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Jeschurun · 1884-05-29 · Heft 22 (29.5.1884) · p. 338

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 22 (29.5.1884)
Article
Das alte Gottesgesetz und die moderne Zeit
Date
1884-05-29
Page
338 (sequence 2)
Language
German
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338 wahren Jndcnthnms, uns voranleuchtend in treuem; Gehorsam und echt jüdischer Gewissenhaftigkeit? O, das; un$ diese Fragen mit der stolzen Befricdigung einer bejahenden Antwort erfüllen lonntcn, daß wir nicht beschämt die Augen Niederschlagen müßten! Gehen wir doch ein in unsere modernen blautengeschmückten Tempel und schauen uns die versammelte Gemeinde an am Feste unserer Gesetzgebung. Da stehen unsere Parnaßim auf hoher Estrade und vcrneigen sich in zeremoniellstem Anstande vor der in Sammet und Seide gehüllten Thora. Fragt sic doch, ob ihnen die heilige Nolle in Wahrheit heilig ist, ob sic die Sabbath- und Spciscgebole u. s. w. gewissenhaft beobachten; und dieselbe Frage richtet an den Kantor, der so eben mit weithin schallender mächtiger Stimme, die Thora im Arme, an die Gemeinde die Ausjordcrnng richtet.- ״Verkündet mit mir Gottes Größe und laßt 1ms zusammen seinen Namen erhöhen"; und auch au den Vorleser, welcher, zu den ״Zehn Worten" überleitend, in lang gezogener Kadenz ruft: ״Da sprach Gott alle diese Worte, wie folgt." Und fragt auch den Rabbiner und die jugendliche Schaar der Konfirmandcn und Konfirmandinnen um ihn. Er erhebt jetzt den Blick mit frommen Angenansschtag zum Himmel und betet in andachtsvoller Rührung mit vor innerer Bewegung zitternder Stimme, daß Gott mit ihm und der jugendlichen Schaar, die er Ihm znznfnhren im Begriffe ist, fein möge in dieser weihevollen Stunde, an diesem Tage, wo einst Gott sich offenbart hat den Voreltern dieser späten Enkel — fragt ihn, waS er seinen Konfirmanden denn von diesem geoffenbartcn Gotlesgesetze gelehrt; — fragt die Jünglinge und Jungfrancn, welche heute die Weihe der Religion cinpfangen und das Gclöbniß des Gehorsams dem Gottcsgcsctze leisten sollen, was ihnen der geistliche Lehrer gelehrt? Ach, die armen bcthörten Kinder! Ahnungslos haben manche von ihnen auf dem Wege zur Stätte ihrer Weihe das Neligionsgcsctz verletzt, auf welches sie konfirmirt werden, zn welchem sic sich bekennen sollen, und viele begehen die Feier dieser religiösen heiligen Weihe bei einem festlichen Mahle, welches von eben diesem Neligionsgcsetzc als sündhaft erklärt wird. Fragt auch die Männer und Francn. die heute in dem GotteS- Hause ihre Andacht verrichten.- Wahrlich, auch unserer Zeit gilt vielleicht der Ansspruch ני מר ההפכת המח, ein Geschlecht voller Wandlnngcn, voller Verkehrtheiten ist sie, ein Geschlecht, das sich ein Neues schassen will und sich von Gott und Seinem Gesetze lossagt, cs verleugnet in Gesinnung und That und dennoch der Thora Hymnen singt und Tempel baut und auf die Thora seine Kinder vcrpflichtet in feierlichem Gepränge, ans die Thora, der cs längst dm Gehorsam anfgekündigt, zu deren Befolgung weder cs noch seine Geistlichen seine Kinder angchalten. Warum trittst du, Mann im Tatar, nicht hin und richtest an deine Konfirmandenschaar und deine andächtige Gemeinde die Worte: Ist es eine Wahrheit und keine Lüge, daß Gott heute vor dreitausendeinhnndcrtscchsundncnnzig Jahren am Ehoreb Seinen heiligen Willen knndgethan. und ist die Thora, die ihr entrollt und über welche ihr, laut bekennend, daß Gott cs ist, der sic uns gegeben, den Segen sprechet, wirklich diese von Gott gegebene Lehre, so ist eine Alasplicmie eure Hymne und Hohn und Spott euer Bekcnntniß, wenn ihr nicht nach den Gesetzen handelt, die diese Thora vorschrcibt, vielmehr als veraltet und ungültig erklärt, was sie vorschrcibt. Ist die Thora das Wort Gottes, so gehet heim und sch.isst aus euren Häusern hinweg das von diesem Gottesworte verpönte Mahl, und schließet eure Werkstätten, Verkaufsläden und Bürcau^ au Sabbath- und Feiertagen, — so zollet Gehorsam dieser Thora. Denn Ungehorsam ist Götzendienst; und Gehorsam, nicht Hymnen und Chöre und Orgel, verlangt Gott. Wollt ihr das nichts so reißet die prächtige Hülle von den Gesetzcsrollen und schließet die Tempel; mit eurem Gottesdienst lästert ihr Gott. Moses hat die Gottestafcln zerschmettert, weil daS Volk Gott den Rücken gekehrt — auch ihr seid nicht würdig, die Thora zn besitzen, so ihr dem Gesetze den Gehörsam verweigert. Wer aber sollte also reden? Sind doch die Rabbiner die Hierophanten des modernen ״fortgeschrittenen Judcnthums", die Prediger des Abfalls, die Verführer des Volks. Sind sie es ja gewesen, welche durch Schrift und Wort, in ihrer Einzelwirksamkeit, wie in den Rabbincrvcrsammlnngcn die Lehre der Lüge und des Wahns gelehrt und verbreitet, die ein Judenthum ohne Thora zu gründen sich unterfingen und daS Gesetz Gottes in keckem Uebermnthe zn resormiren gedachten. Sind doch auch in diesen Tagen einimdvicrzig Männer, welche sich Rabbiner nennen, zusammengetreten und haben in gedankenlosem Wahn ein Rundschreiben erlassen, in dem sie zu einer ״allgemeinen Versammlung der Rabbiner Deutschlands" cinladen, bei welcher über die Mittel zur Hebung des religiösen Sinnes und zur Förderung des Reiigionönnterrichts bcrathcn, aber ״jeder religiöse Differcnzpnnkt von der Diskussion ausgeschlossen" werden soll. AIS ob cs nur ein Gegenstand des Geschmacks, der individuellen Neigung, der besonderen Anschauung wäre, ob man daS Gottesgcsctz anerkennt oder nicht, ob man es befolgt haben will, oder cs verleugnet, ob man cs der Jugend als die einzige Richlschnnr für ihr Handeln lehren will, oder nicht, ob man daran zu meistern sich berechtigt

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