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Jeschurun · 1884-06-26 · Heft 26 (26.6.1884) · p. 402

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 26 (26.6.1884)
Article
Zum Verständniß der neuesten Phase der Reform
Date
1884-06-26
Page
402 (sequence 2)
Language
German
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402 Brüder $11 vcrthcidigcn und zu schützen. In Wort und Schrift und Thal wurden sie augcfctnbct, und in VId)t und Baun jeder erklärt, welcher bei dem alten ruhmreichen jüdischen Banner anszuhcnrcn entschlossen war und nicht fahnenflüchtig werden wollte, wie Tausende seiner Brüder. Immer lauter wurde der Abfall als Äeisheu gepredigt, imnicr verlockender der Bortheil deS Bcrraths gezeigt, und immer größer ward die Zahl Derjenigen, welche sich Lehrer und Rabbiner des JudenitznmS nennen und in die Gemeinden den Geist der Untreue tragen und in dem Herzen des Volks die alte Liebe und den alten Gehorsam und die alte Hingebung für das Jndcnthum zu ersticken sich bemühen, die den Abfall als gottwohlgesällig und weise, die Treue aber als Frevel und Dummheit dnrstcllcn, die ihre von Eitctleit und Thorheit erzeugte Asterwisscnschaft als Wissenschaft des JndcnthnmS ausgeben und trotz salbungsvollsten Gebahrens und frommen Augcnemporblicks die Lüge an Stelle der Wahrheit und den Leichtsinn au Steile des Ernstes predigen, die die Gewissen der Gemeinden eiulullcu mit der Versicherung, daß man ein treuer, gewisseuhaster Jude sein kann, wenn man auch Gottes Gebot mißachte und dessen LerpflichtungS-!rast und Gültigkeit leugne. Immer mehr RavbinatSsitze sielen Männern zu, welche in diesem Geiste eine unheilvolle Wirksalukeit entfalten. Waren sic ja den Gemeinden, aus welchen der ernste Geist geschwunden, bequeme und angenehme Führer und Lehrer. Sie führten dahin, wohin die ntaßgebendslen und eiufluß-. reichsten Gemeindemitglieder sich hinneigten, sie lehrten das, was diesen genehm war, und auf diese Weise war der Stein der Weisen: Ausgleichung deS Lebens mit der Lehre gesunden. Der gesetzeSwidrigc Waitdcl ward durch den Mund der Geistlichen zu einem frommen gestempelt, die unjüdische Gesinnung als Aufklärung gepriesen, und die Rabbiner gaben ihren Segen zum Berrath, der von den Gemeinden vielleicht unbewußt geübt wurde. Gab cS in einer Gemeinde noch einen Mann, der an dem allgemeinen Abfall sich nicht bctheitigen wollte, so wurde er geächtet als ״Krakehler", von dem frommen Geistlichen als den Störenfried und den Empörer gegen seine, des Geistlichen, geheiligte Autorität verketzert und seine Opposition als Auflehnung gegen die Gemeindceinhcit sligmatisirt. Gab cS aber deren mehrere, so waren sie die Rotte KorahS, die Separatisten, der Geistliche aber der Mann Mose und die sabbathenwcihcude und Speise- und Ehegcsetze vcrachtende Gemeinde, die heilige Gemeinde Israels. So vereinigen sich vielleicht heute in vielen jüdischeu Gemeinden Unwissenheit und Gleichgültigkeit der Gemcindcmitglicdcr mit dem gleißncrischen Gebühren halb unwissender und leichtfertiger Rabbiner, Prediger und Lehrer, gegen Gott und Sein Gesetz, und eine frivole Presse klatscht Beifall den Bestrebungen der Reform und entleert die Schale ihres Zornes, Hohnes und Spottes über die Gesetzestreucn. Aber trotzdem und alledem kann die Rcsornt ihres scheinbaren Sieges nicht froh werden. Die arge Ver- Wüstung, welche sie angerichtet, ist freilich ein sprechendes Denkmal ihrer Triumphe, ״das Sinken des religiösen Lebens, die Verminderung der Anhänglichkeit an der Religion, das Schwinden der ehemals so allgemeinen Opserfreudigkeit und Widerstandsfähigkeit gegenüber Anfeinduugen und Beschränkungen von außen, die mangelnde und sich immer mehr verringernde Kcnntniß deS JudenrhnmS, seiner Geschichte, seiner Lehren, Aufgabe und Ziele" sind die Früchte der Arbeit dieser Rabbiner, Prediger und Lehrer von der Reform in ihren mannigfachen Schartirnngen. ״Daß ein großer Theil der jüdischen Jugend ohne ReligionS - Unterricht" aufwächst, und dieser trostlose Zustand endlich zu einer völligen Auslösung deS Bandes, welches die zukünftige Generation mit ihren Ahnen verknüpft, führen muß, ist daS Resultat der seit Dezennien mit solchem Aplomb gepriesenen neuen glorreichen Aera, welche mit der resormatorischen Thäligkeit der Alten und deren Epigonen au heben und fortgeführt werden sollte. Je mehr aber diesem Ziele mit Riesenschritten die Zeit cntgegcngceilt, desto ernster werden die Bedenken der Führer. Wandeln sie auch ferner ans der betretenen Bahn voran, dann ergeht es ihnen wie dem Rattenfänger von Hameln, welcher durch seine Pfeife die arglosen Kinder anznlocken wußte, ihnen voramvandelnd aber seinen Untergang fand. Sie können noch einige Zeit an der Spitze der von ihnen Berführten sich halten, müssen aber mit ihnen alsdann die Grenze einer neuen Zukunft überschreiten, in welcher mau schwerlich noch von jüdischen Predigern und Theologen irgend welchen Gebrauch machen kann. Oder aber,׳ sie trennen sich jetzt von ihrer Heerde und lassen diese deS Weges ziehen, welchen sie ihr früher selbst gewiesen; dann werden sie Prediger ohne Hörer, Lehrer ohne Schüler, Geistliche ohne Gemeinde. In dieser bedrängten Lage ist den fürsichtigen und gelahrten Herren ein überaus glücklicher Gedanke wie eine höhere Erleuchtung gekommen. Die viclgeschmähtcn Orthodoxen lassen sich vielleicht vortrefflich als Bremse benutzen, um den init rapider Geschwindigkeit dem Abgrund entgegcneilenden Zag zum Stillstand zu bringen, also sagten sie sich. Es ist wahr, wir haben sie arg behandelt, haben ihrer gespottet und gelacht, sie aber werden sich doch unserem Zwecke willig finden lassen. Das Flittergold der Reform verbrämen wir mit etwas Konservativem, hie und da auch mit ein klein wenig Orthodoxem — cS steht, nebenbei bemerkt, der Reform auch gar nicht so übel, cs gelvührt der schon etwas

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