Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 16-17 (24.4.1884)
- Article
- Über Reformbestrebungen in Rußland
- Date
- 1884-04-24
- Page
- 258 (sequence 2)
- Language
- German
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Er den 3imt dcS Kaisers und seiner Näthc zur Gercchtigkcit und Milde neige. Für hm letzteren aber ist cc^ an ihnen, dahin zu ׳wirken, daß die Erkenntniß der Wahrheit und das Verständnis; für das heilige Gesetz, die Erbschaft voransgegangcner Geschlechter, aus's Neue die Begeisterung in allen jüdischen Gcmüthern entflamme, und die Irrenden ihres Jrrthums inne werden. Wie das äußere Schicksal des jüdischen Stammes überall unter ähnlichen Verhältnissen dem gleichen Wechsel unter worfen ist, und nicht in Rußland allein eine Indenfragc Gegenstand des allgemeinsten Interesses augenblicklich ist, wie Neid, Haß, Bornrtheil zu allen Zeiten, hier minder, dort mehr, zur Bedrückung und Beschränkung der Itldcn ansreizen, ebenso ähnelt auch der im Innern geführte Kamps des einen Landes der Bewegung des anderen. Es wiederholen sich überall die gleichen Erscheinungen; dieselbe Parole wird überall ansgegeben; man vermeinte überall im Namen der BildtNtg und Aufklärung gegen das Indenthnm zu Felde ziehen zu können. So vollzieht sich auch in Rußland seit Dezennien dieser Streit mit denselben Waffen unter dem gleichen Schlachtrufe wie in Deutschland, Oesterreich und den übrigen Staaten europäischer Zivilisation. Zur Beleuchtung und Lösung dieses inneren Kampfes innerhalb der russischen Gemeinden ist kürzlich von Herrn Jakob Lipschiz in Kowno unter den! Titel: דברי שלום ואמה ע׳ד השאלה הגדולה שאלת הרבנות zu Warschau eine Schrist erschienen, welche der Beachtung im hohen Grade würdig ist. Dieselbe wendet sich zunächst gegen die Bestrebung des Vereins zur Verbreitung von Bildung unter den Inden Rußlands, die darauf gerichtet ist, eine Rabbinerschule wiederum zu gründen. Sie weist darauf hin, daß, wenn dieser anscheinend sehr einflußreiche Verein in Wahrheit und Aufrichtigkeit die .Kenntniß und gewandte Handhabung der Landessprache und die Aneignung der allgemeinen Wissenschaften und Bildungselemcntc unter den Inden zu verbreiten sich zur Ausgabe setzen uub hiesnr die erforderlichen Mittel anszubringen bestrebt sein würde, gewiß Niemand etwas dabei zu erinnern Hütte. Im Gegentheii, es dürflc alsdann sich der allgemeinsten Förderung und Unterstützung zu erfreuen haben. So aber gelte ihm die sogenannte Bildung als vornehmlichstcs Kriterium auch für die Befähigung zum Rabbincramtc, und er nnterstützc nur solche Bestrebungen, welche Hand in Hand mit der Untergrabung des Indenthnms 1111b der gewissenhaften Beobachtung des ganzen Gesetzes gingen, während diejenigen, welche geeignet wären, echte Bildung und Wissenschaft mit Gesetzestrenc zu verbinden, auf keine Förderung seinerseits zu rechnen hätten. So habe z. B. der Verein Zöglinge der seinerzeit aufgehobenen russischen Rabbincrschnlen dem Rabbinerjeminar zu Breslau zugcsandt, trotzdem es ihm nicht unbekannt sein konnte, daß der in dieser Anstalt herrschende Geist nicht der deö gesetzcstrenen Judcnthnms sei, dagegen aber sich geweigert, die das Berliner Hildeshcimcr'sche Seminar besuchen wollenden Jünglinge zu unterstützen. Der Vorwand, daß die Regierung gegen das orthodoxe Indenthnm eingenommen und man darauf Rücksicht zu nehmen gezwungen sei. erweise sich als hinfällig, da die Negierung keineswegs eine solche Gesinnnng ülls sich selbst hege, sondern lediglich den Ansprach erhebe, daß die Rabbiner der Landessprache vollkommen mächtig und in den allgemeinen Wisscnssächcrn nicht unerfahren seien. Dieses zu erreichen, ohne der ernsten Ueberzengungstrene, strengen religiösen Gewissen- Hastigkeit und gründlichen jüdischen Gelehrsamkeit Abbruch zu thnn, wäre das lobenswnrdigc Ziel eines Vereins, bem cs in der That lediglich gälte, Bildung unter den Inden zu verbreiten. So aber ginge dessen Streben dahin, besondere Nabbincrstcllen für die der Reform Znneigenden zu schaffen, was wahrlich nicht dazu beitragen könne, den Frieden und die Gemeindeeinheit zu befestigen, vielmehr das wirksamste Mittel sei, Unfrieden zn stiften und das einheitliche Israel cnich in Rußland in zwei sich scharf gegenübersichende Parteien zn Zerfällen. Wem darum das Heil und Wohl der Gemeinden theuer sei, der sollte dahin wirken, gewissenhafte, gesetzestrenc und gelehrte Rabbiner mit allgemeiner Bildung zn schaffen, das wäre die schöne Aufgabe eines Vereins, der Bildung unter den Inden verbreiten wollte, Bildung, aber nicht Abfall vom Inden- Ihn in. Uebrigens sei diese unter dem Deckmantel des an und für sich lobenSwürdigcn Vorhabens derBildnngssördcrung das gesetzestrenc Indenthnm befehdende Richtung nicht neuesten Datums. Es wird in der erwähnten Schrift des Näheren ausgcfnhrt, nie bereits vor etwa fünfzig Jahren diese destruktive Bewegung sich Geltung zn verschaffen suchte. Als damals die Negierung ihre Bemühungen zur Hebung des allgcmeinen Vildnngsstandes ihrer Unterthancn auch auf die Inden ausdehntc und in richtiger Erkenntniß hiefür ihr Augenmerk in erster Linie auf die Rabbiner richtete, da wiederholte sich in Rußland dasselbe, was auch anderswo in dem Kampfe der Ncologie gegen das traditionelle Indenthnm dem crsteren ein Ucbcrgewicht verlieh. Die Negierung handelte damals in Rußland, wie meist überall, sicherlich im besten Glauben, und gedachte, das Wohl ihrer israelitischen Unterthancn durch ihre Maßnahmen zn fördern. Die alten Rabbiner waren ihr nicht genau bekannt. Sic hätte sonst bei denselben jenen Schatz echter Bildnug des Geistes und Herzens und umfassenden Wissens angetroffen, welcher dcS Menschen höchste Zierde ist durch die Veredelung des ganzen irdischen Wesens und die Befähigung zur