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Jeschurun · 1884-10-02 · Heft 40-41 (2.10.1884) · p. 635

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 40-41 (2.10.1884)
Article
Israel und die Myrthe
Date
1884-10-02
Page
635 (sequence 3)
Language
German
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635 Jeder ftc sich selber formt, und hundert Geister hnndcrt Tugcndarten bilden, kann dann die Harmonie noch bestehen, kann da ein Tugcndsinn Alle erfüllen, ein Sinn, der doch zum gemeinsamen gegenseitigen Schutz das erste Ersorderniß ist? Einer wird die Schamhaftigkeit niedriger stellen, ein Anderer die Barmherzigkeit nach nuten rücken, ein Dritter die Licbesthätigkeit zn unterst rangircn, und keine Einheit und Verbindung wird erhalten bleiben können. Nein, die Myrthe ist ja das Zeichen der והאמת רד־!״לרם אהבו, daß nur eine Wahrheit und nur ein Sinn den Frieden erhalten kann, den Frieden untereinander, der allein Kraft gicbt, miteinander und für einander einzustehen. Darum nicht eigenmächtig erhoben und nicht eigenwillig erniedrigt, sondern der alten ehrwürdigen Regel der jüdischen Tugend gehorcht, so geübt, wie der alte jüdische אמת, die alte jüdische Wahrheit cs vorschrcibt, dann wird auch der alte jüdische שלום, die alte jüdische Einigkeit, gewährleistet sein, und Einigkeit macht stark, stark zunt gegenseitigen Schutz, stark zum .ענף דן עבות יבשו עליו פסול במשו בשר lehrt der alte Meister, der Talmud, weiter, ״wenn die Blätter trocken sind, ist die Myrthe unbrauchbar, sind sie welk, ist sie noch zu vcrwcrthcn." Sind die Blätter trocken, so können sie wohl gradausgerichtet um den Stamm noch stehen, aber der erste Angriff läßt sie zusainincnbrcchen נפרץ בצפורן, sind die Blätter welk, dann neigen sic wohl thr Köpfchen nach unten, und der Stamm ist von ihrem Schutze entblößt, aber es bedarf oft nur eines Anreizes, so wird ihnen wieder Frische, und ne« durchsaftct und lebendig dnrchmarkt legen sie sich biegsam und schmiegsam um das Holz. Und wir? Wäre das Schreckliche jemals eingetreten, daß die Fähigkeit zur Tugend in uns plötzlich erstorben wäre, daun hätte sicherlich der erste starke Anprall uns zerbrochen und zusammcngcworfcn, und der Jakobsslamin wäre ohne Schützer und Berthcidigcr unter dem Axthicbe der Feinde gefallen. Aber, Dank dem Höchsten, also ist es nirgend gewesen; der Quell der Tugend ist niemals ganz versiegt. Wohl waren wir zu Zeiten welk und die Blätter hingen matt am Stamm herunter, und dieser war entblößt von seiner schützenden Hülle, so daß ein Unkundiger meinen konnte, den Stamm würde kein Blatt mehr schützen, — wohl mochte Mancher in diesem Jrrthum den Angriff wagen; — da aber hoben sich die Blätter und Blättchen plötzlich wieder in die Höhe, da wanden sie sich um den alten Stamm, und ״wir gehören zu unserem Holze, wir fühlen was ihm geschieht, wir sind da zu seinem Schutze, wir sind nicht mehr welk, wir sind nicht mehr matt, wir sind wieder markig und saftig, durchsättigt vom Geiste unserer Lehre, durchtrünkt vom Gefühle für unsere Nation," das war der beredte Protest gegen die, welche wähnten, das Indcnthum schon als Mumie in die Gruft zu betten und mit einem Schlage den Baum zu zerschmettern, ״wir sind da, wir bleiben da, verbunden und verflochten, dicht und dauerhaft .ענף עין עבות אסא בבל מקום שהוא אבא שמה tönt cs endlich fünftens aus der Lchrhallc des Talmud, ״uw die Myrthe ist, ist ihr Name Myrthe." ״Wenn Myrthe unter Dornen sich verirrt, bleibt sie in niederer Nachbarschaft — die Myrthe", übersetzt Sachs. Wo wir die Myrthe auch hinstellcn, ihren Duft entsendet sie überall, und was sic von Ursprung an war, das bleibt sie auch bei Dornen und Disteln. Und Israel? — Ach, wie oft war cS auch schon unter Dornen verirrt, oder wie oft schon stellten sich Dornen um es herum und wollten cS zu ihrer Ge׳ Wohnlichkeit und Würzcnlecre hcrabzicheu, lvie oft richtctcn Disteln ihre Stacheln gegen die Blätter, um sie zu zerstechen und zu zerfasern, wie oft wollten Gewalt und List, Drohung und Ucbcrrcdnng der Israels- Myrthe klar ntachen, daß ihre Zeit vorüber, daß sie sein müsse, wie alle Anderen, wie oft sollte Israel ciusehen, daß cs keine Berechtigung habe, seine alte Tugend zu bewahren, wo andere Zeiten andere Sitten gebaren; — die Myrthe, sic war elastisch, sie bog sich, aber sic brach nicht, und biegsam und schmiegsam bewahrte sie sich vor dem Riß der Dornen, vor den: Stich der Distel, und lau und luftig, und derb und duftig, und würzig und wohlig entsandte sie ihren Hauch in Dorncugestrüpp und Distelgesträuch. Der Distelrohcit war cs nicht immer bequem, daß die Myrthcnzartheit sich so hartnäckig erhielte, dem harten Dorn war die weiche Myrthe ein Dorn im Auge, ciu lasterhaftes Israel hätte man freudiger begrüßt, denn ein tugcndsamcs. DaS Laster hätte ja den Myrthcnstcngcl zermorscht, und die Sünde hätte vermocht, was alle Kraft, alle Knust, alles Gift und alle Gunst der Völker nicht vermochten, aber der hartnackige Stamm war auch int Guten hart, die Blätter gaben ihren Duft nicht fort, nicht für Alles, was man als Ersatz ihnen bot, und wo ein Zwciglcin wuchs, da legten sic sich traulich an cs an, cs deckend mit ihrem Dufte, cs hüllend mit ihrem Hauche. Wohin Jakobs Myrthe sich auch verirrte, sic blieb und bleibt überall die Jakobs-Myrthe! Brauchen wir diesen Bildern noch einen Text hinzuzugcbcn? Schauen wir sie nur an, recht ernst und verständig, laben wir uns an ihren! Anblicke, freuen wir uns mit ihrem Farbcnscheine! O, du liebliche Myrthe unter den Völkern, verstehe Dein Sinnbild, die Myrthe unter den Pflanzen!

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