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Jeschurun · 1884-11-20 · Heft 47 (20.11.1884) · p. 738

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 47 (20.11.1884)
Article
Was haben wir zu fürchten?
Date
1884-11-20
Page
738 (sequence 2)
Language
German
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738 Vernichtung und Auflösung dcS JndenthnmS. Ich weise! den möglichen Einwand, daß dem Indcnthnmc durch; den >ioiifcruatixMiiu^ der mittleren Richtung, wie solche! durch die Breslauer Schule vertreten wird, eine neue . Blülhezcit bereitet werden kann, culschiedeu;uri'uf. Die liirUidi siaNgebabte Rabbinerversaminlnng in Berlin Hai für jeden Einsichtigen zur Genüge dargclhan. daß ihr der feste Boden des Bekenntnisses fehlt. Die Herren wagten nicht ausznsprccben. was sic bekennen, weil sie, die geistigen und religiösen Führer, kein' eigentliches Beleiimniß haben und selbst nicht wissen, waS ihre Religion sein soll. Sie nennen sich ja wohl gern die historisch-lritische 2d)ulc. Eine solche mag in der Wissenschaft eine Berechtigung haben, auf dein Gebiete der Religion aber bestimmt nicht. Da handelt es sich um ein festes positives Bckcuntuiß, nicht um Kritik. Kritik ist Zweifel, Kritik nicislcrt und mäkelt, macht die 'Wahrheit von dem Ergebnis; einer jedenfalls höchst individuellen Anschalinng abhängig. Kritik der Bekenntnißschriften einer Religion hat die Veugnung der Göttlichkeit derselben;nr uothwendigcn Voraussetzung. Wer ans diesem Wege eine Reform des JndenthnmS anstreben will, kennt das Wesen der Religion kaum. Die Reformation des EhrislcnthnmS hat nur ein glaubensstarker und bekenntnißtreuer Luther vollziehen können." Ich glaube, der au diesen Vorhalt geknüpften Aussordernug eines offenen AuSsprcchenö über denselben um jo eher Nachkommen zu sollen, als eine Erörterung der hier angeregten Punkte sicherlich in den Bereich einer Zeitschrift fällt, welche ihre bescheidenen Kräfte der Förderung jüdischen Geistes und Lebens weihen möchte. Feind einer jeden nicht geradezu aufgenöthigtcn interkonfessionellen Auseinandersetzung, beschränke ich mich, aus die Behandlung der vorliegenden Fragen ausschließlich zur Klärung des eigenen Bewußtseins, lehne aber jede in den Spalten dieser Zeitschrift zu führende Polemik darüber ab. ״Bon Außen Spott und Haß, im Innern Leichtsinn und Zweifel", wäre dieses in Wahrheit die Signatur der jüdischen Gegenwart? Man dürste vielleicht geneigt sein, ans diese Frage eine bedingungslose Bejahung von einer Seite zn erwarten, welche nach Außen und Innen, gegen Antisemitismus und Reform, so weit ihr.Können reicht, zur Abwehr gerüstet steht. Wohl hat das heutige Israel vollauf Veranlassung zu der Wehklage-. רבת שנעה לח נפשנו הלעג השענניב ״ הבוז לגאי יוניםreichlich hat unsere Seele sich zn sättigen dcS Hohns der Glücklichen, der Verachtung, die man den Stolzen unter den Schwachen znwendct", wohl ist eS an jeglichem Tage dem Spotte der lieber־ müthigcn, der Verachtung der sich besser Dünkenden anSgesetzt. Alles was man an Gemeinheit und Niederkracht stigmatisircn will, nennt man jüdisch: strauchelt ein Jude auf dem Pfade der Tugend, so wird dieser eine Jude der Repräsentant des JndenthnmS und man hört die frohlockenden höhnischen Rufe: seht, da habt Ihr die Gemeinheit des JudenthnntS, da offenbart sich die jüdische Niedertracht. Männer der Wissenschaft, Diener der Religion. Personen von Amt und Würden setzen die Aufgabe ihrer Wirksamkeit in die Herab- Würdigung der Inden, in die Aufklärung des Volkes über die Gemciugefährlichkeit des JndenthnmS und buhlen um den Beifall einer durch ihre Belehrung zum Judenhaß entflammten Menge. Es bilden sich große Vereinigungen zur Verbreitung judenfcindlicher Gesinnung in die breiten Schichten der Nation, eine große Presse ist unaufhörlich in Thütigkeit, um Haß und Verachtung gegen die Juden zu propagiren. Alles Unheil wird den Inden zugcschricben. Sie werden als der Abschaum der Menschheit, der stnchbcladene und flnchbringcnde Feind aller Moral und Tugend geächtet, als der Aussatz an dem StaatSkörpcr, als das fressende Gift an dessen inneren Organismus gekennzeichnet. Weil sie aber nicht das Haupt beugen, weil sie nicht an der eigenen Vcrworsenheit glauben, weil sie sich nicht geringwerthigcr fühlen als die Mitbürger, weil sie trotz ihrer Ohnmacht, Wehrlosigkeit und winzigen Anzahl sich den Mannesstolz bewahren und im Angesichte des allgerechten Gottes und vor dem Urtheile der Weltgeschichte lauten Protest einlcgcn gegen diese ihnen angethane Schmach, gegen diese barbarische Mißhandlung, gegen diese fluchwürdige Lüge, weit sie ״die Stolzen unter den Schwachen" sind, darum wird immer mehr die Wuth der Feinde angesacht und sie häufen immer neue Schmähung ans den jüdischen Namen und reizen immer heftiger die Pöbclleidenschaft gegen die Inden.- Da wäre es keine Wahrheit: von Außen Spott und Hohn?? Wer wagte zn widersprechen und abznlengncn, daß die ganze Welt gegen das heutige Israel in Waffen steht, um es mit dem anmaßenden Stolz seiner Existenzberechtigung und der lächerlichen Prätension seiner noch zn vollbringenden Weltmission zn vernichten? Wir haben den Mnth trotz der Frechheit und des wüsten Geschreis des heutigen Antisemitismus dessen llebcrmacht zu leugnen. So sehr sich das Herz eines jeden Inden unter den rohen Schlägen des triumphirenden Feindes krümmt, so tief uns der Spott und Hohn verletzt, so schmerzlich wir unter der Verachtung unserer Brüder — auch in dem Antisemiten erkennen wir unfern Bruder — leiden, so wissen wir uns dennoch den ruhigen Blick zu bewahren und wagen den AuSsprach, daß der Judenhaß unserer Zeit nicht nur nicht allgemeiner und bedrohlicher ist, als die scindliche Gesinnung der Völker, unter welcher die Nachkommen des Semiten Abraham ihre nach Jahrtausenden zählende eigenthümliche Existenz sich erhalten, sondern daß das

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