Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-06-05
- Page
- 359 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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359 geahnt hatten. Ob sie aber auch der Hossnung, die sic auf den Lippen trugen, den Eingang in's Her; geftattctcnV — Ob auch Salamon Nohrbach selbst, der sic zuerst ausgesprochen hatte, non ihr durchdrungen war? Wußte er doch sehr wohl, wie theuer erkauft und wie wankelmüthig das Wohlwollen Georg v. Ormai's war, und wie sich der starre Nacken des wüsten, nunmehr alternden Wüllüstlings immer mehr unter dem Einflüsse der Kirche und ihrer Kreaturen beugte, und wie eine fanatische Frömmelei in seiner ausgebrannten Brust, als die einzige Leidenschaft, deren sie noch fähig, war, mit jedem Tage tiefere Wurzel faßte. Dennoch sagte er: Hoffen wir das Beste! — und er vielleicht war unter Allen der einzige, der diese Hoffnung nicht nur auf den Lippen führte, sondern in nncrschüttcrlichem Gottvcrtraucn von derselben auch durchdrungen war. — Im Hause Nohrbach's war cs mitlerweile so still geworden, wie im ganzen Dorfe ringsum. Die Gäste hatten sich allmählich ans der Wirthöstubc entfcrnt, und nachdem auch die treue Mara den Kopf zur Thüre hereingesteckt hatte, um gute Nacht zu wünschen, begab sich das Ehepaar zur Ruhe und auch Leah entfernte sich in ihre Kammer. Die Nacht war mild und hell hcrabgesnnkcn und der Mond entsendete breite, silberne Lichtstreifen in das Gemach, in welchem Leah schlaflos auf ihrem Lager ruhte. Der Abschicdsknß des Geliebten brannte noch auf ihrer Stirne, iu ihren Adern aber rollte heiß das von den jüngsten Ereignissen fieberhaft aufgeregte Blut. Sie durchlebte noch einmal im Geiste die aufregende Szene ans dem Weinberge. Wieder sah sie dicht vor sich das widerliche, vom übermäßigen Wcingcnuß glühende Antlitz des Pfarrers und aus jeder Ecke des Zimmers schaute sie seine stechenden Angen hervorglänzcn. Jetzt ist er ganz nahe an sic hcrangetreten, sie fühlt das Wehen seines heißen, weindnstendcn Athems, und kalter Angstschweiß bedeckt ihre Stirne. Schon streckte er bic■ Hand nach ihr auö, sie vermeint den Druck seiner Finger zu fühlen, und einen Schrei ausstoßcnd richtete sie sich hoch im Bette empor. Stiere Blicke wirst sie um sich, und erst als sie sich von der Sinncstänschnng überzeugt hat, getraut sic sich, durch die zugcschuürte Kehle erleichtert aufzuathmcn. Matt sinkt sie wieder auf die Kissen zurück und die erhitze Phantasie führt ihrem ruhelosen Geiste neue Bilder und Gedanken vor. Sie möchte ihr Nachtgebct verrichten und das Ocl der inbrünstigen Andacht in den aufgewühlten Sturm ihres Gemüthcs gießen. Doch ihre Lippen stammeln die bekannten Worte, ohne daß der Geist davon Kenntniß hatte. Dieser schweift vielmehr fort durch die endlosen Gefilde der menschlichen Einbildnngskrast, wie ein Roß, dessen Zügel der kraftlosen Hand des Reiters entfallen sind. Das Bild des Geliebten tauchte nun vor ihren! Geiste aus, und im Gefolge dieses Bildes eine Anzahl beängstigender Fragen. Was wird der Thcnre von der stäche des leideuschasllichen Geistlichen zu erdulden haben? Wird er nicht fliehend die Hcimath verlassen müssen? Wird cs ihm gelingen, sich durch die Flucht dem allmächligen Arme der Geistlichkeit zu entziehen, wird ihn diese vielmehr nicht von dem Ende der Welt in ihre dumpfen Kerker nud Foltertamincrn znrückzubringen wissen? Und sie, was sollte aus ihr werden, wenn der Geliebte flüchtigen Fußes, elend und nothleidend durch fremde, unbekannte Gegenden ziehen muß? Der Schwall der beängstigenden Fragen wurde immer größer, sinnverwirrender, bis sie keine mehr von der Ändern zu unterscheiden vermochte und nur noch ein einziger, schrecklich gnätendcr Gedankenstrom von allen Seiten auf sic cindrang. Die Decke des Zimmers schien zentnerschwer auf ihre Brust zu lasten, — so schwül, so unerträglich eng wurde cs ihr herinnen, daß sie, sich gewaltsant vom Lager aufrasfcnd, in die uttlbc würzige Sommernacht hinaustretcn niußtc in die Mitte ihrer frischen, einander wunderbare Märchen erzählenden Blumen. In sabbathlichcr Ruhe lag die ganze Gegend. Die Elsen, die allnächtlich aus den dunklen unerforschten Gründen der Berge hervvrhüpfen, hatten über Berg und Thal graue Nebelschleier gewoben und in dieselben die Strahlen des runden Pollmondes geflochten, daß sie wie blanke Silbcrnetze schinnnerten und funkelten. Der ewige Friede Gottes sprach ans der schlafenden Natur, deren regelmäßiges harmonisches Athmcn kein Ton der Disharmonie störte, und dieser göttliche Friede zog wie lindernder Balsam in die Seele Leah's ein. die sich auf eine Gartenbank niedergelassen hatte und zu den mondbeschienenen Bergen hinübcrschaute. Ihre Angst war gewichen, sie fühlte sich von einer ruhigen Seligkeit umweht, und wie sie die dankbaren Blicke zum hellgestirnten Hinnnclszelt emporrichtcte, quollen unwillkürlich aus der Tiefe ihres Herzens inbrünstige Worte hervor. ״Ewiger, allgütiger Pater der Natur," lispelte sie, ״dein milder, in alluiufassender Gnade strahlender Blick ist es, der auö der vollen Scheibe des Mondes und aus den! Diamatgefunkel der Sterne auf die Erde hcrniedcrschaut, dein Odern ist cS, der würzcvoll aus dem Kelche der Blunren weht, und dein väterlicher Arm schaukelt alle Wesen hicrnicden in erquickenden, lebenspendenden Schlummer. Du wirst in deiner endlosen Barmherzigkeit dich auch meiner und aller Meinigen anuchiucn und wirst .unser Geschick nach deiner gnädigen Fürsorge lenken." Noch hatte sie die letzten Worte nicht ganz zu Ende gesprochen, als sich eine Helle Feuergarbe vom Himmel loölöste und ein Stcrnschnuppenregen, die nächtliche Atmosphäre durchfurchend, zur Erde -fiel.