Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1885)
- Article
- Der Antisemitismus des Philsophen
- Date
- 1885-03-12
- Page
- 163 (sequence 1)
- Language
- German
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163 Der Antisemitismus des Philosophen. (Fortsetzung.) Herr Hart mann sott uns nicht durch kecke Be- Hauptungen, die eines Philosophen unwürdig sind, sondern durch Daten beweisen, daß wir deutsche Juden die unS gewährte Gleichstellung noch nicht durch die volle ״Gegenleistung" au Patriotismus erwidert hätten. Ihm liegt dieser Beweis ob. Wir aber können getrost unsere ganze Vergangenheit und Gegenwart zu Zeugen aufrufen für die durch nichts zu widerlegende Thatsache, daß wir zu jeder Zeit unserer Pflicht gegen Vaterland, Fürst und Mitbürger nicht nur in äußerer Legalität, sondern in vollster Loyalität Genüge geleistet und gegen keine andere Gruppe innerhalb des deutschen Reichs hierin zurückstehen. Es war keine Großmuth, keine Gnade, wenn man uns die Emanzipation endlich nicht mehr verweigerte. Es war vielmehr nur ein einfacher Akt der Gerechtigkeit, daß man uns nicht länger vorenthiclr, was uns von Gott- und Rechtswegen von jeher gebührte. Mit der Judenemanzipation löschte man einen häßlichen Flecken an der nationalen Ehre der deutschen Staaten auö, in welchen den Juden so lange das ihnen znstehende Recht vorenthalten worden war. Die Liebe und Treue der Juden zum Staate konnte aber durch diese von uns freudig begrüßte Tilgung einer alten Schuld nicht gesteigert werden,!veil wir stets den Staat geliebt, der, wenn auch stiefväterlich uns behandelnd, von uns als Vaterland verehrt wurde, weil wir ihm stets rückhaltlos ein treues Herz und eine treue, opscrwittige Hingebung cntgegengcbracht, weil wir sein Wohl und sein Leid milgefördert und mitgetragen haben, wie nur immer ein anderes Glied seines Verbandes. Wir protcstircn gegen den anmaßenden Dünkel und die schreiende Ungercchtigkcit der Antisemiten unserer Tage, welche sich über uns erheben und die Wahrheit in ihr Gcgentheil verkehrend uns eine unpatriotischere Gesinnung, eine unedlere Handlungsweise andichten wollen, als den anderen Staatsgenossen. Lange bevor uns die Emanzipation zu Theil geworden, haben wir unfern schuldigcn Tribut an Patriotismus und Loyalität freudig gezollt und hatten zu keiner Zeit nöthig, uns dieselbe erst noch zu verdienen, wie die Hartmann'sche Schrift von uns jetzt noch fordert. Wir bildeten stets .ein ebenbürtiges und vottwcrthiges Glied des Staates. Weder Hartmann noch seine Gesinnungsgenossen, die Stöcker, Marr und Konsorten, können au dieser Thatsache irgend etwas ändern, wie laut auch sie ihre durchaus unwahren Anschuldigungen in die Welt hinausrufen. Von Haß erfüllte Brandreden und von Leidenschast geblendete Abhandlungen können vielleicht die Massen gegen die Juden aufrckzcn, vermögen vielleicht die Negierung und Legislatur gegen uns einzunehmcn und unsere Mitbürger gegen uns in Harnisch zu bringen, — sic werden aber niemals die nnerschütterliche Tharsache beseitigen können, daß die Juden sich allezeit als gute, treue. aufopfcrungSfähige Patrioten erwiesen haben. Und deshalb beruhen alle Folgerungen, welche Hartmann ans der fälschlich behaupteten, angeb. lich noch restirendcn Schuld der Inden an Patriotismus zieht, auf nichtigem Grunde, und deshalb ist Alles, was in dieser Beziehung von ihm mit ernst wissenschaftlicher Miene vorgetragen wird, ein thörichteS Spiel mit Seifenblasen. So lauge auch immerhin bereits die Feder im Dienste des Wahnes gchandhabt worden ist und noch fernerhin gchandhabt werden wird, etwas Ungereimteres, Eitleres und Windigeres kann nicht geschrieben werden, als in der vorliegenden Schrift mit so vieler Süffisance über das Vcrhältniß der Inden zum Staat und zu der Gesellschaft znsammcngcLragcn ist. Wir haben bereits des wahrhaft vernichtenden und von uns keineswegs arterkannten Nrtheils Erwähnung gethan, das Hartmarui über die Deutschen im Allgemeinen fällt. Dem gegenüber nimmt cs sich wahrhaft lächerlich ans, wenn er den Abstand zwischen den nichtjüdischcn und jüdischen Deutschen an ״Familienerziehung" und ״GesinnungS- Vornehmheit" als so bedeutend hinstellt, daß cS ״großmülhig^ von Jenen wäre, wenn sie sich darüber ״hittwegsctzen" wollten, daß aber ״der jüdische Typus" sie an der Uebung dieser Großmuth verhinderte, lieber Geschmackssachen läßt sich nicht rechten, und wenn der jüdische Gesichtsschnitt und die jüdische Körperstruktur keine Gnade in den Augen des Herrn Hartmann und seiner Kollegen finden, so müssen wir uns eben zu trösten wissen. Wen aber dieses Mißfallen am jüdischen TypnS selbst an einer sonst wohl angebrachten ״Großmuth" hindern kann, dessen ״Erziehung" und ״GcsinnungSvornehmheit" scheint aus einer sehr winzigen Stufe zu stehen. Mit GesinnungSadel und Geistes- Hoheit ist cs sicherlich nicht vereinbar, wenn man edleren Regungen keine Herrschaft über niedrige instinktive Empfindungen cinränmen kann. Wir könnten übrigens selbst an dem jüdischen Typus keinen Gefallen finden, würden aber dennoch, und selbst auf die Gefahr hin, von Herrn Hartmann einer ״eitlen Ueberschätzung" geziehen zu werden, mit aller Entschiedenheit gegen die uns zugeschriebene Inferiorität protesiiren. Herr Hartmann Hai eine sehr bequeme Manier für ethnologische Forschungen in Anwendung gebracht. Wir unphilosophische Menschen glaubten, ein Ürthei! über die Eigcnthümlichkeiten eines Volksstammes müsse auf der Basis einer sorgfältigen methodischen Untersuchung der somatischen und psychischen Eigenschaften und Anlagen beruhen und erst nach Feststellung des also gewonnenen