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Jeschurun · 1885-03-12 · Heft 11 (12.3.1885) · p. 164

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 11 (12.3.1885)
Article
Der Antisemitismus des Philsophen
Date
1885-03-12
Page
164 (sequence 2)
Language
German
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164 Materials könne man daran gehen, den Ursachen jener! Besonderheiten nachzuspüren. Wir werden aber eines! Besseren belehrt. ״Da sind die Juden", dozirt Hartj mann, ״betrachten wir bereit Geschichte. Bit waren j durch eine lange Reihe von Generationen unfrei, J rechtlos und unterdrückt, — in ihrer sozialen Stellung niedrig, dürftig und ehrlos und in ihrer Berufsthätigkcit lediglich auf den Handel angewiesen. Aus der Unsrciheit, Rechtlosigkeit und Unterdrückung muß ״nothwendig Hinterhältigkeit, Verschlagenheit, List, dcmüthig kriechende Uutcrwürsigkcit, Mißachtung des fremden Rechts und Feigheit gezüchtet werden; kommt ein derartiges Individuum ausnahmsweise in die Lage, dem Gegner überlegen zu sein, so fehlt ihm die Bescheidenheit und Sclbstbeschränkung des in sich gefestigten und gesättigten Selbstbewußtscius, und cs hält sich durch frechen Ucbcrmuth und muthwilligc Depression des Gegners für so viele erlittene Dcmüthigungeu schadlos." Aus der Niedrigkeit, Dürftigkeit und Ehrlosigkeit der sozialen Stellung wird ״ein Pariagcfühl gezüchtet" werden müssen, ״das sich in einem haltlosen Schwanken zwischen zwei Extremen bekundet, nämlich zwischen einer antisozialen gänzlichen Verachtung der nationalen Anerkennung einerseits und einer eitlen Uebcrschätzung und einer würdelosen Gier nach dieser Anerkennung andererseits, zwischen zynischer Mißachtung der nichtjüdischen össeutlichcu Meinung und krankhafter Eitelkeit." Aus der Dürftigkeit folgte auch die ״Unreiulichkeit und andere Fehler der drückenden Armuth." Die Einscitigkcit der Vcrussthätigkeit erzeugt eine eigene ״Berussmorat." Die Juden sind aus das Geschäft h'mgewicscn, ergo habe die ״Geschüftsmoral" bei ihnen üppig gewuchert. Die Geschäftsmoral aber ״gestattet jede Uebervortheiiuug der Kunden wie des Konkurrenten," ״sic fordert sogar die Ausnutzung jeder sich darbieteuden Gewinnchance," ״der Ehrbegriff der Geschäftswelt gipfelt im Gclde." Diese einseitige Bernfsmoral modelt den ganzen Stammeskarkter und wird ״nothwcndig" ״in unberechtigter Weise übergreifeu, insoweit nicht das Solidaritätsgcsühl des Stammes mildernd dazwischen tritt, also insbesondere bei dem Verhalten zu?lichtjuben, und zwar erstens übergehen in das Gebiet der Privalmoral und zweitens in dasjenige anderer Berufe." Da habt ihr den ״geschichtlich erworbenen Karakter" der Juden! Gott sc! Dank und Preis, daß dieses Karakterbild nur in der von Vorurthcil, Haß, ׳Neid und instinktiver Abneigung erhitzten Phantasie eziftirt, aber der Wirk-!;chkeit nicht entspricht. Das har auch selbst Hartmauu, der Philosoph des AutiftmitismuS, gefühlt und er hat sein Gewissen damit salvircn wollen oder cS unbewußt ausgesprochen: cs zeugt für die innere sittliche Tüchtigleit, daß diese Fehler ein immerhin eng begrenztes Maß nicht überschritten haben. Diese kurze Erklärung schickt er seiner Schilderung des jüdischen KarakterS voraus, um ihrer aber sofort zu vergessen und ״den meisten Inden" der Gegenwart folgende liebliche Besondcrheiten anzudichten: Mangel an wahrem Stolz und wahrer Bescheidenheit, pruukloser Würde, eitclkcitSfreier Selbstschatzung; Selbstwegwerfung und Kriechereigegen Höhergcstcllte, mißachtende Uebcrhebung gegen Tiescrstcheudc; Speichelleckerei gegen den zu Ueberredenden, Frechheit gegen den Geprellten; Krämc-rsinn selbst bei denjenigen Juden, die sich der Wissenschaft und -Kunst widmen; Mangel des Gleichgewichts zwischen Verstand einerseits und Gemüth, Karakter. Takt, Zartgefühl und feiner Sitte andererseits. Es war nur ein kurzes Aufdammern eines von Antisemitismus nicht erfüllten flüchtigen Moments, der ihm jenes Zugestäudniß au die Wahrheit entlockte. Wir begegnen hier wiederum der erstaunlichen Beschränkheit und Besangcnyeit des Hartmanu'schen Geistes, der sich nicht über die enge Sphäre eines pessinlistischcn Atheismus erheben kann. Wenn derselbe die Wahrheit wäre, wenn er den Schlüssel zur Entzifferung des Welträthsels böte, wenn seine Dogmen nicht auf eitel Wahn und Jrrthnm beruhten, wenn in der irdischen Hütte des Menschen nicht eine unsterbliche, freie Seele, der Odem eines außerirdischen, freien GotteS waltete, — dann könnte Hart mann Recht haben. Dann müßte das thränenreiche, leidensvell. Geschick des jüdischen StammcS alle die Mängel, Fehler und häßlichen Auswüchse ״gezüchtet" haben, welche er ihm a priori zucrkennt, dann müßte er mit allen Gebrechen einer Sklaven- und Pariakaste behaftet sein und als ein widriges Monstrum unter den übrigen Völkerfamilien dastehen. Er hätte ein solches werden müssen, weil ihm nicht die Kraft hätte iunewohncn können, sich dem Einflüsse des übermächtigen Schicksals zu erwehren; er hätte körperlich, geistlich und sittlich verkümmern müssen. Dann aber träfe ihn ob dieser Depravation kein Vorwurf, dann hätte die Anklage gegen diejenigen sich zu richten, welche Bedrückung, Verfolgung, Achterklärung, Rechlsversaguug, Schimpf, Hohn und Spott über ihn verhängt, welche die Urheber der ״drei Quellen" sind, aus welchen nach Hart mann diese Mange! stammen, welche ihn a. zu ״Unfreiheit, Rechtlosigkeit und Unterdrückung," b. zu ,/Niedrigkeit, Dürftigkeit und Ehrlosigfeit,״ c. zum ״Handel" verdammten. Dann ist es grausamster Hohn, wenn Hartmann jetzt ihm die Aufgabe stellt, ״sich durch die ernste Arbeit von Generationen" von dem ״traurigen Erbthei! seiner traurigen Lergangcuheit erst wieder mühsam zu befreien," bevor ״die Gesellschaft" ihn aufnehmen könne. ״Die Gesellschast" hat ihm sein Gewand zerrissen und besudelt, hat ihn blutrünstig geschlagen, hat ihm in'S Angesicht

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