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Jeschurun · 1884-04-24 · Heft 16-17 (24.4.1884) · p. 259

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 16-17 (24.4.1884)
Article
Über Reformbestrebungen in Rußland
Date
1884-04-24
Page
259 (sequence 3)
Language
German
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259 höchsten Tngcndübung. Sie würde dann begriffen haben, daß den ehrwürdigen Männern, weiche damals die Inhaber der Rabbinatssitze waren, mir ein Geringes mangelte: die Gewandtheit im mündlichen und schüftlichcn russischen Gcdankenansdrnckc, ein Mangel, welcher unschwer gehoben werden konnte. Aber Diejenigen, welche sich aufgeklärt und gebildet nannten, deren Aufklärung und Bildung jedoch mit einer irreligiösen Gesiunung und Lcbeusgewohnheit verknüpft waren, hatten das Ohr der Regierungsbehörden, die ihren Borstellungen aus dem Grunde unbedingten Glauben schenkte, da diese doch als Juden auch das Wesen derselben und deren Nothstand besser kennen müßten, als die Negierung. Sie aber entwarfen eine durchaus ent׳ stellende Schilderung von den Rabbinern und erweckten die total falsche Vorstellung in den maßgebenden Kreisen, als ob die alten Rabbiner jeglichen Wissens bar, keine lobenswürdige Eigenschaften besitzend lediglich in einigen alten Gebeten und bedeutungslosen Satzungen und in Dingen, die keinerlei Nutzen bringen, bcwandert gewesen wären. So geschah cs denn, daß die Negierung ein segensreiches Werk zu vollbringen vermeinte, als sie die bekannten Nabbiucrschnlen in's Leben rief. Der erleuchtete Minister Graf Uwarow holte sich Rath bei den sogenannten Gebildeten, unter welchen namentlich der später nach Amerika ausgcwandertc Herr Dr. Lilicnthal war, auf welche Weise Bildung und Aufklärung unter den Juden zu verbreiten wäre. Diese aber, statt ihm mit sachgemäßem Rath an die Hand zu gehen und ihm die wahre Ursuche der Entfremdung der Israeliten von dem allgcmeinen Wissen zu offenbaren, welche lediglich in dem ans ihnen lastenden Druck und der gezwungenen Ansschließnng beruht, gaben vor. daß der Fanatismus der Rabbiner und die tief eingewurzelte Abneigung des jüdischen Volkes gegen alles Wissen und jegliche Bildung die Schuld trage. Graf Uwarow gedachte deshalb, durch die Nabbinerschnlen Lehrer und Leiter den Gemeinden zu geben, welche diese der Bildung und Aufklärung entgcgcnführtcn. Das Eigcnthümliche dabei war. daß in diesen Nabbinerschnlen keineswegs der russischen Sprache und Literatur der Vorrang cingeräumt wurde, sondern der deutschen, also einer freindcn Sprache und Wissenschaft. Es ist heute in keiner Weise mehr zu leugnen, daß Graf Uwarow und die Negierung rnißbrancht werden sollten, um vermittelst der zu Wilna und Shitonnr errichteten Nabbinerschnlen die Axt an das talmudische Judcnthum zu legen und den Geist des Abfalls von den! Gesetze in die nach Millionen zählende jüdische Bevölkerung Rußlands zu tragen. Der Negierung wurde der Glaube bcigcbracht, daß der Talmud der Feind der Bildung und Aufklärung, das Unglück der Israeliten sei; ihn in Vergessenheit zu bringen, sei ein verdienstvolles Werk; indem man anscheinend die Pflege des talmndischen Studiums selbst übernehme, könne man am leichtesten zun! Ziele gelangen. Die vorliegende Schrift bringt hierfür ein sehr interessantes Zeugniß des an der Nabbincrschnle zu Shitomir angcstellten Dozenten, Herrn Zweifel. Derselbe erwähnt eines vom Grafen Uwarow dem Kaiser Nikolaus unterbreiteten Memorandums, in welchem der eigcnthümlichc Gedanke ausgesprochen ist, durch eine eingehende KeNntniß der hebräischen Sprache bei den Inden, dieselben in den Stand zu setzen, die falsche(!) talmudische Gesctzeslchre derartig anszndecken, daß sic ihre Autorität verliere. Man müsse aber vorsichtig Vorgehen und einigen Talnlndnnterricht crthcilen, um die wahre Absicht zu verschleiern u. s w. Den Lehrern an der Nabbinerschulc wurde als heilige Pflicht cingeschärft, den Talmud und dessen Lehren dem Volke zu entfrcmbcn. Mit Recht wird darauf hingcwicsen, daß die russische Negierung bis dahin stets dem Jndenthume wohlwollend gewesen, so daß Verfolgungen der jüdischen Religion . die Geschichte Rußlands nicht aufznweiscn hatte. Das Unglück war, daß der Minister der Volksaufklärnng, Graf Uwarow, den deutschen Ncformrabbinern ans Jrrthnm, aber bona sein Ohr lieh. Diese aber halten ja in Wirklichkeit nicht nur mit dem Talmud gebrochen, sondern bargen auch im Busen die Leugnung der Göttlichkeit der Thora überhaupt, wie ja auch ganz natürlich, da das Judenthum ohne Talmud einem seelenlosen Körper gleicht. Sic erhofften in Rußland unter der Aegide der Negierung einen weiten und fruchtbaren Boden für ihre zerstörenden Ideen zu finden. Ihren Einflüsterungen ist es znznschrcibcn, das; der Minister des irrigen Glaubens war, der Talmud verhindere die Annäherung der Juden an die vaterländischen Interessen, trotzdem doch die Weisen des Talmuds und die hervorragenden Gesetzeslehrcr durch ihre Persönlichkeit, ihr Wissen, ihre Bildung und ihr Wirken für das allgemeine Staatswohl die Lüge dieser Behauptung schlagend widerlegt. So gedachte Uwarow in wohlwollendster Absicht, deutsche Rabbiner nach Rußland zu ziehen, um für sic Gvuvcrnemcnts-Nabbinatc zu bilden. Der ״Noswiet" schreibt darüber (l. Jahrgang Nr. l und 2): ״Die Regierung beabsichtigte, aufgeklärte Rabbiner ans Deutschland als Gnberniatsrabbiner anzustellen; von denselben sollten regelmäßig stattfindendc allgemeine Versammlungen cingeführt werden zur Aufklärung über Religion und Nationalsitte. Dieser Plan ist aber aus dem Grunde nicht in's Werk gesetzt worden, weil inzwischen Aufstände und Revolutionen in Ungarn, Italien und Deutschland im Jahre!848 cmsbrachcn, bei welchen

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