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Jeschurun · 1885-01-22 · Heft 4 (22.1.1885) · p. 50

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 4 (22.1.1885)
Article
Der Antisemitismus des Philosophen
Date
1885-01-22
Page
50 (sequence 2)
Language
German
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50 sein, daß die Herren Hartmann, Trcitschkc, Stöcker. Wagner, Hcnrici, Förster, Cremer u. s. w. in bcm deutschen Bülte den naiven und rohen Thei! darzustellen in Anspruch nehmen. Der heutige Antisemitismus nimmt seinen Ausgangspunkt von dem Katheder und der Kanzel, deren Vertreter aus der Höhe herabznstcigcn wähnen, um in die breiten Volksschichten ihren eigenen Antisemitismus hincinzutragcn. Was die Zukunft bringen wird, maßen wir uns nicht an enthüllen zu können, für die Gegenwart aber haben wir ein unterscheidendes Auge und Ohr, uub wir lassen uns nicht täuschen, weder durch die Hunderte oder Tausende, welche in Bierlokalen sich von den gelehrten Herren der Neichshauptstadt in antisemitischer Moral unterrichten lassen, noch durch den wüsten Lärm einer vulgären Tagespreise und vornehmen Literatur. Wenn — was Gott gnädig verhüten wolle, nicht sowohl um der Juden als des deutschen Volkes willen, als dessen vollberechtigte und durchaus ebenbürtige Glieder die Juden sich fühlen — die Masse des deutschen Volkes sich zum Antisemitismus bekehren sollte, so wird diese Metamorphose die Frucht der Thätigkcil derjenigen sein, welche sich als die geistige Elite betrachten und jedenfalls vermöge ihrer Stellung und Wissenschaft zu derselben zählen können. Wir haben cs schon früher bei einer anderen Betrachtung ausgesprochen, daß die heutige antisemitische Strömung nicht voin deutschen Volke ausgeht, daß sie auch noch jetzt nicht große Kreise des ״naiven" Volks ergriffen hat, daö bestätigt uns die Ruhe und Sicherheit, welche die Juden noch in Deutschland genießen. Wir wiesen damals aus Berlin hin, wo der Antiseinitismus cs wahrlich nicht an Rührigkeit fehlen läßt, wo cs ihm aber nicht gelangen ist, das ״Volk" im Großen und Ganzen zu sich hinüberzuzichcn. Auch hierin läßt sich der Philosoph Hartmann von dem Antisemiten Hartmann düpircn. Das deutsche Volk ist nicht so naiv und roh wie er glaubt, und der heutige Antisemitismus ist roh aber nicht naiv. Zn den keineswegs naiven und feinen Manifestationen des heutigen Antisemitismus zählen wir auch die.Bezeichnung ״WirthSvolk" für das Vcrhältniß des deutschen Volkes gegen das ״Gastvolk" der Juden, eine Bezeichnung, welche Herr Oskar Linke in dent von einem Angehörigen dieses Gastvolks, Joseph Lehmann, vor fünfzig Jahren gegründeten und zur Blüthc gebrachten ״Magazin für die Literatur des In- und Auslands" (Nr. 50 vorigen.Jahrgangs) so be.׳ sonders gelungen und ״tiefsinnig" erscheint, daß er sie ״in Umlauf zu bringen" sich bemühen inöchte. Es giebt nach unserer Anschauung kein gefährlicheres Attentat auf die Einheit des deutschen Reichs und den inneren Frieden desselben, als das Bestreben der Lockerung des Einheitsbewnßtscins, der Gleichberechtigung und Gleich- Würdigkeit der Stämme, aus welchen das deutsche Volk sich zusammcnsctzt. Die deutschen Juden sind die Nachkommen jener frühzeitigen Einwanderer, welche jedenfalls zu den frühesten zählen, die die Stammväter der heutigen Bevölkerung wurden, und die Geschichte weiß nichts zu erzählen von einem blutigen Kampfe, der von dem jüdischen Stamme gegen die anderen Stämme jemals gcsührt ist, wohl aber von mörderischen Fehden zwischen diesen. Mit diesem ״neugcstcntpellcn" Worte, wie Linke die Bezeichnung WirthSvolk nennt, streicht Hartmann die Juden aus dem deutschen Volke aus, versagt ihnen das Jndigcnat, macht sie heimathloS und stempelt sie zu einer Schmarotzcrkaste, deren sich das gütige WirthSvolk entledigen kann und darf, sobald die Gewährung des GastrechtS ihm unbequem wird. Nicht die Jndenmordc, bewahre, wohl aber die Indenanstrcibnngen, die Versagung des Wohnrechts, den Ausschluß von allen politischen und einem Theil׳ der bürgerlichen Rechte — je nach Gutdünken des WirthS- Volks, sind mit diesem einzigen Worte vollkommen gerechtfertigt. Was wollt ihr Juden'? Ihr habt gar kein Recht und macht ihr euch dem WirthSvolke lästig, so weist es euch die Thür; — schnürt euer Bündel und scheret euch hinaus; ihr habt hier nichts zu suchen. Das ist die Harlmann'schc Theorie zur Praxis geworden. Die diese Praxis im Mittelalter übten, waren naiv und gewiß auch nach Hartmann roh, falls sie diesen Worten, wie ja auch geschehen, etwas blutigen Nachdruck verliehen, — der Philosoph Hartmann wird sich aber gewiß dagegen verwahren, naiv zu sein. Wir dürfen deshalb wohl an ihn das Ansinnen stellen, sich darüber zu erklären, wer denn als nachweislicher Abkömmling der Antochthonen Deutschlands das Recht des WirthS beanspruchen kann? Ferner ob alle Deutscheu, mit Ausnahme der Inden, sich zu diesen Wirthcn zählen dürfen? Endlich nach welchem Rechte denn jeder Abkömmling eines Nichtautochthoncn von dem Jndigcnat für alle Folgeschlcchtcr auSgeschloffen bleiben soll? Unserer Ansicht nach gehört die Unterscheidung einem barbarischen Zeitalter an, welche jeden Fremden als Barbaren und Nichtgleichberechtigten betrachtet, und wir vermögen es nicht zu fassen, daß man von denjenigcn, welche seit zwei Jahrtausenden in einem Lande wohnen, als.Fremden reden mag. Oie deutschen Juden fühlen sich so gut als Deutsche wie alle ihre Mitgenossen dcS deutschen Volks und protcstiren laut gegen die unwürdige und ungerechte Bezeichnung als Gastvolk. Es will uns bcdünkcn, als ob derjenige, welcher diese Scheidung zwischen WirthS- und Gastvolk in Bezug ans im vollen Besitz des deutschen Jndigenats Eingesessene statnircn will, weder gerecht noch billig vcrfährt und dem deutschen Volke gewiß keinen guten Dienst leistet. Was dem Einen recht, ist dem Andern

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