Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1885)
- Article
- Orthodoxie und Reform
- Date
- 1885-03-05
- Page
- 147 (sequence 3)
- Language
- German
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Sinnes hin und her schwanken?" redete er zum' versammelten Lolkc. ״Ist Gott in Wahrheit Gott, so folget ihm, ist es der Baal — nun, so leistet ihm Folge!" Ein Volk, das sich also seiner Religion entfremden konnte, wie zu AchabS Zeiten, das hat gewiß die Thora sich nicht ersonnen. Darum aber ist cS eine Unwahrheit, wenn in der Gegenwart die Sirenenstimmen falscher Priester und Pfaffen im Lager Israels laut werden, und inan von der Stabilität der Orthodoxie als dein sicheren Wege zum Untergänge des Indenthums faselt, dagegen eine zeitgemäße Umgestaltung des Iudenthums als dieAufgabe der Gegenwart preist. Das Iudcnthum mit seinen strengen Satzungen ist dem heutigen Gcschmacke nicht gemäß, cS finden die Söhne der Zeit nun einmal keine Befricdigung in demselben, sic könnten gar veranlaßt werden, den Rainen ״Jude" abzustreifcn, wenn man daö Iudcnthum nicht in ihrem Siune umwandelt — darum Reform des IudenthumS zur Erhaltung der Juden bei demselben — als ob Judenthum dasjenige wäre, was die Menschen sich in ihrem Wahne als solches gestalten! Das Iudcnthum verlangt, daß die Juden seine Satzungen befolgen, seinen Geist zu dem ihrigen machen und sich ihm gemäß gestalten. Das Iudcnthum wird nur von der ״starren, stabilen Orthodoxie" getragen und erhalten, von denen, die in voller Aufrichtigkeit nicht ״gctheilten Sinnes" zu ihm stehen, die in seinem Geiste leben, nach seinem Gebote handeln, heilig halten, was es als heilig erklärt und unhcilig, was es verpönt, deren Gottesdienst nicht in dem Lippenwort, in Gesang und Predigt seine Vollendung stndet, sondern in dem Gehorsam, in Gesinnung und That, — die nicht fromm sich dünken, wenn sie den Tempel besuchen, aber am Sabbath ihren Geschäften nachgehen, aber ihren Tisch mit verbotenen Speisen besetzen, aber in ihrer Ehe Gottes Gebot nlißachtcn. Diese Starren, Stabilen, Romantisch-Orthodoxen, Finsterlinge. Fanatiker, wie man immer auch sie schelten mag, sic bewahren das Judenthum in seiner Reinheit, sie fälschen nicht das Bewußtsein der ewigen Verpflichtung für seine Gesetze, sic lassen nicht mit sich feilschen und markten, sie wollen ganze Juden sein, getreue Söhne des Gesetzes, Herolde des GotteSworts — sie allein verbürgen die Erhaltung der Gegenwart bei dem glorreichen Banner des HeiligthumS Gottes. Zl1!!nns!lisl!1k Zprnchwtishkit. Bou Lamson Raphael Hirsch. XXVL Die Ehe. (Fortsetzung.) Der Hochgesang aber zum Preis des wackcrn Weibes, der unsere Spruchsammlung schließt, will nicht als ein der Wirklichkeit entrücktes Ideal ansgefaßl sein, und lautet daher als ein Rückblick auf das Leben einer jüdischen Hausfrau. Wir haben davon bereits im älteren ״Icschurun" Iahrg. XI, S. 37—43 Uebersetzung und Erklärung versucht und geben dieselben im Wesentlichen hier wieder: Ein wackeres Weib, der das findet — ferner als Perlen reicht ihr Preis! Ruhig vertrante ihr des Gatten Herz, und es fehlte ihm nimmer an unerwartetem Gewinnst.' Gutes erzeigte sie ihm und nimmer etwas Böses alle Tage ihres Lebens? Wolle und Flachs forderte sie und verarbeitete es mit der Lust ihrer Hände,' War Handelsschiffen gleich, brachte aus der Ferne ihr Vrod,^ Es war noch Nacht, wenn sie aufstand und Nahrung ihren: Hause und Arbeit ihren Mägden crthcilte.׳ Auf ein Feld sparte sic hin"' und erkaufte cs, und pflanzte einen Weinberg von der Frucht ihrer Hände. Sie gürtete mit Macht ihre Lenden und machte stark ihre Arme? Sie nicrkte, daß ihr Streben gilt sei, nun ging ihr Licht nicht aus in der Nacht, Nun legte sie ihre Hände an die Spindel und den Rocken hielten ihre Hände. Aber sic öffnete auch ihre Hand den Armen und reichte den Dürftigen ihre Hände, Hatte für ihr HauS den Frost nicht zu fürchten, ihr Haus war in schmucke Wolle gekleidet, Bettenhatte sie sich bereitet, ihre Kleidung aber war Leinen und Purpur? In den öffentlichen Versammlungen war ihr Gatte gekannt, wenn er saß mit den Aeltesten des Landes;" Sie verfertigte ein Tuch und verkaufte es und schenkte einen Gürtel dem HausirerN Macht und Schöne war ihr Gewand, und sie lächelte dem letzten Tag entgegen.'0 Mit Weisheit öffnete sie ihren Mund, und immer war die Lehre der' Liebe aus ihrer Zunge, Bis zuletzt ' überwachte sie die Gänge ihres HauseS und wollte nimmer der Trägheit Brod genießen:" Darum stehen nun ihre Söhne auf und preisen sie, ihr Gatte und rühmet sie: