Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1884)
- Article
- Zum Verständniß der neuesten Phase der Reform
- Date
- 1884-08-07
- Page
- 498 (sequence 2)
- Language
- German
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498 thun, das; bic eigentliche Frucht des Religionsunterrichts in der Kcnntniß der Gesetze und in deren Erfüllung besteht. Es ist immer nur die Rede von der Geschichte, den Lehren, den Aufgaben, den Zielen, dem geistigen Lehrgehalt, den Grundlehren der Religion, dem religiösem Leven, der Zukunft des Judeuthums u. f. w. 1t. s. w., von den jüdischen Gesetzen ober und deren Unverbrüchlichkeit und treuen Erfüllung war kein Plätzchen frei in der wortreichen Erklärung, Ausführung und Begründung. Warum? Run, weil mit so geringfügigen, altvüterischen Dingen sich die Reform nicht avgicvt. Dieselbe ist sehr genügsam; wenn nur die Synagoge besucht, die Predigt andächtig angchört und der Rabbiner als die wichtigste Person angesehen und behandelt wird, dann ist ihr Ideal erreicht. Religiöses Leben, Weihe des Sabbaths und Festtags heißt in ihrer Sprache schöner Lynagogengesang und volle Synazogen. Sb die gebildeten, von ״echt religiösem" Geiste erfüllten Gemeindcmitgliedcr ihre Burcanx und Magazine am Sabbath geöffnet haben und auch ״nichtritnell" zubcrcitcte Tafclgenüsse nicht verschmähen, daS sind .minutiöse Kleinlichkeiten, darnach zu forschen wäre höchst ungebildet und verriethe einen beschränkten Geist. In einer bescheidenen Note ist denn auch nur Raum für den Wunsch einer Intervention für Dispcnsationen bei den Gerichten in Betreff des Geschworenendienstcs 11. s. w. für die ״hohen Festtage", nicht aber für den Sabbath, der an Heiligkeit doch diesen nicht nachsteht und nur wegen seiner zwciundsünfzigmaligen Wiederkehr in einem Ton Neujahre von den Reformern mit größerer Nonchalance behandelt wird. Für ״Erwachsene (Lehrlinge n. s. w.)", welche am Sabbath ״am Besuche des Hauptgottesdienstes verhindert sind" (welch zarte Umschreibung sür die Entweihung des Sabbaths durch Arbeit!) ist aber im Texte Platz, um besondere Gottesdienste cinzurichten, ״die durch religiöse Borträge erbaulich und belehrend zu gestalten sind." Es ist nicht der Zweck dieser Abhandlung, die Beschlüsse der <;8 Herren eingehend zu besprechen. Wir haben uns nur die Aufgabe gestellt, zum Berstündniß der neuesten Phase der Reform einen kleinen Beitrag zu liefern. Es genügt uns deshalb, zu zeigen, wie auch diese mit so großem Pompe in'S Werk gesetzte Versammlung lediglich zur Stütze der Reform, oder richtiger deren Rabbiner, dienen sollte. Die Auftraggeber waren übrigens mit der gelieferten Arbeit ihrer Komnrission nicht ganz zufrieden. Die Arbeit war eincsthcilS zu gut, andernthcils zu schlecht. Die sieben Herren hatten in der That Erstaunlichcs geleistet. Das Problem des Ausschlusses jedes religiösen Differenzpunktes von der Diskussion haben sie durch die Vermeidung-״eines Hinübergreifrns auf das streitige Gebiet des kultuellcn Lebens" glücklich gelöst. Es war ihnen wahrhaft Ernst, ihre Mandanten vollauf zu befriedigen. Wir haben aber gesehen, daß selbst die widersinnigste aller Unterscheidungen zwischen kultuellem und öffentlichem Gemeinde-Leben, vor der sie nicht zurückgeschreckt, es dennoch nicht verhindern konnte, daß der allmächtige Geist der Reform sich in ihren Arbeiten offenbarte. Das war eben ein Fehler, denn dadurch verfehlte die Arbeit ihren Zweck. Man fotmte mit derselben die Orthodoxen nicht zur Hecrcssolge hcranziehcn, und man bedarf ihrer heute gegen die erschreckliche Ueberhandnahme der absoluten Gleichgültigkeit der unter der Herrschaft der Reform groß gewordenen Generation, deren Nachkommenschaft vielleicht recht bald von irgend einem positiven ReligionSsystem überhaupt nichts mehr wissen will und der Geistlichkeit gänzlich entrathen zu können glaubt. Daher der ״konservative Zug", welcher sich in der Plenar- Versammlung geltend machte und auch in der Amendirung des Kommissionscntwurfs zum. Durchbruch kam. Die Manifestation der sich ״Versammlung der deutschen Rabbiner" nennenden Herren würde thcilS zu farblos, theils zu reformistisch ausgefallen sein, wenn die Vorschlage der Kommission pure adoptirt worden wären. Man mußte deshalb einige ״konservative" Farbentöne anbringcn. Es ist sehr interessant, dieselben eingehend zu studiren. Wir. müssen hierauf jetzt verzichten und uns darauf beschränken, solche kurz zu erwähnen. Als solche kennzeichnen sich die folgenden von der Versammlung vorgcnommenen Aenderungen: 1) A.b. lautete im Entwurf: ״durch Fürsorge sür regelmäßigen und allgemeinen Schulbesuch der Gcsammtjugend"; die Versammlung beschloß: ״durch Fürsorge sür eine allgemeine Theilnahme der Jugend am Religionsunterricht." 2) Die Versammlung schaltete eine ganz neue Fordernng ein, welche die Kommission, ihrer Instruktion getreu, nicht zu erheben wagte, nach: ״Fürsorge für den hebräischen Unterricht in Gemeinden, in denen derselbe noch nicht genügend berücksichtigt ist (Errichtung besonderer Kurse für daS Hebraische)". 3) Die Kommission proponirte die ״Schaffung eines geeigneten Lehrbuchs für den geschichtlichen Lehrunterricht." Die Versammlung verzichtete aus diese Forderung. 4) Ra. hieß im Entwurf: ״durch Theilnahme der Schüler an dem öffentlichen Sabbath- und F e st t a g s - Gottesdienste"; — die Versammlung verlangt: ״Theilnahme der Schüler am öffentlichen Gottesdienst." 5) 0.1). erklärt eS als eine dringliche Forderung und als heilige Aufgabe der Gemeinden und ihrer Vertretungen ״an dem Aufbau wahrhaft jüdi-