Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1884)
- Article
- Die Verkündigung des fünften Elul
- Date
- 1884-08-28
- Page
- 546 (sequence 2)
- Language
- German
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546 ward im Tempel gesucht, sondern die Versöhnung der siuslcrn Mächte, welche vermeintlich Gewalt haben über der Mcnschcn Wohl und die Gunst der Naturkräste, unter deren Einfluß das irdische Gedeihen gestellt erscheint. Nicht dem Gottcsgesetz ward in, Heiligthume noch die Huldigung gebracht, sondern dem Prinzipe, von welchem jeder nach seiner individuellen Anschauung sich abhängig suhlte, und die Führer und Leiter des Volkes wandelten voran mit dem Beispiele eines gottlosen Lebens. Derer aber, die הנאנחים והנאנקים על בל ״ התעבות בתיבהdie seufzten und klagten über alle in Jerusalem geübte Gräuel" waren nur wenige. Der Tempel war nicht urehr die Stätte der Herrlichkeit Gottes, die Menschen hatten Gott hier den Rücken gewandt, hatten seine Nähe verschmäht, darum waren sie dem Verderben verfallen und nur die הנאנחים והנאנקים waren von dem Untergänge ausgenommen. Der Tempel ward der Vernichtung anhcimgegeben und die Herrlichkeit Gottes enthob sich dem Hause. Im Menschcnkrcise fand das Gottesgesetz keinen Träger mehr, und darum zog sich Gottes Herrlichkeit in den überirdischen Kreis zurück, wo alle Wesen die Bahn wandeln, die Gott ihnen gewiesen לא יכבו בלכתם ״und nimmer abweichcn von ihrem Wandel". Das Verhängniß aber sollte sich erfüllen. Gott hatten sie nicht gefürchtet, hatten nur mit der Macht der Menschen gerechnet. ״Das Schwert habt ihr gefürchtet — ich bringe das Schwert über euch — ich führe euch hinaus und überliefere euch der Fremden Macht — ich lasse das strafende Recht über euch walten-dann werdet ihr erkennen, daß ich Gott bin, in dessen Satzungen ihr euch nicht gefügt, dessen Rechtsvorschriften ihr nicht befolgt, — vielmehr nach der Weise der euch umgebenden Völker gehandelt habt." Da fiel der Prophet, der solches verkündet, auf sein Antlitz, und seinen Lippen entrang sich der Schnicrzcnsschrei: ״Hast Du denn gänzliche Vernichtung verhängt über den Nest Israels?!" Und ihm ward die Antwort: ״Wenn ich sic in die Ferne geschickt unter die Völker 1u!b wenn ich sie zerstreut habe in alle Länder, so bleibe ich doch ihnen für ein verjüngtes Heiligthum in den Ländern, wohin sie kommen. Darum verkünde: so hat Gott, mein Herr, gesprochen: Ich werde euch wieder zusaunuenbringen ans den Völkern, euch einsammeln ans den Ländern, in welche ihr zersprengt seid; und ich gebe euch dann den Boden Israels wieder. — Sic werden dort wieder hinkommcn und werden von ihm sorlschaffen alle seine Gräuel und all seinen Abscheu. — Ich gebe ihneu ein einiges Herz und einen neuen Geist gebe ich in sie- — das Herz von Stein nehme ich ans ihrem Leibe und gebe ihnen ein Herz von Fleisch, daß sie in meinen Satzungen dann wandeln und meine Rechtsordnungen sorgsam ausführen — sie werden mein Volk und ich ihnen Gott sein- Also die Gottesverkündigung des fünften Elul vor drciundzwanzig Jahrhunderten, die sich bereits in ihrem ersten Theile verwirklicht hat in dem Geschicke des Ucberrestes Israels, das Staat und Tempel in Trümmer gehen sah lind, hinweg getrieben von dem heimathlichcn Boden, zerstreut ist über den ganzen Erdball. Dieser kleine Nest, der Gott nicht die Treue gebrochen und dem Gottesgesetzc nicht den Rücken gewendet, ist der Träger der Zukunft des Heils. Wie aus den ersten sechszehn Jahrhunderten ein einziger Mann mit den Seinen als der Ueberrest der in die Fluthen versinkenden entarteten Menschheit übrig geblieben, weil er sich in dem allgemeinen Verderbniß der reinen Menschenbestimmung zu erhalten wußte, dieser Eine aber der Begründer eines neuen Menschengeschlechts wurde, — wie aus dieser neuen Menschheit nur ein einziger Mensch Gott noch erkannte, wahrend alle Anderen vor den Götzen in die Knie sanken, und Gott diesen Einen erkor, um durch ihn und seine Nachkommen das Gottesreich für die Menschheit zu begründen, — also war aus dieses Mannes Geschlecht nach ferneren dreizehn Jahrhunderten nur dieser kleine Nest verblieben, der, das Zeichen der Gotteswcihe an der Stirn tragend, bestimmt war, das schwerste Geschick des Leidens auf sich zu nehmen, schwach und wehrlos, ohne äußerlichen Halt, recht- und heimathlos in die Völkergruppen cinzugehcn und die endliche Rückkehr der gcsammten Menschheit zu ihrem König und Vater anzubahnen. An diesem שארית ישראל vollzieht sich nuausgesetzt ein Läuterungs- und Scheideprozeß. Es soll in der Schule des Leids lernen, seinem Gotte ganz anzugehören, Verzicht leisten zu können auf jedes Erdenglück, welches sich ihm nur auf von Gott nicht gewicscnen Pfaden erreichen läßt, sich einzig und allein von dem Gottcsgcsetze in jedem Augenblicke leiten zu lassen und seine ganze Zuversicht nur ans Gott zu setzen und in Gott die ungetrübteste Ruhe des Gemüths zn finden, ww gewaltig es auch eine feindliche Welt bedroht, wie lockend auch die Sircnenstimmen der Verführung in sein Ohr tönt. Aber nicht Alle sind stark genug zum Widerstand gegen die Gewalt und nicht fest genug gegen den Lockruf, der zum Abfall reizt. Auch unserem Zeitalter ist weder die drohende Gewalt noch die zur Untreue ladende Verführung erspart geblieben, und das heutige שארית ישראל theilt sich auch in zwei Gruppen, wie vor dreiundzwanzig Jahrhunderten. Die Einen wenden in ihren Tempeln dem Gottesgcsetze den Rücken und beugen sich vor den Göttern, von denen sie sich abhängig wähnen. Sie nennen das ״zeitgemäßes Jndenthum", das Judenthum, LaS sie