Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-01-01 · Heft 1 (1.1.1885) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 1 (1.1.1885)
Article
Das jüdische Ehrgefühl
Date
1885-01-01
Page
2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933103-2959391--17541-2959435
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

iritt er nur mit Seinesgleichen. Wir sind es ja schon gewohnt, daß die Herren, welche, jede ihnen unbequeme Erörterung der ..Judenpresse" in die Schuhe schieden, unbdümmert darum, daß diese Presse eine gut gcr* niauische und - christliche ist, die wirkliche ״Judenprcsse" nornei'in ignoriren und von deren abwehrenden und EcNäning fordernden Entgegnungen keine Notiz nehincn. 'Wir und eben eine geringe mißliebige Minorität, und der starken Majorität geziem! es bekanntlich, gegen eine solehe rech! her anH ordernd und verächtlich zu sein. Hie sehwache ohnmächtige Minderzahl aber hat sich jedea ׳.!:!angenehmen Narsonnirens zu enthalten, sie hat zu schweigen und devotest zu dulden. Jedes laute Wort ihrerseits wäre ja auch eine unerhörte Frechheit und erheischte eine neue wohlverdiente Züchtigung. Die ״Binder Israels" sind also in Fragen der Ehre meist nicht penibel — also lautet das Unheil, und dieses ist so selbstverständlich und feststehend, daß cs eine Vächciliehleit wäre, nach einer Begründung desselben neugierig zu fragen. ׳Nicht raisonnircn, so ist cs, — Punktum. — — Eo sind jetzt ungefähr oiernnddreißighundert Jahre her, der alte Israel lebte noch, da crdreistetc sich ein frecher Junker, die Ehre der Tochter dieses alten Israel zu schänden. Er befand sich mit seinem Familienkreis unter den Kenaniten und Perisitcn, wo er sich an gelaust und sein Zelt aus eigenem wohlerworbenem Grund und Boden ansgeschlagen hatte. Aber er war natürlich in der Minorität und trotz des wohlerworbenen Ansicdelnngorechts ein Fremder. Gegen einen solchen und noch dazu wehrlosen darf mau sich schon etwas gestauen. Wozu auch Rücksicht nehmen'? Hat denn ein Fremder und ׳Wehrloser eine Ehre? Die Kinder Israels aber waren im Punkte der Ehre doch etwas penibler, als der wollüstige edle ׳ Junker Schechen! hoch nun hig vermeinte, und zwei von ihnen, Simeon und Vcii'i, rächten blutig die Ehre des schwachen, winzigen israelitischen Hauses in so furchtbarer Weise, daß die feindliche Umgebung es fernerhin nicht wagte die Ehre der Kinder Israels anzntaslcn. Aber ״ihr Zorn war zu stark und ihre Ausschreitung zu hart." DaS verletzte Ehrgefühl und die Erkenniniß der Nolhwendigteil, den israelitischen Namen in einem recht- und siitcnlosen feindlichen Kreise mit Achtung gebieten dein A,recken zu umgeben, ließen sie das Maß einer gerechtfertigten Noth- und Abwehr überschreiten, und in dem überschännrendet׳. Grimm ihrer geschändeten Ehre wandten sie den -rächenden Stahl nicht nur gegen den . übermüthrgen EdelHerrn, sondern attch gegen dessen gesammle Urngebung, die einen solchen Angriff aus die Ehre eines fremden,!nacht- und wehrlos gehaltenen Kreises ruhig geduldet. Und darum!ras sie der Vorwurs des alten Vaters, und darum wiederholte dieser noch in der Sterbestunde den schweren Tadel und belegte diesen Ziel itnd. Maß überschreitenden gerechten Zorn mit seinem Fluche, und er sprach es über Simeon und Lewi. ״den Brüdern", in welchen das Bewußtsein der Familicuchre und das Gefühl der Zu״ sammengchörigkeit des gesammtcn FamilienkreiscS vor allen anderen Söhnen lebendig war, aus: אהלקם ״ ביעקב ואפיצם בישראלveriheilen will ich sie in Jakob und zertheilen in Israel". Das schwache, den Anderen die ״Ferse" zu halten vernrthcilte, dem Fußtriltc des übermüthigen Bruders ausgesctzte Jakob würde sich nicht daS sein Wesen adelnde Selbstgefühl und die frische Heiterkeit des Gemüths bewahrt haben können, wenn nicht überall, wohin die durch Leid und Prüfung erziehende Waltnug Gottes es geführt, in jedem Bruchthcil dieses wunderbaren Stammes dieses von Simeon nnd Lewi bethätigte, über seine Ehre eifersüchtig wachende und sic wahrende Gefühl brüderlicher Zusammengehörigkeit sich bewährt hätte. Welch andere Mcnschenfamilie hätte ein gleiches voll gerütteltes Maß von Hohn, Verachtung, Bedrückung und Mißhandlung vertragen können, ohne ehrlos, gemein und verbittert zn werden? Simeon und Lewi's Geist aber waltete unter den ״Kindern Israels" und ließ in ihrer Brust die Stimme des Ehrgefühls nicht ersticken und schützte sie vor dem Versinken in den Pfuhl gemeiner niedriger Gesinnung. Der schäbigste, gedrückteste Jude hielt und hält so viel auf seine Ehre, wie der sich hochgeboren dünkende stolze Edelmann und kein Wort des korumpirtcn Idioms der deutschen und polnischen Inden ist so mit seinen: ganzen Wesen innig verwachsen, wie der Ausdruck ״bckowcd" darzustehen, in vollem Bewußtsein seiner unverlierbaren, durch keine ärmliche und abhängige Stellung verkümmerten Würde, und jeden ״Chilul Haschen:", jede unehrenhafte Handlung zu vermeiden, die ihm als eine ״Entweihung deS göttlichen Namens״, gilt, als dessen Träger sich der gehctzteste und vcrhöhntestc Jude stolz bewußt fühlt. So ׳ waren und sind ״die Kinders Israels in Fragen der Ehre nteift sehr penibel", nnd der an den Finch der sich in seinen Mitteln vergreifenden und über das Maß des Zulässigen hinausgehenden Wahrung der Stammcsehre geknüpfte Segen der Verthcilung der durch Simon und Lewi bethätigtcn Gesinnung hat sich zum Heile bewährt in den verflossenen vicrunddreißig Jahrhunderten bis zu dieser Stunde. Im israelitischen Staate hätte dieses scharf sich ausprägende Gefühl aber Unheil stiften und jenen Chauvinismus erzeugen können, welchem nicht nur Hellas und Nom, sondern auch manche andere mächtige Staaten verfallen sind. DaS stolze Sclbstbcwußtsein und die zur Wahrung der Nationalehre stets gerüstete Kraft kann entarten, zum Mißbrauch, der Macht und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.