Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-03-05
- Page
- 151 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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151 schwacher — immer schwächer — wie könnte eS auch anders sein? O, Du weißt nicht, wie aufreibend das ist, Tag für Tag, unaufhörlich zu fürchten. — Wenn die Zeitungen kommen — mit welch brennender Angst ich sie durchblättere, ob nicht irgendwo ein Attentat und sein Name dabei genannt ist. — Und wenn ich nichts gefunden und einen Moment crleichtct aufathme — gleich darauf fällt mir's mit doppelter Schwere anf'S Herz, wenn ich bedenke, was alles feit dem Druck jener Blätter sich ereignet haben kann —" ״Ich glaube, Sie sehen zu schwarz, lieber Vater. Ignaz war von jeher eine gutmüthige, sanfte Natur, keines verbrecherischen Gedankens fähig." Der Alte blieb stehen und blickte seinen jungen Begleiter wie durchbohrend an. ״Willst Du Dich täuschen oder mich? — Du weißt, wie ich ihn erzogen — seinem dringenden Wunsche zu studircn habe ich nicht nachgegeben, einerseits, weil ich in unserem Lande noch keinen jüdischen Studenten getroffen, der Jude geblieben wäre, und anderseits, weil eine große Anzahl jüdischer Studircndcr eben dadurch, daß sie aufhörcn, Juden zu sein, allen inncrn Halt verlieren und rettungslos den nihilistischen Bestrcbungen anheinifallen. Seinem Drange nach Bildüng habe ich, so viel als möglich, durch Privatunterricht zu entsprechen gesucht — ich glaubte, cs wäre mir gelungen, ich war so stolz auf ihn — und nun — und nun —" ״Lieber, guter Vater, ich glaube noch immer, Sie sehen zu schwarz. Ich will ja Ignaz nicht vertheidigen, daß er gegen Ihren Willen Sie verlassen, aber außer diesem allerdings großen Unrecht wissen Sie nichts Böses von ihm —" Lewinski wandte sich abermals ihm zu und blickte abermals forschend ihm ins Angesicht. ״Sage mir nur das Eine. Glaubst Du, daß Ignaz, seit er uns verlassen, nie den Sabbath entweiht hat? immer koscher gegessen hat? — glaubst Du das?" Alexander senkte unwillkürlich den Blick. ״Ich könnte doch das Gegenthcil nicht behaupten." ״Das kann ich freilich auch nicht — aber ich will Dir offen bekennen, ich glaube es nicht. — Und eben das und nur das ist's, was mich alles fürchten läßt. — O, wüßte ich, daß er den Sabbath hält, daß er die Speisegesetze beobachtet, ich würde nicht das Geringste, weder für ihn noch von ihm fürchten, ich wäre seinetwegen so ruhig, so unbesorgt.' — Denn das steht fest, trotz des Druckes, der seit so vielen Jahrhunderten auf uns lastet, hat noch kein Jude, der den Sabbath hält, je gegen die Obrigkeit sich empört, hat noch kein Jude, der den Sabbath hält, je ein Attentat geplant, geschweige vollfuhrt, hat noch kein Jude, der den Sabbath hält, je demagogische Umtriebe sich zu Schulden kommen lassen. — Ja, wüßte ich, daß er den Sabbath hält, wie gerne wollte ich'S ihm verzeihen, daß er gegen nleincu Willen uns verlassen — aber so — aber so — Wie hat er ehedem seine Pflichten so ernst genommen, jedes Gebot so rigoros befolgt — doch seit seiner Bekanntschaft mit jenem unglückseligen Menschen ist er ein Anderer. — Schon in L״r letzten Zeit seines Hierseins — Wie hat er früher so gern gelernt und so gut, und zuletzt — träumerisch saß er gewöhnlich vor seinem Folianten und starrte in's Leere, und als Du ihn einst darüber zur Rede gestellt, meinst Du, ich hätte es nicht vernommen, wie er Dir geantwortet, er wundere sich über uns, über Dich und mich, daß wir in solch' ernster bewegter Zeit uns mit derartigen Lappalien befassen könnten. — Welche Garantie gewährt mir da seine gutmüthige s-anste Natur, wo der innere Halt ihm abhanden gekommen? Das schwanke Schiff steht auch zuweilen aufrecht, scheint himmelwärts zu streben. — Doch der leiseste Windhauch beugt eS hierhin, beugt eS dorthin, und nur ein kräftiger Ruck, gleichviel von welcher Seite, und gebrochen liegt es am Boden." ״Und ich hoffe dennoch, eS wird gelingen, ihn zu retten. Ich hoffe, er wird in den nächsten Tagen bei mtö sein, und hoffe, daß seine Gegenwart der Mutter Genesung bringen wird, und daß es Ihrer verzeihenden Liebe gelingen wird, den Verirrten zur Umkehr zu bringen." ״Ich hoffe dasselbe," entgegneteLewinski mit tiefem, schmerzlichem Seufzer, ״doch ich glaube es nicht." Schweigend setzten sie ihren Weg fort und hatten bald ihre Wohnung erreicht. — Leise trat Alexander in das Krankenzimmer, das seine Frau nicht mehr verließ. Schweigenb drückten die Gatten einander die Hände, dann fragte er leise: ״Wie geht es der Mutter?" Tolza zuckte seufzend die Achseln, doch vom Bette her ließ sich eine leise, überaus matte Stimme vernehmen. ״Mir geht cs nicht schlecht, liebes Kind, aber warum hast Du Dich denn so lange nicht sehen lassen? — haltest Deine alte Mutter vergessen?" fügte sie matt lächelnd hinzu, ״das Hütte ich nicht gedacht" Der junge Mann war so erschüttert von der sichtlichen Zunahme ihrer Schwäche während der verfioffenen 24 Stunden, daß er nicht im Stande war, in demselben scherzenden Ton zu antworten. Mit bebender Stimme erwiderte er, daß er augenblicklich mehr als gewöhnlich in Anspruch genommen und sich daher nicht wie gewöhnlich gleich in der Morgenstunde das Vergnügenhabe machen können, sich persönlich nach ihrem Befinden zu erkundigen. - ׳ ״Brauchst Dich nicht zu entschuldigen, mein lieber Sohn," entgegnete sie matt, ״wenn Du auch nicht