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Jeschurun · 1885-03-05 · Heft 10 (5.3.1885) · p. 150

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 10 (5.3.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-03-05
Page
150 (sequence 1)
Language
German
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150 Wliisismils und IudentlZum. Bon Friedrich Ron. f'.UUe ־.Herfite uofbebalteit.) j! Fortsetzung., ״Hier ist's," erwiderte die Alte, indem sic cs ihm darrcichte; sie halte es vorhin, bevor er das Frühstück eingenommen, gewandt zur Erde gleiten lassen, die gntmüthigc Alte. Er entfaltete das Blatt, durchslog den Leitartikel und die übrigen Berichte und wußte noch immer nicht, weshalb er cs hatte lesen sollen. .,Hat denn Herzkow nicht gesagt, was ich lesen soll?" ״Doch," cntgcgncte die Alte, indem sie noch näher trat, ״hier, dieses sollten 3ic lesen," und sic deutete mit zitternder Hand auf eine ans der letzten Leite des Blattes sich befindende Annonce und Ignaz Lcwinski las: ״An 9.... V?.! Wenn Du die Verzeihung Deiner sterbenden Mutter erlangen willst, so komme sofort. Alexander." Ein Schrei des Entsetzens entfuhr den Lippen des jungen Mannes, gcisterbleich, au allen Gliedern bebend, stand er da. ״Fassen Sic sich, Ignaz Abramowitsch," flehte die Alte, indem sie seine Hand ergriff uub mit ihren beiden drückte, ״cS wird am Ende gar nicht so arg sein; wie oft glaubt mau nicht, daß einer stirbt und er lebt noch Jahre nachher." Lewinski hörte sic nicht. ״Mutter!" stammelte er, ״Mutter!" Und plötzlich sich ermannend, eilte er in sein Zimmer, warf die vorhin abgelegten Kleider wieder über, drückte die Pelzkappe wieder in die Stirn und ohne die ängstlich um ihn hcrumtrippelnde Alte eines Wortes oder auch nur eines Blickes zu würdigen, rannte er davon. Das gutmüthige Mütterchen blickte ihm seufzend nach und fuhr sich mit dem Zipfel ihrer breiten Schürze über die feuchten Augen. ״Armer Junge," flüsterte sic, ״wenn er nur nicht zu spät kommt. — Aber wenigstens ist cs gut, daß er was im Magen hat; hätte cr's nüchtern erfahren, so wäre cs doch noch ärger gewesen." Elftes Kapitel. Im Befinden der Frau Lcwinski war indessen leine Aendcrnng cingctreten; langsam, doch nnanfhalsam schwanden ihre Kräfte dahin. Ihr Gatte hatte es nicht zugegeben, daß sie den Zweck der Reise ihres SchwiegersohneS erfahre, ja, sie wußte nicht einmal, daß er sie unternommen, denn Lewinsli glaubte nicht an den' Erfolg derselben, glaubte nicht mehr an die Rückkehr seines Sohnes. Dennoch, als die Stunde nalste, für die Alexander seine Heimkehr möglicherweise in Aussicht gestellt, duldete cS den Vater nicht daheim. Es war ja doch nicht geradezu unmöglich, daß Alexander den Schwager getroffen, daß cS seiner Ueberredung gelungen, ihn;nr Heimkehr zu bewegen, vielleicht — vielleicht — und die bereits vollständig entschwundene Hoffnung regte sich auf's Neue. Ohne im Hause oder auch nur im Komtor zu erwähnen, wohin er sich begebe, ließ er eine Droschke kommen und fuhr zum Bahnhof. Und nun stand er auf dem Perron und harrte des Zuges, dessen Kominen bereits avisirt war. Ob er den Sohn ihm bringen werde? — Der alte Lewinski war eine imposante Erscheinung; der Kummer der verflossenen Monate hatte ihn zwar auch körperlich gebeugt, doch im Augenblick hatte die Hoffnung, die Erwartung all seine Spannkraft gestählt, hoch aufgerichtet stand er da wie in seinen besten Tagen, und die großen funkelnden Augen schauten angestrengt in die Ferne, als wollten sie mit magnetischer Kraft die heraurollcnde lange Wagenrcihe hcrbeiziehcn. Und nun noch ein grcllcndcr. langgedehntcr Pfiff und der Zug ist da. — Im Nu sind alle Waggonthüren ge< öffnet und auf dem Perron regt cs sich und drängt sich'S von allen Seiten; nur jener ehrwürdige Greis steht wie erstarrt, wie ein Nebel hat sich'S Plötzlich vor seine Augen gelegt, sein Herzschlag stockt. — Ob er gekommen ist? ob er da ist? sein Sohn — sein einziger Sohn? — ״Vater! lieber Vater!" Aber cs ist nicht des SohneS Stimme, die er vernimmt, sein Schwiegersohn ist's, der ihn erkannt hat und herbeigecilt ist, ihn zu empfangen. Lewinski wendet sich zu ihm, schaut ihm fragend in die treuen Augen, doch die Sprache versagt ihm; suchend schweift sein Blick umher, und wie ein Aechzen entringt's sich seiner Brust. ״Du hast ihn nicht gefunden? — oder hast ihn nicht zu überreden vermocht? —" Alexander berichtete was er gethan. Des Alten Haupt neigte sich tief auf seine Brust. ״Er wird nicht kommen," murmelte er, ״er wird nicht kommen." — ״Ich hoffe doch," erwiderte Alexander, indem er den Arm des Vaters in den seinen zog und mit ihm, ihn stützend, dem Ausgang zuschritt, er wollte einer Droschke winken; Lewinski hielt ihn zurück. Laß uns gehen," sprach er leise, ״und berichte mir noch einmal, was Du mit diesem Hcrzkow verhandelt." Sein Schwiegersohn entsprach seinem Begehren und abermals wiederholte er: ״er wird nicht kommen! er wird nicht kommen! —" ״Wie geht es der Mutter?" fragte Alexander. ״Immer gleich," cntgegnete Lcwinski mit schmerzlichem Achselzucken, ״immer gleich, das heißt, immer

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