Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-05-28
- Page
- 342 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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342 sich um; ein hochgcwachscner Knabe von ungefähr 16 oder 17 Jahren, der Sohn seines Wirthschafters, j stand vor ihm mit geisterbleichcm, entstelltem Antlitz. ״Zurück!" stammelte der Knabe mit seltsam heiserer Stimme, ״kein Mensch ist drinnen — Alles ist zerstört." ״Laß mich!" schrie Alexander, indem er die Händedes Knaben abschütteln und weiter eilen wollte, ״mein Weib! — mein Kind!" ״Kein Mensch ist drinnen," wiederholte der Knabe, ihn von Neuem umklammernd, ״das Kind ist bei der SchabbeSfrau." ״Aber meine Frau? — Benjamin! um Gott — wo ist meine Frau?" In dem Antlitze des Knaben zuckte es fürchterlich, seine Lippen bebten, als wolle er sprechen, doch er brachte keinen Laut hervor. ״Benjamin!" stehte Alexander, ״sag', wo ist meine Frau." ״Bei meiner Mutter," flüsterte der Knabe, und wie verhaltenes Schluchzen entrang'S sich seiner Brust. ״Und Deine Mutter, Benjamin, wo ist Deine Mutter?" drängte Alexander, aus das gleichfalls brcnnende Hans seines Wirthschaftcrö blickend. ״Im Gan Eden," schluchzte der Knabe, beide Hände vor'S Gesicht schlagend. Ein herzerschütternder Wchruf und wie . vom Schlage getroffen brach der baumstarke Mann zusammen. ״Todt!" schrie er, ״todt!" Der Knabe neigte sich zu ihm, ihn zu stützen. ״Mein Vater ist auch todt — und meine Mutter ist todt — und meine Schwester. — O! warum haben sie mich nicht auch erschlagen?" Alexander versuchte sich aufzurichten. ״Wo?" stammelte er, ׳*?סט!״ Benjamin zuckte die Achseln. ״Der Vater hat gesagt, ich soll zu Ihrer Frau gehen, weil Sie nicht daheim waren. — Wie ich zur Thür will, kommen sic schon auf mich zu und packen nüch und zerren mich wieder ins Zimmer — einer stürzt sich auf die Schwester — der Vater springt auf ihn zu, da holt er mit der Hacke aus — und — und — Vater — und Mutter — und Schwester! — und mich lassen sie leben!" janunerte der Knabe, die Hände ringend. ״Und meine Frau — Benjamin, meine Frau?" ״Ich Hab' zu ihr wollen, weit's der Vater gesagt hat, aber wie ich hin bin, ist schon alles auSgeplündert, und die SchabbeSfrau kommt mit 'm Kind 'runter und sagt, sie wird'S halten, bis sein Vater kommt, und wie ich sic nach der Mutter frage, sagt sie, die hätte mit dem Grasen D... gerungen und weil sie sich nicht anders hätte helfen können, wäre sie aus'm Fenster gesprungen und todt geblieben." ״Nckom leenenu nikmas dam awodecho haschofuch!" stöhnte Alexander, indem er die geballten Fäuste drohend nach jener Seite hinwandte, von woher das Toben der Mordbrenner schallte. In dem Augenblick vernahm man einen furchtbaren Schrei ans dem Innern des brennenden Hauses. ״Heiliger Gott, sie lebt," schrie Alexander, und den Knaben znrückstoßcnd, der abermals ihn zurückzuhaltcn sich bemühte, eilte er hinein in das Gebäude, über dem die Flammen znsammenschlugen, das in jeder Minute eknzustürzen drohte. In seltsamer Jdecnverwirrung hielt er den Schmerzenslaut aus dem Innern des Hauses für ein Lebenszeichen Derjenigen, die außerhalb desselben den Tod gefunden. Der Schrei war von oben hcrgckommen; Alexander flog die Stiegen hinan, obgleich das hölzerne Geländer derselben bereits in Flammen stand. Was kümmerte es ihn, daß er sein Leben wagte. Auch oben auf dem Korridor brrnnte alles Holzwerk, ein nahezu erstickender Qualm erfüllte den Raum, doch abermals, wenn auch schwächer, vernahm er jenen Schrei anS einem seitwärts gelegenen Raume. Mit unsäglicher Anstrengung erreichte er das Zimmer. Auch hier war die eine Holzwand bereits vom Feuer ergriffen, doch der Qualm war erträglicher, denn daö eine Fenster stand offen. ״Tolza!" schrie Alexander, ״Tolza, wo bist Du?" Doch statt der Theuern Stimme antworte ihm das Aechzen eines allem Anscheine nach schwer verletzten Mannes. Im ersten Moment beachtete Alexander ihn nicht, sein umherschwciscnder Blick suchte sein Weib. ״Tolza, Tolza!" schrie er, als müsse sein Ruf sie zu ihm zurück bringen. Doch das offen stehende Fenster rief ihm die Mittheilnng des Knaben wieder ins Gedächtniß und von Neuem übcrmannte ihn das Bewußtsein seines unsäglichen Elends; — das wieder lauter werdcnde schmerzliche Wimmern rief ihn zu dem Verwunbete»; er neigte sich zu ihm und bei dem Aufstackern der Flammte erkannte er den Grafen D...S, der in namenlosen Qualen sich wand. Sein Angesicht war wie zerrissen, seine Augen schienen ansgelaufen; er schien vollständig erblindet. DaS Gefühl, das in biefem Augenblick Atexander's Brust erfüllte — welche Feder könnte es beschreiben? — Er war Mensch und sah Denjenigen vor sich, der vor kaum einer Stunde sein keusches Weib in den Tod gejagt — Hülflos von Flammen umzingelt lag er vor ihm. — Einen Moment blickte Alexander wie erstarrt auf den Elenden, dann wandte er sich, den mehr und mehr um sich greifenden Flammen zu entfliehen. Da vernahm er abermals jenen grauenhaften