Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-03-19
- Page
- 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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182 ״Weißt Du, wer bei ihm ist?" Iankel zuckle die Achseln. ״Ich kenne ihn nicht; ich weiß nur, daß es ein Nicht jude ist, denn er hat mich nicht verstanden, als ich gesagt habe, daß der Herr Ignaz Schiwoh sitzt." Alexander preßte die Lippen ans einander. ״Ist : cs ein junger Mann? — sieht er nobel ans?" ״Freilich ist er jung, und nobel sichrer auch aus, : er hat einen Zwicker aus der Nase und nichts weiter als einen Schnauzbart." ״Er ist größer als ich und hat ein schmales, bleiches Besicht?" ״sicher kennen Sic ihn, weil Sic so genau wissen, wie er ausschant." ״Es ist der Hofmeister," flüsterte Alexander in sich hinein, während er langsam den Korridor entlang ging, doch nicht auf die letzte Thür zu, die zu dem Zimmer seines Schwagers führte, er öffnete die vorletzte und trat durch dieselbe in ein anderes Zimmer. Es war in den später!! Abendstunden; die Besuchcr hatten sich bereits entfernt, die Familie befand sich allein. Tolza, die seit dem Tode ihrer Mutter beständig leidend war, hatte sich überreden lassen, früher als gewöhnlich ihr Lager anfznsnchcn. ״Du solltest Dich auch niederlegen," wandte sich der alte Lewinsli an seinen Sohn, der auffallend bleich, noch trüber als gewöhnlich vor sich hinstarrte. Ignaz antwortete nicht, aber er erhob sich und verließ das Zimmer. Alexander hatte bisher am Tische gesessen, sobald jedoch sein Schwager die Thür hinter sich geschlossen hatte, begab er sich zu feinem Schwiegervater, sich möglichst nahe zu ihn! niederlassend. ״Ignaz sieht sehr übel ans," sprach der Baker dem sich Entfernenden besorgt nachblickend. ״Er ha! .heute eineu Besuch empfangen," entgegnete Alexander leise. ״Was hat er?" fragte Lewinski. Alexander wiederholte seine Worte in deinselben gedämpften Tone. ״Warum sprichst Du leise?" Alexander zögerte einen Augenblick, dann flüsterte er: ״Der Hofmeister der Gräfin Orlosfska ist bei ihm gewesen." Lewinski fuhr zusammen und preßte die Hand auf's Herz. ״Woher weißt Du's?" murmelte er, ״hat er Dir's mitgetheilt?" Alexander schüttelte vcrneineud das Haupt. ״Es waren Nachmittags einige lästige Besuche da; ich sah Ignaz das Zimmer verlassen, und da ich ihn nicht zu lange allein lassen wollte, begab auch ich mich bald ׳ hinaus. Durch den alten Jankel erfuhr ich, daß ein Fremder bei ihm sei, nach seiner Beschreibung erkannte ich sofort, den Hofmeister." ״Und Du weißt nicht, was er von ihm gewollt?" fragte Lewinski nach kurzer Pause, gleichfalls in gedämpftem Tone. ״Genau weiß ich'S nicht," erwiderte Alexander, indem sein männlich schönes Gesicht sich für einen Momentmit dunkler Gluth überzog. ״Ich habe gethan," fuhr er zögernd fort, ״was zu thun ich bisher für unmöglich gehalten — wozu ich jedoch in diesem Falle mich verpflichtet hielt." ״Was hast Du gethan?" flüsterte Lewinski in athen,loser Spannung zu dein Schwiegersohn cniporblickend. ״Ich ging in das Erkerstübchen, das, wie Sie wissen, durch eine Tapetenthür mit Ignaz Zimmer verbunden ist. Leise schob ich den Niegel vor die Ber - bindnngsthür und — habe gehorcht." ״Gott segne Dich," murmelte der Vater, indem er dem jungen Manne die Hand drückte, ״was hast Du gehört?" — Abermals zögerte Alexander, er hätte es dem Vater so gern verschwiegen, wenigstens für diesen Abend. Doch er fürchtete, durch sein Schweigen möglicherweise eine schwere Verantwortung auf sich zu laden. ״Ignaz scheint den Hofmeister nicht erwartet zu haben," begann er wie entschuldigend, ״er schien durch seinen Besuch überrascht. In den ersten Minuten, in denen ich mich auf meinen Horcherposten befand, vcrnahm ich׳ nichts, aber durch die Thürspalte erblickte ich beide. Ignaz mit einem Brief in der Hand, lesend, der andere mit verschränkten Armen ihn! gegenüber. Während des Lesens ward Ignaz furchtbar bleich, er stemmte die Hand auf den Tisch, wie um sich zu stützen. Als er den Brief zu Ende gelesen, ließ er die Hand, in der er ihn gehalten, sinken. ״Hast Du genau-gelesen?" fragte der Hofmeister, der keinen Blick von dem vor ihm Stehenden wandte. Ignaz neigte bejahend das Haupt. ״Lies ihn noch einmal," gebot der Andere, ״und dann gicb ihn mir zurück, daß ich ihn verbrenne." Ignaz entsprach dieser Aufforderung. Nochmals schien er langsam das entfaltete Schreiben zu dnrchlesen, während ich es wiederholt in seinen! Antlitz zucken' sah, dann reichte er das Blatt dem Andern, der ein Streichhölzchen anzündete und mit demselben den Brief in Brand setzte. Bis er vollständig verkohlt war, sprachen beide kein Wort. Die Asche zertrat Herzkow und schob sic zur Seite. ״Du bist also bereit?" fragte er endlich. ״Ich habe mein Wort gegeben," entgegnete Ignaz, seine Stimme war eigcnthümlich belegt. ״Ich wußte, daß Dein Wort Dir heilig ist," sagte Herzkow. ״Aber in dieser Woche wäre es mir unmöglich gewesen," sagte Ignaz, ״diese Woche kann ich nicht fort."