Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1885)
- Article
- Der Antisemitismus des Philsophen
- Date
- 1885-03-12
- Page
- 165 (sequence 3)
- Language
- German
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gespien, hat durch Zentnerlasten feinen Rücken gekrümmt, hat seine Füße in Fesseln geschmiedet und seine Hände mit Ketten zusammengcschnürt, und diese Gesellschaft ruft dem also non ihr Mißhandelten durch Hartmann zu: wenn du zu uns kommen und an unserem Gelage theilnehmcn willst, ei. so mußt du erst deine Gewandung säubern, die Blntspurcn ver wischen, dein Rückgrat aufrichten, mußt bekränzt, gesalbt und im festlichen Schmucke gleich uns erscheinen. Unterlassest du solches, so trifft dich die Strafe der Ausschließung. Wir bethütigcn ja eine himmlische ״Großmuth" dir gegenüber; wir peitschen dich nicht mehr, wir zerraufen dir nicht mehr dein Gewand, wir zerren dich nicht mehr an dem Barle, wir speien dir nicht mehr ins Antlitz — an dir ist es, dich dieser ״Großmuth" würdig zu zeigen und diese unsere himmlische Barmherzigkeit auch jetzt zu verdienen Der Jude aber hätte das Recht, solcher Rede mit der Gegenrede zu begegnen: euer heutiger Hohn ist verwcrslicher als euer gestriger Schlag, ich verschmähe eure Gesellschaft, ich habe für euch nur Verachtung. Ihr habt mich zu dem Scheusal gemacht, — so kommt denn her und reinigt mich von den Spuren eurer brutalen Grausamkeit, nehmt mir die Fesseln ab, bekleidet mich mit festlichem Gewände und erbittet euch meine Verzeihung. — So aber ist es nicht. Der Jude steht nicht also im Hofe des Prunkraums in Lumpen gehüllt und in Sklavcugcstalt, und er begegnet deshalb der Rede in anderer Gegenrede. (Fortsetzung folgt.) 8. h. 904 ei» Wort über die ZihiiWM. In dem gesegneten, goldenen Jahrhundert der Aufklärung, der Humanität, in welchem wir das Glück haben zu leben, ist schon manche Frucht auf dein leicht empfänglichen Boden des?uldcnthumS gezeitigt worden, welche nicht gerade vom Baume der wahren Erkenntniß stammt. Humanität — ein schönes Wort — ist das Wild, nach welchem die aufgeklärten Jäger der modernen Kultur eine wahre Hetzjagd begonnen haben. Und wahrlich, das arme Wild ist schon so in der neuesten Zeit abgehetzt, daß cs wahrlich nicht mehr der Mühe wcrth sein sollte, dasselbe in seiner jetzigen Gestalt noch zu erhaschen. Alles geschieht heute ans Humanität, alles wird mit dem Glorienscheine der Menschlichkeit umgeben, während dabei die wahre, echte Humanität nicht zu Ehren kommt. Oder glaubt man, daß die jetzige moderne Mcnschenhetzc auch aus Menschlichkeit geschieht? Gewiß glaubt man das. WaS bezweckt denn der Antisemitismus anderes, als die christlichen Menschen von den jüdischen Unmenschen zu befreien. Das ist doch gewiß rein menschlich! — Und dabei der Stolz, die Selbstüberhebung: Schutz bcni lieben Vieh! — Da werden Thierschntzvereine eingerichtet, gewiß sehr löbliche Institutionen der Humanität — doch es ist nicht unsere Aufgabe, uuS über diese Bestrebungen des Thicrschntzcs näher auSzusprechen. Wie schon oben gesagt, ist der Jude, der moderne heutige Jude leicht empfänglich für alles, was ins Gebiet der Aufklärung hincingchört. Der Thierschütz sott ja auch ein Zeichen derselben sein, was ist da also Natürlicheres, als daß die jüdischen Kreise auch diese Zierpflanze der Humanität in ihren Boden einsetzen. Nun kommen aber die christlichen Thierbcschützer und fangen an, das Schlachten der Thiere vom humanen Standpunkte auS zu betrachten. Sie richten Schießmasken und andere schöne Dinge ein und verlangen natürlich, daß anch das jüdische Schächten uingcmodelt und menschlicher ansgcführt werden soll, da der althergebrachte Schächtritus zu grausam sei für die aufgeklärten Gesetze der Humanität. Jetzt erhebt sich natürlich ein Sturm in dein jüdischen Lager, die Gefahr ist groß, dem Staate kann cs eines Tages einfallcn, die Schcchita zu verbieten — was ist zu thun? Zur Vertheidignng wird dargcthan und Zeugnisse von Autoritäten dafür vorgebracht, daß die Schcchita nicht nur nicht grausam, sondern direkt die humanste, die schnellste und sicherste Todesart sei, wobei das Vieh am wenigsten zu leiden habe. Daö ist alles sehr schön und sehr gut — in diesem geschätzten Blatte sind auch derartige Verthcidigungsmittel angewandt — zur Vertheidignng, aber eben auch nur dazu. Doch wie cs mit so vielen an,cren מצרת geschehen ist, so droht es auch hier einzutreten. Was das Mittel sein sollte, um sich nach außen h i n zu vertheidigen, das fängt man an, als den Zweck des göttlichen Schechitagebotcs darzustellen. Das ist eben das Schlimme, Falsche dabei. Wir haben die Schcchita in der bekannten Art ansznführen, nicht weil es auch vom humanen Standpunkte aus so als gerechtfertigt erscheint, sondern weil cs unö so von Gott geboten, weil es so הלבה למשה מפיני ist. Und das eben dürfen wir nie vergessen, daß es Gottes Zweck nicht war, uns lediglich Gesetze der Menschlichkeit zu geben, sondern — und das ist ja der tiefe, wahre Grund und Zweck unserer heiligen Gebote — damit wir erkennen und wissen sollen, daß wir in unserem ganzen Leben auch unfern Genuß in den Dienst des Göttlichen stellen, damit wir wissen, daß wir nicht so ganz Herr der Erde sind, wie der Mensch sich oft zu sein dünkt, sondern daß alles, was wir besitzen und genießen, von Gott stanunt und Gott gehört, daß wir