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Jeschurun · 1884-04-24 · Heft 16-17 (24.4.1884) · p. 255

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 16-17 (24.4.1884)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1884-04-24
Page
255 (sequence 2)
Language
German
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255 des Hauses war sie zwar in jüngster Zeit mit katzcnartiger Freundlichkeit begegnet, war doch auch sic stolz auf den Doktor aus der Residenz, den sic dutzen durfte, aber Jakob wußte, was von ihrer Freundlichkeit zu halten war. Ju einiger Entfernung von dem Krankenbette, an den! Tische, der an dem Pfeiler;wischen den Fenstern sich befand, saß die Kati mit ihren Töchtern, zwei Mädchen von elf und dreizehn Jahren: alle waren!nit dem sogenannten Fcderschlcißen beschäftigt. Bon Zeit zu Zeit ließ Kali ihre immer noch schönen Augen zu bcm Bette hin schweifen, wo der Kranke schwer athmend mit geschlossenen Augen dalag, er schien zu schlafen. ״Was hat denn der Vater vorhin wieder von Dir gewollt'?" wandte sich die Mutter in halblautem Flüfterton an das ältere Mädchen. ״Dasselbe wie neulich!" versetzte Peppi gleichfalls in gedämpftem Tone, ״ich soll dem Jakob und dem David schreiben, daß er krank ist, und daß sic kommen sollen." ״Nun, und? — was hast Du geantwortet?" Das Mädchen zuckte die Achseln und zog die Kinderstirir in Falten des Unmnthcs. ״Du hast's ja gesagt, ich muß ihm sagen, ich hätt's ihnen schon neulich geschrieben und ich wollte cs nochmal thun." Die Mutter nickte befriedigt. ״Recht." sagte sie, ״recht ist's —" ״Das ist nicht wahr!" flüsterte das Kind unwillig, ״cS ist nicht recht,. den Vater zu belügen — und ich wcrd'S auch nie mehr thun — ich wcrd's ihnen schreiben." ״Wag's!" zischte die Kati zornentbrannt, ״ich hau Dir alle Knochen entzwei — das wirst sehen." Das Mädchen erblaßte, cs kannte die Mutter, die Zwar gewöhnlich nicht unfreundlich gegen ihre Kinder, doch, wenn erzürnt, in ihrent leicht zur Wnth sich steigerndem Zorne keine Mäßigung kannte. Dennoch hielt sich die Kati des Gehorsams ihrer Tochter nicht vollständig versichert, und da selbst der Vollzug der angcdrohtcn Strafe das Geschehene nicht hätte ungeschehen machen können, zog sie cs vor, den Kindern die Ursache ihres Verhaltens klar darzuiegen, damit dieselben im eigenen Interesse sich nicht verleiten lassen sollten, dem Befehle des Vaters zu entsprechen. Zuvor jedoch erhob sie sich und trat zum Bette. Der Kranke hatte die Augen noch immer geschlossen und schien sogar augenblicklich leichter zu alhmcu: kein Zweifel, er schlief. Die Mutter ließ sich wieder am Tische nieder und setzte ihrc Arbeit fort. ״Schau, Peppi," begann sie nach kurzer Panse, ״Du bist kein Kind mehr, und die Nanni ist auch schon 'n geschcidtcs Maderle, Eines kann schon mit euch was ansrcden. — Alsdann schant'S — der Vater ist krank und 'u Jeder sagt, er Lreibt's m mehr lang — und wenn er stirbt, so, alles, was er hat, und was ihn! gehört, das kriegt Ihr Zwei und ich — daS hat der Vater schon vor etlichen Jahren mir zu Lieb' so ausgeschrieben. Und ein schön Stück Geld ist da, das nniß ich sagen — me noble Leich'' müßt' sein, das kam' ihm zu. denn er war brav gewesen." Sie fuhr sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen, gleich daraus aber fmji־ sie fort. ״Neue schwarze Kleider bekämt Ihr auch, das gebührt sich und möcht' euch gut stehen. — Aber, wie gesagt, all das möcht' nur sein können, wenn's so bleibt, wic's ist — heißt das, wenn der David und der Jakob 's nicht wissen, daß der Vater krank ist. Denn, wenn sie's!rissen möchten, gleich möchten sie da sein und — na, der David ist geistlich, gegen dm red' ich nicht — aber der Jakob — der thät' in den Vater 'neinredcn — und hasl's ni gesehen? — pfntsch hätt' er's Geld, und wir hätten's Nachschancn. — Möchtest, daß'S so kam', Peppi?" Das Mädchen schien die Frage zu überhören. ״Alsdann inöchL' ich's dem David schreiben, daß er kommen sott. — Du hast selber gesagt —" ״Daß Du 'ne dumme GanS bist." siel die Kati heftig ein, ״wenn der David da war', möcht der Vater ihm sagen, daß er an den Jakob schreibt — und da wär's alles eins, ob Dn's ihm geschrieben hattest oder er. — Alsdann schaust, was für 'ne Geschcidtc Du bist? — Aber mir scheint, Du wirst brav sein, gelt? — Dienen mnsscu beim Bauern ist keine Freud'." Sie hatte sich bei den letzten Worten erhoben und war abermals znm Bette getreten. ״Heut' schläft er viel, aber arg schaut er aus. — Gelt', Pcppcrl, wirst brav sein?" Das Mädchen murmelte einige zu stimmende Worte, während die Mutter das Zimmer verließ und der jüngeren Tochter wiuktc, ihr zu folgen; die ältere mußte bei dem Kranken verweilen, um zur Hand zu sein, wenn er etwas bedürfen sollte. Sobald die Mutter sich entfernt, ließ auch Peppi die Arbeit liegen, schlich zum Bette und kauerte dort nieder, die treuen Angen thräncmunflort aus das fahlfaltige Antlitz des Kranken geheftet. Peppi liebte den Vater aufrichtig, und trotz der in Aussicht gestellten neuen Traucrlleidnng erfüllte sie der Gedanke an sein muthmaßlich baldiges Ende mit aufrichtigem *Schmerz. — Doch der Kranke regte sich, rasch erhob sie sich und trat näher an ihn hinan, er hatte die Augen geöffnet, sie neigte sich über ihn. ״Ist Dir's jetzt besser, Vater? -- möchtest Du was?"

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