bisher jede Berührung mit Inden srrmkdcn. Ober war Frau Rvsenfeld keine Jüdin?" ״Tslza?eine Jüdin? — sie war vom Judenthum begeistert, wie ich ule eineu Menschen gesehen — und doch so mild, so sanft, so lieb und so wunderbar schön. Du hättest sie kennen sollen." ״Bedaure aufrichtig, das mir das nicht vergönnt war," versetzte der Graf in demselben spöttelnden Ton, dann verließ er das Zimmer. Irene gewahrte eS nicht, sie lehnte noch immer im Kanapee, in Erinnerung an die Dahingcschicdene versunken. Plötzlich sprang sie auf, eilte zum Sekretär, in den ihre Zofe vorhin ihre verschiedenen Schmuckkastchen, Schatullen rc. eingeräumt. Hastig öffnete sie eine Schatulle, warf einen Blick hinein, nickte befriedigt und schloß sie wieder, schrieb einige Zeilen, die sie in ein Kouvert schob und an ״Herrn Nosenfeld" addressirte; dann befahl sie der Zofe, sich zu erkundigen, ob Herr Rvsenfeld im Hotel logirc, und als sie vernahm, daß er in der zweiten Etage ein Zimmer inuehabe. schickte sie die erwähnte Schatulle sammt dem Schreiben hinauf. Jetzt erst erkundigte sie sich nach dem Grafen. Er hatte das Hotel verlassen, ohne wie sonst anch für sie ein Programm für den Tag entworfen zu haben, und der Tag verstrich, der Abend brach herein, ohne daß der Graf sich gezeigt hätte. Irene fühlte sich verletzt; so hatte er es noch nie getrieben. Sie hätte zwar auch ohne ihn Vergnügungen uachgehen können, sic hätte nur ihre Bekannten von ihrer Anwesenheit in Kenntniß zu setzen brauchen, doch für den heutigen Tag fehlte ihr die Lust dazu, sie hatte unaufhörlich gewartet von Stunde zu Stunde. — Doch am folgenden Tag wollte sie ihm zeigen, daß sie auch ohne ihn das Pariser Leben zu genießen wisse. Gegen elf Uhr Abends ließ sic sich entkleiden und begab sich zur Ruhe. Trotz ihres Aergers übermannte sie der Schlaf bald. Auf der Pcudule über dem Kamin schlug es dreiviertel auf Zwölf, als eine Seitcilthür sich öffnete und der Graf in Irenens Zimmer trat. Sie gewahrte ihn nicht und schlummerte weiter, er trat an das Bett und blickte auf die jugendlich schöne Schläfcrin und ans seinen! bleichen, entstellten Antlitz blickte der furchtbarste Haß. ״Irene!" rief er laut. Sic hörte nicht. ״Irene!" wiederholte er, indem er die Hand auf ihre Schultern legte und sie rüttelte. Sie schlug die Augen auf, blickte schlaftrunken zu ihm entpor und schlief weiter. ״Verflucht!" murmelte er, ״doch cS geht auch jo — sie wird schon erwachen — zehn Minuten vor zwölf — so mag sie meinen Abschiedsgruß schriftlich erhalten." (Fortsetzung folgt.)

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