Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-03-05
- Page
- 152 (sequence 3)
- Language
- German
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152 herauf kommst — so weiß ich doch, daß Du — mich nicht vergessen hast." Sie betonte das ״Du" so cigeuthümtich, daß Tolza sich hastig abwcndcn mußte, um ihre hervordrängenden Thräncn zu verbergen. Die Kraute halten die wenigen Worte, die sie gesprochen, sichtlich augestrengt, ihre Augen schlossen sich; vollständig erschöpft lag sic da. Tolza blickte zu dem Gatten ans, war seine Reise vollständig erfolglos gewesen? .Er verstand die Frage, die in ihrem Blicke lag und suchte durch eine bezeichnende Bewegung ihr die Möglichkeit eines Erfolges in Aussicht zu stellen. Dann entfernte er sich wieder. — Der Tag ging zu Ende; von Stunde zu Stunde schien die Schwäche der Kranken znzunchmen. Der Abend brach herein und vereinte fämmtUdjc Familienmitglieder in ihrem Zintmer; konnten sie sich doch die wachsende Gefahr nicht mehr verhehlen. Die Kranke schien zu schlummern; ihre Tochter befand sich, wie imnier, dicht an ihrem Bette, ihr Gatte saß am Tische über einen Folianten geneigt; er schien sich zum ״lernen" zwingen zu wollen, doch seine thränenumflorten Augen versagten wiederholt den Dienst. Sein ihm gegenüber sitzender Schwiegersohn hatte gleichfalls einen Folianten vor sich, doch er hatte die verflossene Nacht schlaflos im Eiscubahnkoupee vcrbracht, er hatte den rechten Arm auf den Tisch gestemmt und stützte mit der Hand das Haupt, seine Augen waren geschlossen. — Auf der Pmdüle hatte cS elf Uhr geschlagen, als an der HauSthur ziemlich laut gepocht ward. Alexander fuhr auf, wcch'cltc mit dem wie erstarrt am Tische sitzenden Vater einen Blick, dann eilte er leise hinaus. Gleich darauf hörte mau das HauSthor öffnen und schließen, auf den Marmorfließen deS Korridors wurden Schritte laut, und nun eilten sie die Stiegen hinan, diese leichten, elastischen Schritte. Die Kranke fuhr zusammen, und schlug die Augen auf. ״Wer kommt?" flüsterte sie. ״Vcrmuthlich der Arzt, liebe Mutter," erwiderte Tolza, ״er hat versprochen, heute noch einmal her zu kommen." ״Nein, nein!" stammelte die Kranke, indem sic die Augen weit öffnete und sich aufzurichtcn suchte, ״daö ist nicht der Arzt — das nicht." ״Vermuthlich doch, liebe Mutter," versetzte Tolza, indem sie ihren Arm um sie schlang undsie zu stützen suchte, eS wird der Doktor, sein." ״Nein! — nein! " Da ward die Thür hastig aufgerisscn, ein junger Mann in Neiscklcidcrn stürzte in'S Zimmer, hin zun! Krankenbette. ״Ignaz!" rief die Kranke mit plötzlich kräftiger Heller Stimme und streckte die Arme nach ihm aus; taut schluchzend sank er an ihre Brust und bedeckte ihre Hände mit Küssen und Thräncn. Alexander war gleichzeitig mit ihm in'S Zimmer getreten: er hatte sich vergebens bemüht, ihn zurück zu halten, um die Mutter zuvor auf seine Heimkehr vorzubcreitcn; ließ sich doch uicht vorausschcn, wie sie die Ueberraschuug ertragen werde. Doch seine Besorguiß erwies sich als unbegründet. Die Kranke, die vor wenigen Minuten kaum im Stande gewesen, auch nur ihre Hand zu heben, saß aufrecht im Bette, hielt den Sohu im Arm und blickte glücklich lächelnd ihm in'S Angesicht. ״Mein Sohn! — mein Kind! — mein Ignaz! — Gott sei Dank, das; Du wieder da bist! Gott sei Daul! — Und Du siehst nicht aus, als ob Du inzwischen etwas BöscS gethan, —" und sie blickte ängstlich prüfend zu ihm nieder, — ״nein — nein! — Und darum wollen wir auch gar uicht fragen, wo Du gewesen bist. — Du hast Dein Fortgehen bereut — Du bist heimgckchrt — nun ist alles wieder gut — uicht wahr, Vater, nun ist alles wieder gut, —" bittend blickte sie ^zu ihrem Gatten hinüber, der noch immer in seiner steinernen Haltung am Tische verrharrle. ״Nun ist alles wieder gut!" wiederholte sie noch einmal. LcwiuSti blickte sic liebevoll alt und neigte zustimmend das Haupt. Die Sprache versagte ihm, er brachte kein Wort über die Rippen. Alexander trat zu ihill, er allein wußte, was des Vaters Herz in diesem Augenblicke cnlpfand. Er legte seinen Arm um ihn, wie uni ihn zu stützen, rmd Lcwiuski stützte sich in der Thal aus ihn, erhob sich nicht ohne Anstrengung und trat zu seiner Frau, die den Heimgckehrteu noch immer in ihren Armen hielt. ״Du hast ihm vergeben," flüsterte sie bittend, indem sie ihre Hände sinken ließ. Ignaz vcrstaild ihre Bewegung, er ergriff die Hand deS Vaters und führte sie an seine Lippen, seinen Blick zu ihm zu heben war er.nicht im Stande. LewinSki neigte sich und berührte mit seinen kalten Lippen die Stirn deS Sohnes, daun drückte er leise die Hand der Kranken. ׳״Du niußl Dich wieder niederlegen," bat er, ״mußt ruhen; die freudige Uebcrraschung könnte Dir schaden." Sic gehorchte lächelnd. ״Ich bin gar nicht mehr schwach — morgen früh werde ich anfstchen, Ihr werdet cS sehen. — Und jetzt werde ich schlafen — so gut — o, so gut. — Unser theurcr Ignaz ist ja wieder da. — Gute Nacht!" (Fortsetzung folgt.)