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Jeschurun · 1885-03-05 · Heft 10 (5.3.1885) · p. 146

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 10 (5.3.1885)
Article
Orthodoxie und Reform
Date
1885-03-05
Page
146 (sequence 2)
Language
German
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146 anderen Kulturepoche. Die Menschen erzeugen sich ihre Religion, d. i. die Vorstellung ihres Verhältnisses zu Gott; die Entwickelung der Religion wiro darum gleichen Schritt mit der Entwickelung der Kultur halten, da sie das Produkt der Letzteren ist. Wäre demgemäß das Judenthum die jüdische Religion in diesem Sinne, d. i. die Vorstellung, welche das jüdische Volk zu irgend einer Zeit aus sich selbst von dem Vcrhältniß des Menschen zu Gott konstruirt hätte, so müßte auch es sich dem jeweiligen Kulturstande anpassen und einem sortwährcndcn EntwickeluugSprozcssc unterworfen sein. Wäre eS z. B. vor dreitausend Jahren ans der damaligen Kulturcpoche des jüdischen Volkes entstanden, so würde gar nicht abzuschcn sein, warum wir heute nicht eine Umgestaltung desselben vornehmen sollten, da wir uns auf einer ganz anderen Kulturstufe befinden, und wir wären z. B. vollkommen berechtigt zu sagen : der siebte Trg als Ruhetag entspricht nicht unseren Verhältnissen, wir wolle.! den ersten statt seiner weihen, — die Gesetze über die Nahrung sind für unsere Anschauungen obsolet geworden, darum heben wir sie aus u. s. f. Die Reform hätte ihre volle Berechtigung und eine starre Orthodoxie stemnlte sich unberechtigter Weise hartnäckig gegen die Entwickelung der Zeit. Ein flüchtiger Blick in die Geschichte des jüdischen Volkes dürfte aber schon genügen, um die Annahme, daß das Judenthum die in diesem Sinne begriffene jüdische Religion sei, in überzeugendster Weise zu widerlegen. Vergegenwärtigen wir uns nur z. B. die Geschichte der drei ersten Monate des zur Selbständigfeit gekommenen Volkes.' In Aegypten zu einer Sklavenkäste dcgradirt, besaßen die ״Söhne Israels" so wenig kriegerischen Muth und Tapferkeit, daß ihrer Befreiung, — nicht das Werk einer begeisterten Erhebung eines erwachten Freihcitsgcfühls, sondern dcS unmittelbaren Eingreifens des allerhöchsten WeltcnlcnkerS — ihnen zur Last wurde, und sie nach Verlauf kaum einer 'Woche bei dem Anblick ihrer, ehemaligen Herren, die cS bereuten, den arbeitsamen Sklaven die Freiheit gewährt zu haben, bereit waren, zu dem verlassenen Frohndienstc zurückzukchren. Weder das sic stets begleitende sichtbare Zeichen der besonderen Führung Gottes, noch das große Ereigniß am Meere hatten in ihrer Brust eine unerschütterliche Zuversicht zu Gott, zu Moses und zu sich selbst zu erzeugen vermocht. Schon nach wenigen Tagen murren sie gegen ihren Führer in Mara und in der Wüste Sin, und trotz der sich ihnen in dem täglichen Mannafalle -offenbarendcn fürsehenden Waltung Gottes, trotz des ihnen gewordenen Sabbathgesetzes, hadern sie beim ersten Wassermangel wiederun! mit Moses in Refidim. Dieses in seinem Vertrauen ans die göttliche Waltung in seinem Geschicke von Zweifeln fortwährend beherrschte Volk gelangt nach einem scchswöchentlichen Zuge zur Wüste Sinai. Sollte es in der Verfassung sein, sich eine Religion zu geben'? Sollte das hier in die Welt ciutretcnde Reiigionsgcsctz das Produkt der Vorstellung sein können, welches sich dieses Volk von seinem Verhältniß zu Gott koustruirte? Sollte die sinaitische Offenbarung in der That die ״Religion" der Juden sein? Wahrlich, ebenso wenig wie die Befreiung aus Aegypten das Werk des israelitischen Volks war, wie dieses sich in seiner Verzagtheit völlig unfähig zeigte, aus eigener Initiative die kaum gewonnene Freiheit zu vertheidigen, wie es trotz aller wunderbaren Erlebnisse innuer schwankte in dem Vertrauen zu der Göttlichkeit der Sendung Mosis, ebenso wenig konnte aus seinem Kreise das Sinaigcsctz als seine Religion hervorgehen. Vielmehr sehen wir es in sorgfältigster Vorbereitung nach göttlichem Geheiß begriffen, um würdig zu werden, dieses Gesetz zu empfangen. Der überirdische, unmittelbar göttliche Ursprung dieses Gesetzes sollte in nimmer anzuzweifelndcr Deutlichkeit festgcstellt werden. An daS israelitische Volk und an ihren Führer MoseS ward die hohe Offenbarung gerichtet, deren Empfängniß das Volk in banger Erwartung harrte. Israel sollte für dieses Gesetz erst erzogen und zum ״Gottesvolke" herangebildct werden. Keine Thatsachc aber bezeugt den unendlichen Abstand zwischen dem Volke und dem Gesetze in evidentester Wirklichkeit, als die traurige Verirrung, in welche dasselbe unmittelbar nach der Offenbarung gcrathen konnte. Das Volk, welches vierzig Tage, nachdem es in gehobener, begeisterter ° Stimmung Gott das Gelöbniß entgegenjnbeltc: ״Alles, was Gott gesprochen, wollen wir thun," in wahnsinniger Verblendung ״dies sind deine Götter, Israel, die dich au- Aegypten hcraufgeführt" dem goldenen Idole zurufen konnte, das hat gewiß nicht die Thora geboren. Das Judenthum ist somit sicherlich nicht die ״Religion der Juden," sondern das Gesetz Gottes, auf welches ein jeder Jude verpflichtet ist, für dessen Befolgung ein jeder Jude sein ganzes Sein cinzusctzen hat. Die Geschichte des jüdischen Stammes ist nichts anderes, als dessen Erzichungsgeschichte zum unverbrüchlichcn Gehorsam gegen dieses Gesetz und bezeichnet die Arbeit, den der Geist dieses Gesetzes an seinen Träger zu vollführen hat, bis cs endlich von ihm in voller Treue durch ihn zur Verwirklichung im Kreise der Menschheit gelangt. Die"zur dicswöchentlichen Sidra bestimmte Hastora führt uns das ewig denkwürdige Ereigniß am Karmel vor die Seele, in welchem der Prophet Elijahu vierhundcrtundsünfzig jüdischen Ministranten dcS Baal und der Astarte im Angesichte des Volks gegenüber stand und dieses zu einem Bruche mit den! Heidenthum begeisterte: ״Wie lange, noch wollet ihr getheilten

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