Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1885)
- Article
- Über jüdische Bibelexegese
- Date
- 1885-05-07
- Page
- 290 (sequence 2)
- Language
- German
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290 Ihre Worte sind דברי אלוקי׳ חייס und wollen unserem (Leiste Erleuchtung. unserem vcrzen Begeisterung, unseren! Gcmüthe Trost gewähren, wollen uns in unserem innersten Wesen erfassen, es läutern und erheben. Diese einige, unvergängliche, nicht einer entlegenen Vergangenheit allein, sondern auch der lebendigsten Gegenwart und fernsten Zukunft nngehörende Bedeutung des Prophelenworts trat nnS vor die Seele, nachdein wir die dem kürzlich ansgegebencn Jahresberichte des Rabbiner-Seminars zu Berlin pro 5644 vorangehende Progranunschrift ״Beiträge zur Erklärung des Jcsaiah von Professor 1)n. I. Barth" zn.Ende gelesen hatten. Der Herr Verfasser ist Lehrer des genannten Seminars und zwar, wie das LektionSverzcichniß. ausweist, auch ganz speziell für die Exegese der Propheten; die in der vorliegenden Abhandlung mitgclheilten Erklärungen sind nach der dieselben einführenden Vorbemerkung von ihm meist schon seit mehreren Jahren wiederholt vorgetragcn worden, und er nimmt für dieselben das nommi prem.itur in annum in Anspruch. Wir haben deshalb in ihnen den Geist und die Methode zu erkennen, in welchen! und nach welcher unsere zukünftigen obersten VolkSlchrcr das Prophetcnwort anfzufassen angelcitet werden. Wir gestehen, daß uns dieses mit tiefer Wehmnth erfüllt. Wenn wir nach der Ursache des Abfalls und der Entfrelndnng vom Judenthnm forschen, so ergicbt sich nnS die Mangelhaftigkeit dcS Verständnisses für den Inhalt und die Bedeutung desselben als Ursprung für den traurigen Verfall der Gegenwart. Vielen Kreisen ist .die Erkenntnis; des Jndenthums vollends verschlossen, eine Erkenntnis;, für welche Gott seine Diener,׳ die Propheten, in unserer Mitte erstehen ließ und sie zu Botschaftern seines an uns gerichteten Wortes bestellte. Dieses Wort begreifen zu lernen, in seinen Geist einzndringcn, um aus ihn! nnS, unsere Aufgabe als Träger der Gottesossenbarung und als Priester der Menschheit, und die Entwickelung der Zcitengänge zu begreifen, das dünkt uns, wäre in jeder Gegenwart Ziel und Zweck des Studiums der Prophetenbücher, ׳!!! keiner aber nothwcndiger als gccabc in der nnsrigcn, in welchereine Gelchrtenschnle erstanden ist,׳, die unter stillschweigender oder ansgejprochencr Leugnung der Prophetie und der Authentizität der Prophetcnbücher eine angebliche Wissenschaft dcS Jndenthums an'bant, welche nicht auf dem Boden des Judenthums steht. Dem gegenüber sollte es um so mehr Aufgabe und Ziel der von einer Pflanzstätte für Rabbiner betriedenen Exegese sein, deren Jünger den Geist der Prophctcn zu erschließen. Sie sollte die.brcitgetretcnen Pfade einer nichtjüdischen nnd unjüdischen Kritik vcrlassen und cS versuchen, an dem Anbau .einer echt jüdischen Wissenschaft mitzuwirken, deren Höhenziel die Erkenntniß des Jndenthums ans dessen eigensten Quellen ist. Nicht zu linguistischen und antiquarischen Forschungen sollte das Prophetenwort stndirt und nicht auS diesem Gesichtspunkte die Jünger eS aufzufassen gelehrt werden. Wenn wir aber die erwähnte Abhandlung betrachten nnd uns fragen, was hat sie in diesem Sinne nnS gebracht, so begegnet unser Auge einer öden Leere; und das betrübt uns in innerster Seele. Es könnten die versuchten Erklärungen ausnahmslos richtig und dennoch durch dieselben kaum ein einziger Schritt gethan sein, das Prophelenwort unserem Vcrständniß nach dieser Richtung hin näher zu bringen. Man wende nicht ein, daß dieses die Aufgabe der Homiletik sei, für welche am Seminar ein regelniäßiger Kursus angesetzt ist. Die Exegese hätte sich auf streng wissenschaftliche, kritische Forschung zu beschränken; die Verwerthung der Prophctenbückier zum Zwecke der Erbannng und Ermahnung sei eine besondere Disziplin, welche ja auch geübt werde. -Wir würden einen solchen Einwand sehr beklagen. Nach unserer Anschauung haben Kanzel und Katheder gleichmäßig in den Dienst der Wahrheit sich zu stellen. Das jüdische Predigerantt ist ein Lehramt; "der Prediger ist der Volkslehrcr und hat als solcher die heilige Schrift in ihrer wirklichen Bedeutung von der Kanzel zu lehren; er soll sie nicht als oratorischeu Schmuck'behandeln, um in geistreichem Spiel ״in dm פסוק einzustcllen", was ihm gerade bequem ist, und dem Texte dergestalt einen ganz anderen Sinn uulerscbieben, als er in Wirklichkeit besitzt. Die Predigt soll buchstäblich.die Erklärung des Gottesworts sein, und sie. darf so wenig dasselbe zur leeren Phrase herabwürdigen, wie die Exegese es als eine Fundgrube philologischer und archäologischer Forschung zu betrachten . hat. Doch dieses nur beiläufig. Wir -wünschen nicht mißverstanden zu werden und betonen es deshalb ausdrücklich, eine gründliche Sprachkenntuiß ist auch uns die nothwendige und unabwcisliche Vorbedingung zur Erforschung des GotteSworts. Aber wir meinen, daß dainit die exegetische Untersuchung nicht abgeschlossen ist. Eine Klarstellung der unmittelbaren Veranlassung der einzelnen Botschaften Gottes durch die Propheten, wie solche in den Prophctenbüchcrn selbst angegeben ist, gehört ebenfalls zu der propädeutischen Erkenntniß, aber 'auch d-amit ist die Exegese nicht erschöpft. Auf Grund des erlangten Worlverständnisscs und der Vergegenwärtiguug der mitgcthcilten Veranlassung nunmehr das in seiuer ewigen, unvergänglichen Bedeutung verkündete Gotteswort durch des Propheten Mund erfassen Hu lernen, das soll uns die wahre Ausgabe und das wirkliche Ziel der Exegese sein. Und gerade diesesist es, was wir in ״den Beiträgen zur Erklärung des Jesaiah" -des׳'Herrn Professor Barth schmerzlich vermissen, weil