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Jeschurun · 1884-09-04 · Heft 36 (4.9.1884) · p. 562

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 36 (4.9.1884)
Article
Die innere Gefahr
Date
1884-09-04
Page
562 (sequence 2)
Language
German
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Wurm an dem Mark der Gesellschaft, der sic dem Untergang rettungslos entgegcnführt. Vor der cigcnt- Uchen Verbrecherwelt können Kanonen und Kartätschen noch einigermaßen schützen, hier aber versagt jede mcnschliche Macht. Der Kreis, den Gott erkoren hatte, die irregegangene Menschheit wieder zu Ihm zurnckznsnhren, daß dereinst in Wahrheit ״Gottes die Herrschaft wird, und Er unter den Völkern waltet", indem Alle nicht ferner Ihm die Huldigung verjagen, — der Kreis, der durch jahrhundertlanges Elend und die vierzigjährige Wnstcnwandcrnng vorbereitet und erzogen werden sollte für die Begründung eines Staatswescns, in welchem schon in der Gegenwart dieses Gottesrcich der Menschheit in die Erscheinung treten sollte, — der sollte gewarnt werden vor diesem inncrn Wurmfraß, dessen Glieder sollten feind sein jeder gtcißncrischen Heuchelei, die, äußerlich fromm und sittlich und im Geheimen gottlos und lasterhast, das Verderben des Staats heransbeschwärt. Darum hatte es bei dem ersten Schritte ans dem Boden, der ihm zur Entfaltung eines selbstständigen Staatslcbens angewiesen worden, die Wahrheit sich zu vergegenwärtigen, daß sein Gedeihen nicht nur von der äußeren Legalität und den äußerlich geordneten gesetzmäßigen Zuständen abhängig, sondern unabweisbar an die reine, fromme, sittliche Gesinnung seiner Bürger geknüpft sei. Die einander gegenüberliegenden Berge Gerisim und Eba! deuten in ihrer äußeren Erscheinung den Gegensatz von Gedeihen und Verödung an. Der erstcrc in üppiges Grün gekleidet, der andere nackt und kahl, trotzdem beide denselben atmosphärischen Einflüssen zngängig. Hier hatte sich das gesammte Volk, Männer, Frauen und Kinder, anfznsiellcn und sich vor die Seele zu führen, daß von ihnen und ihrer Nachkommen sittlichen Verhalten es bedingt sei, ob cs Gerisim gleich zur Blüthe und zum Gedeihen gelangen, oder wie der Ebal steril und öde bleiben, ob cs den Segen oder den Fluch sich selbst schassen werde. Das Volk stand in zwei Gruppen an diesen beiden Bergen, die ״Lade des Zeugnisscs", das Gotrcsgesetz mit den Vertretern desselben befand sich zwischen ihnen. Die Leviten sprachen die Verkündigung der Segen- und Fluchbedingnngen mit erhobener Stimme, und das Volk bekräftigte die Uebernähme derselben durch lauten Amenruf. Der Inhalt dieser Bedingungen lautete aber also:*) ״Dem ist alles Gedeihen versagt, der äußerlich den Gottinnigen spielt, aber im Geheimen GotteS ausschließendes Sem und Walten verleugnet, der äußer- Lich gegen Vater und Mutter ehrerbietig ist, in feinem Innern aber sich über Vater und Mutter gering¬ *j Siehe Hirsch's Pentateuch, V. S. 475. schäbig erhebt; der vor Menschen den Ruf der Rechtschassenheit wahrt, aber ungesehen das Rechtsgebiet des Nächsten zu seinem Vortheil schmälert, der vor Klugen und Einsichtigen für Nächsten-Wohlfahrt schwärmt, Kurzsichtige und Blinde aber urs Unglück stürzt; vor Mächtigen und Großen kriecht, Schwachen und Hülslosen aber die Menschcnpslicht versagt; sittlichen Gesellschafts-Anstand heuchelt, um in vertranter Heimlichkeit geschlechtlicher Ausschweifung zu fröhnen; der de« Dolch nicht gegen den Nächsten zuckt, aber unter der Decke der Unterhaltung sein Glück, seinen Frieden und seine Ehre mordet; der in seiner Gemcindc das höchste Vertrauen genießt, eS aber in heimlicher Korruption verbrecherisch mißbraucht; end-!ich auch Dem schon, der, wenn er auch für sich pflichtgetren lebt, doch dem Darnicderliegen der Gesetzestrene in seinen engeren und weiteren Kreisen mit Gleichgültigkeit znsieht."-- Das jüdische Volk blieb dieser feierlichen Uebernahme, dieser Segen- und Flnchverknndignng im Laufe der Zeit nicht eingedenk und an dem Zwiespalt zwischen der offiziellen Frömmigkeit und der geheimen Verleugnung des Gotresgehorsains brach das jüdische Staatswcsen mit dem Tempel zusammen. Und wenn uns, dem שארית ישראל, die Tage des Ernstes nahen, an welchem wir uns prüfen sotten vor Gott, wie wir in dem Gehorsam gegen sein Gesetz und zu der Erfüllung unseres Israel-Berufs in der Vergangenheit und Gegenwart bewährt, — sollten wir uns da nicht crnstlichst fragen, ob das Bekenntniß unserer Lippen mit der Gesinnung unseres Herzens in Uebereiilstinimnng sich besindet, ob wir nicht i!n Innern verleugnen, was wir durch äußere Handlungen bcthätigen wollen, ob wir in diesen Tagen des Ernstes nicht anders sprechen, als wir während der übrigen Zeit des Jahres denken? Da meinen wir fromm und gottesfürchlig zu sein, wenn wir an den beiden ersten und zehnten Tagen des Tischr! in das Gotteshaus wandeln, unsere Geschäfte schließen, beten und fasten — als ob der Sabbath und die übrigen Feste nicht ebenfalls von Gott eingesetzte Institutionen wären, der crftcrc nicht minder heilig als der Jomkippnr, die letzteren nicht minderwerthigcr als Nosch-Haschana; als ob der ganze Inhalt des GotteSgcsetzcs sich in der Feier dieser drei Tage erschöpfte. Oder wir meinen unserer Pflicht vollauf Genüge geleistet zu haben, wenn wir nur uns in der Treue und den Gehorsam gegen das Gottesgesetz erhielten, aber gleichgültig oder furchtsam dem Abfall und der Untreue unseres Kreises zuschanend, nicht gewagt haben, das Wort zu ergreifen, wo wir dazu berufen waren, mit Rach und That einzustehen, wo uns Gelegenheit ge-

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