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Jeschurun · 1884-06-26 · Heft 26 (26.6.1884) · p. 407

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 26 (26.6.1884)
Article
Nachtgestirne
Date
1884-06-26
Page
407 (sequence 2)
Language
German
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407 ״Also wieder eine Ketzergcschichte," rief der Graf im wirsch, ״laß das jetzt, ich Hab' heute schon dessen genug! — Dir wird von der nächtlichen Wanderung kalt sein, und ein Schluck wärmenden Getränkes wird Dir, wohl thun!" Wohl wissend, daß eine solche Einladung beim Pfarrer nie ans eine ernstliche Opposition traf, befahl er dem Diener, einige Flaschen alten Tokayers hereinznbringcn, ohne daß er die Zustimmung des Pfarrers abgcwartct hätte. Dieser wußte sehr wohl, daß er hellte sein Anliegen nicht Vorbringen dürfe, ohne den Grafen vollends umnuthig zn srinnncn, und ergab sich deshalb geduldig in sein ohnehin nicht zn hartes Schicksal. Vielleicht, daß das feurige Getränk den Grafen zngänglichcr machen werde. Doch er hatte sich hierin getäuscht. Das zweite und dritte Glas des perlenden Weines hatte Georg von Ormai bereits hernntcrgcstnrzt, ohne daß sein Widerwille gewichen wäre, immer brach er schroff ab, wenn der Pfarrer auf den Zweck seines Besuches znrückkommcn wollte. Die Augen des Grafen glänzten, sein fahles Gesicht röthete sich tiefer und seiner lallenden Zunge entschlüpften unverständliche Worte, dennoch aber sträubte er sich mit der Willenskraft eines Nüchternen gegen die Besprechung des für heute unlcidliehen Themas. Da verlor der Geistliche die Geduld, und er verabschiedete sich, den gestrengen Herrn in einer gehobenen Stimmung zurücklasscud.- Die Kunde von dem gewaltsamen Tode des armen Jörg hatte sich mit Blitzesschnelligkeit verbreitet und war auch zum Wachtthurm hinanfgedrungen, ans dessen flachem Dache Johann, der Burgwart, stand und auf das in nebliger Tiefe liegende Städtchen hinabblickte. Johann war der Sohn der alten Mara, die wir schon einmal flüchtig in! Hause Salamou Nohrbach's gesehen haben. Er war ein hoher, baumstarker junger Mann mit schönen wettcrgebränntcn Gcsichtszügcn, aus denen abenteuerliche Verwegenheit und trotzige Todesverachtung sprachen. Seine vielfach bewährte Tapferkeit hatte ihm das Vertrauen seines Vorgesetzten, des Schloßhauptmannes. erworben, welchem Umstande er cs zn vcrdanken hatte, daß ihm der wichtige Posten eines Burgwartes übertragen wurde. Gegenwärtig aber war an die Stelle des gewöhnlichen Trotzes die ticsste Entmnthigung und Niedergeschlagenheit getreten, denn Katinka, die Tochter desjenigen, welcher eben unter den Händen der Foltersknechte einen grausamen Martcrtod erlitten, war die Gespielin seiner Kindheit und die Geliebte seiner gereisten Jugend. Darum prägte sich in seinen verwitterten Zügen eine tiefe Wehmnth aus, deren man den abgehärteten Krieger kaum fähig gehalten hätte, als er zn jener Gegend des Ortes hinuntcrblicktc, wo sich das bescheidene Häuschen Jörg's befand. Die Lage des nunmehr verwaisten Mädchens und seiner unmündigen Geschwister war der Inhalt seiner Gedanken. Je mehr er sich baiuit beschäftigte, desto trostloser schien sie ihm. Noth, sagte er sich, soll sie mit den Ihren nicht leiden, so lange (55ott ihm t?cbcn gewährte, wer aber sollte sie nunmehr vor den Nachstellungen des grausamen Pfarrers schützen? Sollte er sich;11 ihrem offenen Beschützer aufwerfen, so würde ganz sicherlich der Psasfe auch ihn zur Ziclscheile seiner Angriffe erwählen und auch ihm ein baldiges Ende bereiten. Der Gedanke an den Geistlichen erweckte seinen Grimm und ließ den Einschluß in ihm reifen, im Nothfalle mit der Geliebten den Ort zu verlassen und weitab sich eine neue Heimath zn suchen. Da kam Jemand zögernden Schritts die steile Treppe zum Wachtthnrme empor. Johann nahm die Lanze wurfgerecht in die Hand. ״Wer da?" rief er mit kräftiger Stimme. ״Ich bin es, Johann/' antwortete Engcn's wohlbekannte Stimme, welcher, die Fallthürc emporhebend, sich leicht durch die Lucke auf das Thurmdach schwang. Johann ließ die zum Wurf erhobene Lanze sinken und verharrte schweigend, indem er düster zu Boden blickte. ״Weißt Du schon das Unglück, das sich heute Nacht hier zngetragen hat," frag Engen, indem er näher zn ihm hintrat; ״weißt Du schon, daß der Jörg nicht mehr unter den Lebenden weilt?" ״Weiß nichts," preßte Johann beklommen und schroff hervor, ״hat niich auch nichts anzugehen!" ״So? — Nun gut, so wisse, daß eS mich um so mehr angeht. Jörg ist durch das Verschulden meines Vaters umgekommen, deshalb fühle ich mich verpstichtet, wenigstens für das Unterkommen seiner Hinlerlassenen zn sorgen. Willst Du mir dabei behülflich sein?" ״Ich — ich," rief dieser, ängstlich anfblickend, ״warum denn just ich? Warum laßt Ihr Euch, Herr, vom Pfarrer vorschwatzen, daß eben mir daran gelegen sein müsse, den Hinterbliebenen des Jörg Hülfe zu leisten? Hat er auch mein Verderben schon beschlossen?" Wie sich zur Vertheidigung gegen den andringendcn Verfolger rüstend, faßte er bei diesen Worten die Lanze fester, und seine Augen glühten durch die Nacht, als er entschlossen und herausfordernd in das Gesicht Eugens blickte. Dieser trat vertraulich an Johann heran und legte seine Hand mit leisem Druck auf dessen Arm. ״Sei kein Thor, braver Johann, sagte er freundlich, ״ich ein Spion des Pfarrers! Bist Du närrisch? Mir ist der Pfarrer wegen seiner Niederträchtigkeit in tiefster Seele.verhaßt. Was ich an den Kindern Jörg'S thnn will, das gebietet mir die Menschlichkeit."

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