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Jeschurun · 1884-06-05 · Heft 23 (5.6.1884) · p. 358

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 23 (5.6.1884)
Article
Nachtgestirne
Date
1884-06-05
Page
358 (sequence 2)
Language
German
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358 ,.Haltet ein, Here Pfarrer," rief er dm! näher Kommenden mir zornbcbcndcr Stimme entgegen, ״oder , ihr werdet mich vergessen machen, welches Kleid ihr tragt und in was für einem Zustande ihr Euch bcfindet!" Der betrunkene Pfaffe aber, gewohnt, mit der den Vertretern der .Kirche in damaliger Zeit eigenen Anmaßung, sich über die Interessen Anderer hinweg-;»setzen, welche Anmaßung durch seinen gegenwärtigen Zustand nur noch gesteigert winde, achtele wenig auf seinen Zuruf und taumelte immer näher zu ihnen hin. Jetzt war er ganz nahe an sie herangekommcn und streckte die Hand nach der zitternd ausweichenden Lcah ans. Da schwand alles Bedenken vor dem Zorne des jungen Mannes. Wie ein grimmiger Vcu packle er mit mächtigem Griffe den Arm deS Pfaffen; ein Ruck — und derselbe kollerte mit dem ganzen Gewichte seines wohlanSgesüllten und gediehenen Embonpoint in das weiche Gras. ״O, Gott, meine Ahnung! — Laß uns fliehen, Gabriel!" bat die am ganzen Körper zitternde Lcah, welche das Gefährliche der Situation rasch erkannt hatte, und zog mit einer Kraft, die man ihr kaum zngcmuthet Hütte, den noch immer wuthcntslaiumten Gabriel mit sich fort.- Auf den Lärm, den die erregte Stimme Gabriels und der dumpfe Fall des schweren Körpers verursacht hatte, war auch die alte Hannah, die Wirthschaffcrin dcS Pfarrers, die ihren! Gebieter in der Laubhütte Gesellschaft geleistet hatte, herbcigeeilt und brach in ein lufterschüttcrndcS Gejammer aus, als sie die Lage ihres Herrn und Meisters gewahrte. Dieser nämlich lag in! Grase, unfähig sich zu erheben und stierte vcrständnißlos in die Luft hinein, ein über das andere Mal lallend: Heu, kum — sancte — domine! — pulc-lira — finnosa! 'Was sollte sie beginnen? Soll sic ihr schmächtiges Dasein zum Pflocke iniprovisiren, au welchem sich das so schön gediehene GottcSpflänzlcin wieder zur Höhe richten könne? Unmöglich darf sic daS wagen! Im Falle eines voraussichtlichen Rückfallcs wäre ein gewisses Grab unter den Trümmern dieses gesunkenen Kolosses ihr unvermeidliches Schicksal. Endlich kam ihr der rettende Gedanke, einige Leibeigene des Pfarrers, die bis in die späten Nachtstunden hinein im Weingarten arbeiten mußten, herbeiznrufcn. Diese luden sich die thenrc, aber durchaus nicht leichte Last ihres Scelenhirten aus die Schultern, trugen ihn in die Hütte und legten ihn saust auf die dort befindliche Moosbauk nieder, wo er. von den Armen Morpheus geschaukelt, bald in einen trünmcrcichen Schlaf verfiel. Inzwischen waren am klaren Himmel die Abendstcrne erglommen und der Mond über die ncbelumhüllten Berge herausgczogen, der mit seinen blassen Strahlen durch das Laubdach in's Innere der Hütte blickte, wo, dem Beispiele des Herrn jolgcnd, auch die alte Hannah bald entschlafen war.- Mehr lausend als gehend, Gabriel mit sich fortziehend, hatte Vcah mit schreckbcflügcltm Schritten den Heimweg zurückgelcgt, und erst als sie die kleine Garten- Pforte passirt hatte und sich in der Mitte ihrer lieben, vertrauensvoll nickenden Blumen sah, wagte sie, die Hand ans das stürinisch pochende Herz pressend, stehen zu bleiben, um sich einigermaßen zu sammeln, damit die Eltern sich über ihre Fassungslosigkeit nicht zu sehr entsetzen möchten. Trotz dcS schon vorgerückten Abends waren alle Gäste noch beisammen und freuten sich ahnungslos des traulichen Beisammenseins. Die armen Menschen klammerten sich um so inniger an den Genuß des gegenwärtigcn MonienteS, da sie ja nicht wußten, was ihnen der nächste bringen werde. Die Unterhaltung war eben im lebhaftesten Flusse, als sich die Thür öffnete und am Arme Gabriels die noch immer blasse und athemlose Lcah hereinwankte und matt ans einen Sessel sank. Ein beklommener Angstruf eutraug sich den Lippen der Mutter. ״Was ist geschehen?" tönte es bang von jedem Munde, und alle Blicke richteten sich in angstlichcr Erwartung ans Gabriel. In gedrängten Worten erzählte Gabriel das Geschehene und schloß: ״Gott ist mein Zeuge, daß ich nicht anders handeln konnte, daß es nicht in meiner?Nacht lag, mcincu Zorn zu bezähmen, und nur unserer Lcah habe ich cs zu danken, daß ich mich nicht zu einer noch heftigeren Gegenwehr Hinreißen ließ, daß ich meine Hände nicht mit Blut befleckte." Die fröhliche Stimmung war einem drückenden Schweigen gewichen, und die Weinncbel hatten sich urplötzlich ans allen Köpfen verflüchtigt. Jeder wußte in jener Zeit der Pfaffcnmacht nur zu gut, was eS, besonders für einen Juden, bedeute einen Geistlichen beleidigt und noch dazu thätlich beleidigt zuhabcn. Am frühesten hatte sich der Hausherr auSdcr ersten Bcstürzung erholt. ״Recht hast Du, mein Sohn," sprach er, ״Du konntest nicht anders handeln und ein jeder Mann von Ehrgefühl würde au Deiner Stelle dasselbe gethan haben. Hoffen wir zum Allmächtigen, daß er alle bösen Folgen dieses Geschehnisses von uns abwendeu werde. Der Grundherr ist nur in freundlicher Gewogmheit zugethan, und so lange Gott dessen Herz wohlwollend für nnS stimmen wird, kann uns der doshaste Pfarrer nichts anhaben. Hoffen wir also das Veste!" ״Hoffen wir das Beste!" murmelten Alle mit beklommener Stimme und entfernten sich schweigend, in einer ganz anderen Stimmung, als sie beim Kommen

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