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Jeschurun · 1885-03-26 · Heft 13-14 (26.3.1885) · p. 207

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 13-14 (26.3.1885)
Article
Vier Sinnesarten
Date
1885-03-26
Page
207 (sequence 4)
Language
German
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207 biebcrcr Slnraftcr, in weichem ba? (Gefühlsleben über• wiegt und der $11111 Nachdenken weniger Bedürfnis; hat und demselben «ich: zngeneigt ist. Gemnthliche Veriunerlichung und beschauliche Betrachtung sind die Beschästigung seiner Seele, und aus diesem Seelciizuftande heraus schaut er das Leben. מה זאת ist sein Ausruf, ״was ist dies?'." Seine Frage geht nicht ins Einzelne, wie die des Weisen, sein Denken richtet sich nicht ans die Thcile des Ganzen. ״Was ist dies, welche Empfindungen regt es an, welche Gefühle ruft es wach, aus welches geschichtliche Ereignis; bezieht sich diese ganze Seder-Handlniig. daß ich am Anslosten der Erinnerung mich labe?" Daraus die Autwort: ״ בחזק יד הוציאנו ה" ממצרים מבית עבדיםmit Stärke der Hand hat Gott uns aus Mizraim, dein Sklavenhanse, Heransgeführt". Darf ich eine Erklärung wagen, so möchte ich vermuthen, das; der Unterschied zwischen חזקה T, starker Hand, und הזק יר, Stärke der Hand, bei Gott angewei-.det, der ist, daß der erste Ausdruck da zu stehen hat, wo ein wahrnehmbares Eingreifen ״der starken Hand Gottes in die äußere Geschichte stattgefunden hat, wo die Hand Gottes gewissermaßen sichtbar geworden war, daß aber הזק יר, Stärke der Hand, da am Platze ist, wo Gottes Walten mehr auf die Gesiunnng, auf das Herz wirkte. Aus den .(Letten der ägyptischen Menschengewalt ward Israel befreit, ביר היקה mit starker Hand: ans den Kelten der ägyptifehen heidnischen Anschauung ward es בחזק יר mit Stärke der Hand erlöst; seinem Körper druckte Gott das Freiheitssiegel ans ביד הזקה, mit starker Vaud, seinem Geiste prägte er das Frciheitszeichen ein T בחזק, durch Stärke der Hand. Israels (Öeift war schon zu den Auschaunugen des ägyptischen. Götterwahns hinabgesunken, und הזק יר, große Kraft war von Nöthen, um es ans diesen Banden zu lösen. Das sollen wir dem תם erwidern: ״Du biederer Mann, du Gefühlsmensch. du fragst, warum wir Peßach feiern, was für Gefühle und Empsindnngen dabei uöthig sind, so wisse denn בהזק יר הוציאנו ובו, des Geistes wegen hat uns Gott aus Mizraim herausgesnhrt, unser Denken war in Gefahr, unser Geist war auf Irrwegen, und darum griff Gott ein. Erkennst du daraus auch deinen Irrweg und entnimmst du daraus die Gefahren des von dir betretenen Pfades? Dein Gefühl in Ehren, deine fromme Biederkeit ist di'e Wärme des' Herzens, aber es ist eine dunkle Wärme, und Licht gicbt ihr erst die Leuchte des Denkens. Was erzählt uns das Karalterbild uc§ - ותם, des biederen Gefühlsmenschen? — es erzählt uns den Psalmvers: * ״ תים ויועד- יצדוני בי קויתיךfrommes Fühlen und gerades Denken -zusammen behüten mich, denn dich habe ich mir zur Richtschnur genommen", ge׳ traue ich mir zu übersetzen, von קו, Richtmesser. Gott ist gut und gerade, 0[ ,טוב ויימר muß auch der Mensch, der zu seinem Dienste berufen ist, nach beiden! streben, nach guter Empfindung und nach graben Gedanken. So wie der Weise gefährdet ist in dem isolirten Denken, so ist auch der Fromme gefährdet in dem isolirten Gefühl. Wie das vom Gefühl ungeschützte Deuten in sich das Gift des Stolzes birgt, so liegt in dem vom Denken nicht beherrschten Gefühl das Gift der Schwärmerei im Hinterhalte. Der Geist ist der Leitstern für das Herz. — Das ist der Ruf ans dem dritten Karakterbild des תם, des frommen Biedermannes. IV. '״ ושאינו יודע לשאול אתה פתה לו ובוUnd Denjenigen, der nicht zu fragen versteht, sollst du zum Fragen bringen, denn so heißt es: du sollst an jenem Tage des Peßach deinem Kinde erzählen, indem du cs auf die Sedertafe! hinweisest und sprechest: zu diesem Zwecke ha.t Gott mir Wunderbares gethan, als ich ans Mizraim zog." Dem, der nicht zu-fragen weiß, sollen wir den Mund zum Fragen öffnen. Wir können stolz sein auf diesen Ausspruch, der von jeher für Israels Verhalten maßgebend war. Die Menschheit war lange nicht so glücklich und ist auch heute noch nicht überall so glücklich, daß die in dieser Mahnung ausgesprochene Pflicht bethätigt wurde oder werbe. Aufklärung, Volksaufklürung, wie viel Hasser hat doch dieses Wort noch heute, das wir schon vor Jahrtausenden gerufen und in unserem Kreise auch erfüllt haben. Unsere Priester haben die Aufklärung nicht nur nicht ans Furcht, das klug gewordene Volk könnte an ihrer Gottesgesandschaft zweifeln, unterdrückt, im Gegcnthcil, gerade sie haben sie gefördert. Die Priester waren die Lehrer, die Lehrer des gesammlen Volkes, des Edelmannes wie des Bauern, des Herrn wie des Knechtes. Die Dummheit und Unwissenheit war in jüdischem Kreise mit keiner Schutzmarke versehen, sie fand bei uns fei״׳ Asyl und ward noch viel weniger verhätschelt und geli-.bkost, weil — wir von der Klugheit und der Aufklärung nichts zu fürchten hatten und nichts zu furchten haben. Es kann wohl der Fall cintreten. daß wir die Antwort schuldig bleiben müssen, wo der Begriff eines Gottes- und Gesetzeswortes über.nuferen Sinn geht; aber daß eS ׳gegen den Sinn, gegen den geraden menschlichen Verstand sei, das werden wir nie zuzngeben brauchen. Im Indenthum gicbt es Manches, was in seinem tiefen Begriffe wicht von Jedermann zu erfassen ist, aber Nichts, was die menschliche Forschung zu furchten hätte. Undweil wir in der Klugheit und Aufklärung keine Gefahr erblicken, darum sehen wir umgekehrt in der Dumm-

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