Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1885)
- Article
- Über jüdische Bibelexegese
- Date
- 1885-05-07
- Page
- 291 (sequence 3)
- Language
- German
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201 wir befürchten, daß unsere angehenden Thora-Jünger in solcher Behandlung und Untersuchung das Höchste der jüdischen Bibelwisscnschaft zu erblicken angclcitet werden. Wir Hallen es keineswegs für überflüssig, von den Resultaten und der Methode der in anderen Kreisen gepflegten Bibclexegese Kcnntniß zu nehmen und auch die Zöglinge des Seminars damit bekannt zu machen, und zwar hauptsächlich, um vor den Abwegen zu warnen, in welche sich die Forschung verirren kann, sowie um die Hinfälligkeit der ausgestellten Hypothesen auszudecken. UuS sind die Prophetcnbücher heilige, Gott entstammende Dokumente, für deren Integrität die Treue unserer Heimgegangenen Geschlechter einsteht. Wir haben nichts auSzumcrzcn, nichts zu emendircn, nichts zu interpoliren. Wir kennen keinen Pseudojesaiah, keinen Sccharja den Zweiten, keinen falschen Daniel, keine Psalmen aus der Makkabäerzcit und wie die Krücken sonst heißen mögen, auf welchen eine lend.cnlahme exegetische Wissenschaft in stolzem Selbstgefühl dahinhinkt. Welche Gefahr hier schlummert, möge eine einzige Anführung aus der vorliegenden Abhandlung uns klar machen. Auf Seite V wird eine Erklärung zu Kapitel 4, 5 und 6 versucht, welche mit folgenden Worten anhebt״ .׳Auf Grund einer irrigen Deutung von Gcscnius hat neuerdings Stade diese Schlußworte dem Jesaias abgesprochcn. Sic sollen angeblich eine Rückkehr Gottes nach Zion aussagcn, das er demnach vorher verlassen haben tuüsse, ein Gedanke, der sich sonst bei Jcsaiah nicht finde." .Es war dieser Prophet aber von Gott nicht nur entscudc.t, um seinen Zeitgenossen die Gegenwart zu er- Hellen, ihnen daß Ideal vor die Seele zu führen, welches der Verwirklichung durch sic harrte, sie zur Ruck- und Umkehr׳ zu mahnen und ihnen den Untergang des Staats als daö göttliche Verhängniß zu verkünden, sondern auch die durch Cyrus zu bewirkende Rückkehr .aus dein babylonischen Exil, sowie die darauf folgende Zerstreuung Israels über die ganze Erde hin und die endliche Erlösung zu prophezeien. Es enthält demgemäß das Buch Jcsaiah sehr viele Stellen, welche von dieser Entfernung und Rückkehr handeln. Eine die Göttlichkeit des Prophctenworts leugnende und in den Propheten nur begeisterte Volksredner, nicht Botschafter Gottes im buchstäblichen Wortsinne erkennende Exegese weiß diese Stellen des Buches Jcsaiah nicht anders zu erklären, als durch die Proklantirung eines Jesaiah.il, welchem ein viel jüngeres Alter zugcschrieben werden muß; und diese hypothetische Existenz eines Pseudo- Jcsaiah, welcher seine Worte dem alten Propheten untergeschoben haben sott, gilt als ein Axiom, für welches eine weitere Begründung - nicht mehr beigebracht zu werden braucht. Wir sind der festen Ueberzeugung, daß Herr Professor Barth mit uns auf demselben Boden der unbedingten Anerkennung der Göttlichkeit der Propheten steht und diesen Nothbehclf einer nichtjüdischen Bibelcrklärung gleich uns verpönt. Er besitzt sicherlich auch Scharfsinn genug, unt im Stand) zu sein, diese falsche Auffassung gründlich zu widerlegen. Er begnügt sich aber in tym angegebenen Falle mit dem Nachweise, daß GescniuS und Stade übersehen haben, diese Verse auf daß früher Mitgethcilte znrückzubezichcn, was sehr wohl angängig sei. Wie gefährlich ist cS aber, eine solche den Urgrund der Prophetcnbücher negierende Ausfassung ohne Zurück- Weisung gerade dieses bewegenden Motivs zu lassen. Die Schüler können iu der Anschauung verbleiben, daß ihr Lehrer als Manu der Wissenschaft diesen Hypothesen einer unjüdischcn Weisheit nicht eutgcgentreten wolle oder könne, als ob cS nicht wissenschaftlich wäre, die Thatsache der Prophetie zum AuSgang der exegetischen Untersuchung zu machen. Wir wissen sehr wohl, daß man sagen könnte, das sei gerade ein hoher Triumph jüdischer Wissenschast, wenn sie bekunde, daß auch an einer Hochschule, welche ausgesprochener Maßen auf den- Boden der Orthodoxie sich gestellt, exegetische Studien betrieben werden, ganz nach der fremden Methode, und daß man auch hierin den Anderen ebenbürtig zur Seite stände. Wir halten dieses aber mindestens für einen großen Fehler, einmal wegen der schon angcdeuteten Gefahr, sodann aber auch, weit man darüber vcr-. absäumt, wirkliche und wahrhaftige ernste Bibelerktürnng zu geben, sich in den Geist der heiligen Bücher zu versenken und auö ihnen die hohe Belehrung für das Leben zu -schöpfen,׳' wofür sie uns anvertraut sind. ״Als Inden haben wir sic׳ zu lesen, d. h. als uns von Gott gereicht, daraus uns selber zu erkennen, was wir iu unserem irdischen Hiersein sind und sollen," ') ״sie für'S Leben gelesen, studirt, begriffen; daraus Judenthums Ansicht geschöpft über Gott, Welt, Menschheit, Jisroel nach Geschick und Lehre, und das Judenthum aus sich, erkannt, aus sich begriffen, aus sich zu einer Wissenschast der Lebensweisheit erhoben. Mit תלך begonnen! mit Sprachkeuntniß zuerst! Aus.dem Geist der Sprache den Geist der Sprechenden geschöpft; — תלך •baim nicht für Sprach- und AltcrthumSforschnngen oder Geschmacksthcorien und Amüsement gelesen; — studirt, zum Aufbau, einer Wissenschaft studirt, — .mit Davidischem Sinne Natur angeschaut, mit Jesaitischem Ohr Geschichte vernommen;. und dann, mit also gewecktem Auge, mit also geöffnetem Ohre über Gott, Welt, Mensch, JiSroel und Thauroh aus תלך die Lehre geschöpft, zunt Begriff gebracht, — und dann — mit dem Geiste solchen Begriffs ש״ס studirt, nichts als in ') S. Ben-Usielr Neunzehn Briese über Judenthum S. 7.