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Jeschurun · 1885-04-23 · Heft 17 (23.4.1885) · p. 258

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 17 (23.4.1885)
Article
Der Sefirah-Psalm
Date
1885-04-23
Page
258 (sequence 2)
Language
German
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258 Ich änderte diese Meinung kürzlich einem Manne gegenüber, welcher sich auf seine Gelahrtheil nichl wenig zugute thnl. Ich betete nämlich nach der כפירה den siebcnnndscchzigslcn Psalm und forderte dadurch den kritischen Spott dieses gradnirten Herrn heraus. .,Neben Sie auch noch solchen kabalistischcn -Hokuspokus? Wissen Sic nicht, daß man diesen Psalm zu einem kindischen mnemotechnischen Spiel benutzt hat, weil derselbe gerade nennnndvierzig Worte den zu zählenden nennnndvierzig Tagen entsprechend enthält? Wasי hat die Sefirah mit diesem Psalm gemein? Das aber war gerade die alte ׳Weise: man hielt sich auch hier an etwas ganz Zufälligem, Nebensächlichem nnd verlor darüber jedes tiefere Vcrständniß für den Geist. Es soll mich doch Wunder nehmen, ob cs der romantischen Orthodoxie gelingt, auch dieses wenig geistreiche Spie! mit Worten zu shmbolisiren." So und noch manches Andere sprach der gelehrte Mann zu mir armen Nenorthodoxcn. Sollten in der Thal unsere Alten zwischen dem siebenundsechzigsten Kapitel des Psalmbnchs und dem Scsirahgcbote keine andere Beziehung als die Uebcrcinstimmnng der Wort- und Tagczahl erblickt haben, als sic gerade ans diesen Psalm für die Sefirah-Tagc hinwieseit? Armselige Einiagswcishcit, die cs weder versieht, die Herrlichkeit der Gottcsgebotc zu erfassen, noch dcln Gedanken des jüdischen Geistes nachzuspüren, der nirgends deutlicher zu uns redet, als gerade in den Anordnungen und Gebräuchen, mit welchen er die Ausführung eines göttlichen Gesetzes begleitet! Thörichtcr Dünkel eitlen Bielwisscns, das an der Oberfläche hasten bleibt und sich unendlich tief glaubt, lveun cs nothdürslig die äußere Erscheinung der Dinge zu erkennen vermag! Diese hochmüthige und beschränkte Gelahrtheit ist der wahrhaftige רשע der Ha gada, mit dem man nicht über das Wesen des göttlicheit Gesetzes dispntircn kann, weil er doch kein Vcrständniß dafür hat uttd nienials ttach wahrer Erkenntniß gestrebt hat. Dem spöttischen Worte setzen wir den Ernst der Handlung entgegen; er allein kann ihm vielleicht noch itnponircn. Zn wessen Geist aber Peßach und. Sefirah eine verständliche Sprache reden, wessen Herz nicht uuentpsänglich ist für die Lehre und Mahnung derMizwoth, der dankt auch .der Weisheit des jüdischen Bolksgenins, welcher ihm Sinn nnd Bedeutung der Mizwoth durch den von ihm geübten Anssnhrnngsmodns erschließt. Den Jahrestag seiner Nationalgcburt und Freiheit feiert Israel stets, mit dem Zeichen seiner Ursprünge lichen Unselbständigkeit u!td Knechtschaft in der Hand, zur Zeit der ersten Aehrenreifc ans dem Boden, den : Gott, der Schöpfer seiner Freiheit.und Selbständigkeit, -ihm zu eigen gegeben: und nicht eher durfte der ehemalige-ägyptische Sklave den ersten Schnitt an dem Erntcsegen seines eigenen Bodens beginnen, als er durch Pcßach und Mazzah stets auf's Nene das Nationalbekenntniß abgelegt hatte, daß er seine Freiheit und seinen Boden nicht seiner Kraft verdanke und nicht als Erbe seiner Väter besitze, fonbern als Geschenk ans der Hand seines Gottes und Herrn stets auf's Neue empfange. Die siebenwöchcntliche Zählung von der Omcrwende an bis zum Jahrestage der Offenbarung am Sinai, wo ihnt das höchste Gnadengeschenk Gottes, die Thora, geworden, sollte in ihm die noch bedeutfamere Wahrheit stets auf's Nene befestigen, daß Freiheit und Selbständigkeit nicht die höchsten Güter seines Daseins wären, daß sie ihm vielmehr nur geworden, um dies Gesetz Gottes zur Verwirklichung im Kreise der Menschheit zu bringen, daß sie!licht den Zweck der Erlösung aus der Knechtschaft Aegyptens und nicht das Ziel seiner Erhebung ans dem tiefen Elend seiner Pariaexistenz gewesen, daß er vielmehr als freier Mann aus dem eigenen Boden mit dieser Freiheit und Selbständigkeit erst am Mifange seiner einzigen Aufgabe stände, für welche ihn beides geworden, und er sich stets auf's Nene vorzubcreitcn und zu rüsten habe, um unter Entfaltung aller seiner Kräfte das Höhezicl zu erreichen, das ihm vom Chorebgipsel cntgegcnwinkt. 'in ״ .אלקי׳ יחננו וערכנוGott gewähre uns geistige Begabung und segne uns, er erleuchte sein Angesicht bei uns," so tönt daS Psalmlied. Nicht das was andern Volkokreisen das Höchste gilt: Wohlfahrt, Selbständigkeit, Wohlstand, ist Israels heiße Sehnsucht. Es kennt ein Höheres: die Befähigung, Verkünder des göttlichen Willens im Kreise der Menschheit zu sein, und den Segen Gottes erbittet cs sich, auf daß das Ziel der göttlichen Waltung, פניו, die Erziehung der Menschheit zur Gotteshnldignng, erkannt werde durch Israels Wirken und sein Geschick, — daß auf Erden Gottes Weg erkannt werde, die Spur Seiner Waltung, die Spur der von Ihn! gewiesenen Pfade zum Heile, nnd Ihm alle Völker den' Tribut des Gehorsams zollen, und nicht Israel allein in seiner Freiheit und- Selbständigkeit das Gnadengeschenk Gottes erkennt, sondern alle Völker in der Gestaltung 'ihrer inneren Verhältnisse Gottals ihren einzigen König und Ordner in Wahrheit verehren und die ganze Erde das Gottesreich bilde, dem Gottes voller Segen zu Thcil werde. Nicht Israel allein legt dann sein ganzes Wesen Gott zu Füßen, sondern ״Ihn ehrfürchtcn dann alle Enden der Erde." - Also hat Israel die ״Sefirah" begriffen, selbst als die Menschenkrcise, in deren'Mitte eS als Ausgestoßener betrachtet und behandelt wurde, selbst als verblendete Brüdervölker über es herficlen und ihm den Scheiterhaufen errichteten. Es hat sich den Glauben an der endlich obsiegenden Macht des Geistes über das

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