Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1885)
- Article
- Das jüdische Ehrgefühl
- Date
- 1885-01-01
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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zu ungerechten Ausschreitungen führen, wie solche in Israel niemals zu dulden sind. Hat doch auch anderswo die im Grunde edle Schätzung dcS vermeintlichen nationalen Wohles und dcS Interesses der Gcsammtheit zu einer mißbräuchlichen Bcthäliguug der nationalen Kraft geführt und eine Rechtsanschauung entstehen lassen, welche im internationalen Verkehre nicht das objektive Recht, sondern den Portheil als leitenden Faktor anerkennt, so daß in der Politik oft der Eigennutz und die Klugheit maßgebend sind und der Schwache selten zu seinem Rechte kommt, wenn dieses Recht mit dem Interesse eines Stärkeren kollidirt. Der alte Israel hat den Fluch ausgesprochen über die schlaue List und den Mißbrauch der Gewalt, selbst wenn sie sich in den Dienst der nationalen Ehre nnd der Fördernng des RationalrcchtS stellen wollen. Er hat das von ihm abstammcndc Volk vor einem falschen Nationalgcfühl warnen und vor einer ähnlichen Ausschreitung, zn welcher Simeon und Lcwi sich im gerechten Zorn hiurcißcn ließen, schützen wollen. Was dem schwachen Jakob zun! Heile gereicht, kann dem mächtigen Israel gefährlich werden. EdlcS Sclbslbcwnßtscin, eifersüchtige Wahrung der Ehre schützt den Schwachen und Gedrückten vor Ernicdcrung, im Starken und Mächtigen kann es aber zu Selbstüberhebung, Rücksichtslosigkeit und Unrecht führen, darum אחלקם ביעקב ואפיצם בישראל. Zn allen Zeiten aber hat Jakob-Israel auf seine Ehre gehalten. Sein Ehrgefühl ist mindestens ebenso fein wie das seiner übcrmüthigen Gegner — daS lehrt seine Geschiche, das bezeugt auch seine Gegenwart. — Z>1lo1ill»lW S{1n1fi)!ud0l)fit. Bon Samson Raphael Hirsch. XXV. Der Staat. (Fortsetzung.) Löwen-Stimmen ist Königs Angst, Wer ihn sich erzürnt versündigt sich an sich. (20, 2.) Löwen-Stimmen ist Königs Zorn, Wie Thau auf Kraut sein Wohlgefallen, (l 9, l 2.) Ein weiser König zerstreut Gesetzlose Indem er über sic hin das Rad zurückwendet. (20,26.) Die Stellung eines Fürsten ist eine so hohe, die ihm eingeräumte Macht und damit die Möglichkeit wohl und wehe zu thun, ist eine so bedeutende, daß in eben dem Maße sein Zorn gefürchtet wird, als sein Wohlwollen erfrischend und belebend aufrichtct. Ein weiser König benutzt diesen ihm vergönnten mächtigen Einfluß zur höchsten Hcilcsfördcrung seines Volkes, zur Hintanhaltung alles Schlechten nnd zur Aufmunterung alles Rechtschaffenen ׳und Guten. Wohl gehört, nach Anschauung unserer Sprüche, die Ausübung der Gerichtsbarkeit nicht zum KöuigSamt. Er ist kein Richter und sitzt nicht zu Gericht und nicht im Gerichte. Allein hier ist daS noch Höhere. Er hat da seinen Einfluß zu üben, wohin der Arm der Gerichte nicht reicht. Dem Gerichte ist nur das vollzogene und erwiesene Verbrechen, das geübte und erwiesene Unrecht verfallen, und wie viel des Verbrechens, wie viel des Unrechts weiß sich dem Auge und dem Arm des menschlichen Gerichtes zn entziehen, und wie sehr kann in einem Lande, bei unanziizweifelnder, unbestechlicher Gewissen- Hastigkeit und gerechter Strenge der Gerichte, doch ein Geist der Unrechtschasfenheit und der Unsittlichkeit wuchern, der alles Bürgcrglück und Familicnheil untergrübt. Es ist die Volksgesinnung, die Anschauung von Recht und Unrecht, die im Volke lebt und gepflegt wird, die allgemeine Huldigung, die daö Rechtschaffene und Gute findet, die allgemeine Verachtung uild Verdammnis;, welche das Gemeine und Schlechte in allen gesellschastlichcn Schichten der Bevölkerung zu erwarten hat, cö ist der rechtschasfenc und sittliche ״Ton" im großen Ganzen der Bevölkerung, der itn Lebens-Boden eines Volkes die Keime niemals auskommen läßt, aus welchen Verbrechen und Unrecht in großen! Stile erwachsen. Wo die Anschauungen nnd Gesinnungen einer Bevölkerung dem lim*d)affcncn nnd Unsittlichen Vorschub leisten, da drängt sich das Schlechte und Gemeine vor, da kommen die ״Gesetzlosen" oben auf und werden die ״tonangebenden" Führer der Gesellschaft, die das Rad des sozialen Lebens in das Geleise der Rechtlosigkeit nnd Unsittlichkeit leiten. Auf diese Volksgesellschaftliche ״Richtung" seines Landes rettend und heilbringend einzuwirken, das betrachtet ein weiser König als die höchste und kostbarste Prärogative seiner hohen Stellung. Er betrachtet sich als den ersten Bürger, sein HauS als daö erste Haus an der hochgestellten Spitze seines Volkes, von wo aus die Saiten angeschlagen werden, die im Volks- und GesellschastSlcbcn weiter tönen, und mit denen in Einklang zu bleiben sich leicht zum höchsten Anliegen dcS GcmüthcS seines Volkes gestaltet. Er hat cs in Händen, durch diesen sich von selbst geltend machenden Einfluß der königlichen l Billigung und Mißbilligung es dahin zn bringen, daß man ״Gesetzlosen", daß man Verächtern des SittengesctzcS nicht das Heft des volkSgcsellschaftlichen Lebens überantwortet, daß sie sich vielmehr aus den maßgebenden Schichten verlieren, und daö volkSgcsellschaftliche Leben einem ihrem Denken und ׳Wollen so entgegengesetzte Richtung nimmt, daß, wenn sie cS nicht vorziehen, sich dieser Richtung aufrichtig anzuschließen oder ihr mindestens still aus dem Wege zn gehen, sie von