Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1884)
- Article
- Peßach-Jubel, Sefira-Seufzer
- Date
- 1884-05-08
- Page
- 290 (sequence 2)
- Language
- German
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290 ihm des -Herzens Jubel, die nackte Wirklichkeit grinst uns entgegen, und sic bietet mir Klage und Seufzer?? So nicht — und dem allmächtigen Wettcnlenkcr sei Preis und Dank dafür, das; unter dem Scsira׳ Seufzer des Herzend Freudigkeit nicht versiegt und deS Peßach? gonsroher Geist nicht weicht aus Inda's Zelten, um trostloser Trauer und hoffnungsloser Verzweiflung Platz zu machen, daß neben des schwachen, ohnmächtigen, verhöhnten, gehetzten, angefeindeten und dahingcschlachletcn Iakobostammc? flehender, rührender Klage durch die Jahrtausende auch der nimmer schweigende, herzerhcbende, begeisterte Israel Ruf schallt: ״bekennt cd dem Gotte de? Himmels, daß immerdar seine Liebe waltet!" Dem Garte des Himmels, dem allmächtigen Schöpfer und Lenker des Universums, Ihm gilt Israels jubelnder Hnldigungsruf, die Menschheit zu gleicher Huldigung ladend, — zu Ihm wendet sich Jakob mit seinem Leid und erhoffet Schutz und Rettung vor des feindlichen Bruders Haß und Bersolgung. Denn also hat Ihn Jakob-Israel erkannt in der großen Mitternachtlichcu Stunde des vierzehnten Nissan in Seiner vtterlichen Liebe and Güte, in Seiner königlichen machteinzigen Größe, und diese Erkenntnis hat aus ewig Berzweislnng und Kleinmnth gescheucht aus unserer Brust. Jakob weint die Zähre des Schmerzes ob des Bruders Lieblosigkeit und Gcwaltthat vor seinem Gotte — Israel aber, der Herold des Gottcsgesctzes und des Gottesreiehs auf Erden, wandert gehobenen Hauptes durch die Volke! reihen und der Zeiten Flucht, durch das Thränenthal' und den Blutstrom, — und es sind Jakobs Thränen und es ist Jakobs Blut — die Vcrkündigung von Gottes Allgütc ans den Lippen. Das ist das Geheimnis; der Ewigkeit dieses wunderbaren Menschcnsiammes, auf den von allen Seiten cingcdrangen wird, dessen Untergang tausendmal bejubelt worden, der eine ganze Welt gegen sich in Waffen sah und nichts hatte, als den Namen Gottes, des allgntigen n:׳.d allmächtigen, mit welchem er allen Feinden und allen Anfeindungen cntgegcutrat und Sieger geblieben ist und immer bleibt. Denn die in Egypten diesem Menscheustammc von Gort bewirkte Befreiung von dem Pharaonischen Sklavenjoche und die ihm geschenkte Selbstständigkeit war nicht der einzige Ztvcck des sichtbaren Eintritts Gottes in die Geschichte des cghptischen Staats und seiner Pariakäste, und er gipfelte auch nicht in der Verleihung dcS nrhcimathlichen Bodens dieser vor zwei Jahrhunderten aus Kenaan Eiugcwandertcn. Nicht Palästina, der Ehoreb war daS Ziel, dem Gott ״sein Volk" entgcgenführcn wollte, das Volk, ״das er sich erkauft," das Sein ist mit Allem was es ist, mit jeder Fiber seines Wesens, in jedem Momente seines Daseins, Sein Diener, Sein Werkzeug, Sein Herold. Sein Priester. Nur für das ihm am Choreb verliehene Gesetz empfing dieses Volk das Land der Verheißung, um hier der Menschheit znm Vorbild das Gottesreich anszurichten, zu welchem dereinst die ganze Erde sich gestalten wird. Daß es dieses nimmer vcrgcsse, daß es seines heiligen Berufs stets eingedenk bleibe, daß cs niemals zurücksinkc in den Menschenmacht und Menschenkraft vergötternden Wahn anderer Nationen, dafür ward ihm das Sefiragcbot. Wenn die erste Frucht ans dem eigenen Acker reifte, dann hatte das jüdische Volk alljährlich in dem Omer das große Nationalbekcnutniß zu erneuern, daß cs sich, wie in dem Momente seiner Befreiung, ganz als Gottes Eigenthnm wisst und in dem Boden und seinen Gütern nicht seinen Besitz, sondern das ihm von Gott vcrliehene Angebinde erkenne zur Vollziehung der Ansgäbe seiner einzigen Bestimmung. Und darum Hub auch mit diesem ersten Schnitte die Zählung an, welche von jedem Gliede der Nation zu vollziehen war, bis zu dem Feste der Gesetzgebung. Denn die am Peßach verliehene Freiheit und die ans derselben erblühende Selbstständigkeit des Schaffens und StrebcnS, deren Frucht in dem eigenen Lande mit seinem ergiebigen Boden einznhcimsen es im Begriffe war, hatten sich in den Dienst der Thora zu stellen, galten nur als Mittel für die Verwirklichung des göttlichen Willens und hatten nur insofern einen Werth, als sie diesen Zwecken dienten. Von dem Geburtstage seiner nationalen Freiheit au hatte Israel sich zu lautern und vorzubereiten für den höheren Tag, da cs die Thora, das Gesetz seines Lebens, die Lehre seiner Bestimmung empfangen sollte. Peßach ist nur die Vorbereitung für Schabuoth, Israel hat sich aus dem Menschendicnst in den Dienst Gottes zu begeben, cs zählt von יציאת מ2רימ und הנפת העבזר von dem Auszüge aus Mizraim und des eigenen Ackers Reise zu מתן תורת zur Gesetzesoffenbarnng hin. — — Israel hat diese Sefira nicht. beherzigt; cs hat auf dem eigenen Boden in demselben das Ziel seines Berufes erkannt, cs wollte mächtig und blühend, angcsehen und reich werden wie die anderen Staaten und Völker. Es vergaß, daß cs Selbstständigkeit und Segen nur cinpsangen sür die Thora und seine cigenthnmliche Bestimmung, und da ward es wie die anderen Völker und sah seine staatliche Selbstständigkeit untcrgchen wie die anderer Völker. Israel wurde in seiner äußeren Erscheinung wiederum Jakob, das flüchtige, dem Fußtritt d-s Brndes ansgcsctzte Wandcrvolk, das nur unter Sorge und Anstrengung hinkend dahinschreiten kann, nirgend festen Fuß zu fassen vermag und abhängig ist von des Bruders Laune und Gnade. Und bic!e deschwerliche Wanderung, auf welcher es jetzt schon seit zwei Jahrtausenden sich befindet, hat kcknen anderen