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Jeschurun · 1885-03-19 · Heft 12 (19.3.1885) · p. 183

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 12 (19.3.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-03-19
Page
183 (sequence 3)
Language
German
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183 ״Ist auch gar nicht nothwcndig," versetzte der Andere. ״Es ist auf den Neunten bestimmt, und hellte haben wir erst den Sechsten. Wenn Dn willst, kannst Du bis zum Abend des Siebenten hier bleiben. Steppanowski und Ehcrkow sind bereits seit gestern in P." ״Ich werde entweder den Achten, Abends, oder am Neunten, Morgens, dort cintreffcn," sagte Ignaz. ״Besser wäre es doch, Du wärest schon an! Achten dort," meinte Herzkow. ״Ihr nMßt euch doch noch genauer mit einander verständigen." ״Wir haben bereits alles verabredet," versetzte Ignaz, ״doch wenn Dus für besser hälft — meinethalben, erwartet mich gegen Mittag des Achten." Sie wechselten noch einige Worte mit etwas leiserer Stimme, so daß ich sic nicht verstehen konnte. Dann reichten sie einander die Hände, druckten sie auffallend lange, und dann entfernte sich der Hofmeister. Ignaz begleitete ihn nicht, doch so wie der Andere das Zimmer verlassen hatte, warf er sich in einen Sessel und schlug beide Hände vor das Gesicht; ich hörte ihn laut ächzen." Mit angehaltcuem Athen! hatte Lewinski den Mittheilungen seines Schwiegersohnes gelauscht, ohne ihn auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen. Doch als dieser jetzt schwieg, fragte er mit leiser, bebender Stimme: ״WaS glaubst Dü, daß sie beabsichtigen?" Alexander zuckte die Achseln. ״Es scheint allerdiugS, daß Ignaz vor morgen Abend nichts beabsichtigt — indessen — garantircn möchte ich's nicht — ich habe, wie gesagt, das, was sie zuletzt gesprochen, nicht verstehen können. Es war daher meine Absicht, ihn Tag und Nacht unter Aufsicht zu behalten; ich wollte ohne sein Wissen in dein erwähnten Erkerstübchen übernachten, von wo keine seiner Bewegungen mir hätte entgehen können. Aber Tolza fühlt sich heute Abend so sehr unwohl, daß ich es nicht wagen möchte, sie allein zu lassen." ״Gewiß nicht, gewiß nicht," siel LewinSki ein, ״aber ich werde thun, was Du beabsichtigt hast, ich werde in dem Erkerstübchcn schlafen." ״Das dachte ich mir, und darum habe ich meine Mitthcilung auch nicht einmal bis morgen verschieben wollen, obgleich eS mir in der That schwer angekommen ist, sie Ihnen zu machen." ״Ich weiß, ich weiß — doch wie werde ich ihn zurückhalten können, den unglückseligen Knaben? — und was mag er beabsichtigen?" Alexander zuckte wiederum die Achseln, während Lewinski, das müde, weiße Haupt Lief auf die Brüst geneigt, in trübes, schmerzliches Sinnen versank. Er merkte nicht, daß sein Schwiegersohn sich entfernt, und erst als dieser nach nahezu einer halben Stunde wieder in'S Zimmer trat, hob er das Haupt ein wenig. ״Willst Du nicht nach Tolza sehen? das. arme Kind; sie leidet so sehr, es ist nicht gut, sie lange allein zu lassen." ״Ich komme soeben von ihr, sie schlummert bereits, das wird ihr mit Gottes Hülfe wohl thun; Schlaf ist ihr bestes Heilmittel." Der Vater murmelte einige zustimmende Worte, dann erhob er sich. Alexander stützte ihn. ״Ich habe einige Polster und Decken auf das Ruhebett in das Erkerstübchen gelegt, cs ist doch besser, daß auch die Leute nicht ahnen, daß Sie dort übernachten." Lewinski drückte ihm dankend die Hand und auf seinen Arm gestützt, schritt er langsam dem Zimmer zn, das an das seines Sohnes stieß. ״Ignaz scheint bereits zn schlafen," flüsterte Alexander, indem er die mit einem Schirm versehene Lampe auf den Tisch stellte, ״es wäre am besten, wenn Sie sich auch jetzt niedcrlegen würden." Lewinski neigte zustimmend das Haupt, der Andere entfernte sich. Der alte Mann stand noch immer mitten im Zimmer, die rechte Hand hatte er an die Stirn gepreßt, als müsse er sich entsinnen, warum er denn eigentlich hier weile. Endlich athmete er tief auf, ließ die Hand sinken und trat dicht an die Tapetenthür, die zu seines Sohnes Zimmer führte. Lauschend' stand er da, er vernahm deutlich die tiefen regelmäßigen Athemzügc des Schlafenden, hin und wieder jedoch unterbrochen von einem eigenthümlichen Geräusch, einer Art Schluchzen, wie man dieses bei Kindern zuweilen bemerkt, die weinend vom Schlaf übermannt werden. Ein schmerzliches Aechzen entrang sich auch deS Vaters Brust. Er trat zum Ruhebette, schob die sorglich darauf geordneten Decken zurück, und ohne sich zu entkleiden, legte er sich nieder, doch seine Augen schlossen sich nicht, er wollte auch nicht schlafen. — Lauschend lag er da, nicht das geringste Geräusch im Nebenzimmer konnte ihm entgehen: noch immer vernahm,'er die regelmäßigen Athemzügc des Schlummernden, doch die Unterbrechungen wurden häufiger. Mitternacht war bereits vorüber, in die Angen des alten ManneS kam kein Schlaf, und auch der Schlaf des jungen Mannes drinnen schien unruhiger und unruhiger zu werden. Er ächzte, wälzte sich auf seinem Lager, man hörte das Bett in seinen Fugen krachen. Plötzlich schrie er laut ans, der alte Lewinski fuhr empor und eilte zur Thür des Nebenzimmers, an der er lauschend verharrte. Laute unverständliche Worte drangen an sein Ohr, doch plötzlich vernahm er deutlich das angstvolle Aufschreien des noch immer Schlummernden. ״Sie ist geplatzt! — sie ist geplatzt! — Blut! überall Blut! — Blut!" — Ein Schrei des Entsetzens entfuhr den Lippen

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