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Jeschurun · 1884-04-24 · Heft 16-17 (24.4.1884) · p. 256

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 16-17 (24.4.1884)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1884-04-24
Page
256 (sequence 3)
Language
German
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Gr sah freundlich;1! ihr auf und ließ dann den! Blick durch das Zimmer schweifen.! ״Bist Du da allein, Peppi?" ,,Gan; allein, aber wenn Du die Beutler möchtest,! laus ich hinunter und ruf' sic."! Gr schüttelte abwchrcnd das Haupt. ״Nun, nein, ich!nächte nur mit Dir reden. — Peppi," begann er nach kurzer Pause van Neuen!, ..ich habe vorhin nicht geschlafen — und ich habe alles gehört, was Du zur Mutter gesagst hast. — Du hast mich angelogen!" Peppi ward glühend roth, unwillkürlich sank sie in die Knie und hob flehend die Hände. ..Verzeih', lieber Vater, verzeih'! — ich hab'S nicht gern gethan, aber die Mutter hält' mich geschlagen —" ״Ich weis; es," unterbrach Ghrmann die Weinende, .,ich habe ja auch gehört, was die Mutter gesagt hat. — Du hast keine Schuld, Peppi. — Aber sei gut, Peppi, — folg’ Du mir — thu', was ich sage, und Du wirst sehen, cs wird Dein Schaden nicht sein — wegen meiner schreib' nur an David." ״Ich thüt's ja gern — aber die Mutter!nöcht' mich so arg schlagen —" ״Brauchst cs denn der Mutter zu sagen? — und ich sag'S ihr auch nicht — und den! David schreibst Du auch, daß er'S deinem sagen soll, daß Du ihm geschrieben hast, — da kaun's die Mutter nimmer erfahren. — Aber ich hör' sie draußen ans der Stiegen — geh' zum Tisch, Kind, und!nach' als ob Du gearbeitet hättest — und ich mach' die Angei! zu, daß sie'S nicht merkt, daß wir mitsammen geredet haben." Kann! hatte sich Peppi wieder über die Federn auf dem Tische geneigt, als Kati in Wirklichkeit wieder in daS Zimmer trat. ״Gr schläft noch!!inner," sagte sic, einen Blick auf den Kranken werfend, ״geh' Du jetzt 'nunter, Peppi, Acht geben beim Melken, und hernach läufst zum Sllcnar Pawl, und sagst ihm, gleich in der Früh' soll er kommen, die Sau abstechen — 'S ist eine prächtige San. — Ich bleib' derweil da." Peppi gehorchte; leise, als furchte sie den Schlaf deS BaterS zu stören, schlich sie ans dem Zimmer und beeilte sich, dem Befehle der Mutter zu entsprechen. — Doch auch des Vaters gedachte sie, und als sic am folgenden Morgen sich wiederum allein am Bette des Kranken befand, da neigte sic sich über ihn und slüstene ihn! zu, daß sie den Bruder von seiner Krankheit und 0011 seiner Sehnsucht nach ihn; benachrichtigt habe. Ghrmann drückte ihr dankend die Hand, er suhlte sich heute noch schwächer als bisher, und seine Sehnsucht!׳.ach den fernen Söhnen schien sich noch zu steigern, dennoch erwähnte er ihrer nichL!!!ehr. Einige Tage waren verstrichen, die Kräfte des Kranken waren in steten! Sinken, aber seine Unruhe wuchs, die Angst seiner Seele schien sich oft bis zur Verzweiflung zu steigern. Der Schlaf floh ihn. seit achlundvierzig Stunden hatte er lein Auge geschloffen,;mab!ü׳'sig hafteten seine Blicke an der Thür. Kati weilte häufig an seinen! Bette und redete ihm freundlich zu — sie verstand seinen -Blick, wußte, das; er seinen Sohn erwartete, obgleich sic nicht ahnte, daß Peppi in Wirklichkeit au ihn geschrieben, aber sie suchte dennoch in den! Kranken die Hofsnnng aufrecht zu erhalten, daß die Söhne unverzüglich kommen würden; er müsse nur nicht gleich ungeduldig werden, der Jakob habe seine Kranken zu versorgen, und der David könne auch nicht gleich ans dem Kloster fortrenncn — nur Geduld, hübsch Geduld haben! und dabei streichelte sie mit ihrer vollen rothen Hand seine abgezehrte, faltige. Ghrmann cnvidcrre kein Wort, er sprach überhanpt selten mehr mit seiner Umgebung; nur wenn Peppi allein an seinen! Bette weilte, dann flüsterte er zmveilen ein Schmeichelwort ihr zu. Sic hatte auch aus seinen Wunsch nochmals an David schreiben müssen, ihm mitzntheilen, daß Gefahr im Verzüge, daß er eilen müsse, wenn er den Vater noch antrcffcu wolle. Doch bevor dieser zweite Brief abgesandt war, war der Adressat bereits eingetrvsfen. ES war gegen Abend, als der junge Kapuziner au das Krankenlager seines VaterS trat. Die Kati hatte ihn mit offenen Annen empfangen, wenn auch in! ersten Moment nicht ohne Verlegenheit, doch schon nach wenigen Minuten Halle sie mit gewohnter Zungenjerttgkesi ihn! ihre Freude über sein Kommen auSgesprochen, wie sehr sie sich nach ihm gesehnt, um in diesen bangen, schweren Tagen Trost und Stütze an ihm zu finden. Gr hörte sie freundlich an, obgleich er ans Pcppi'S Schreiben bereits wußte, wie hoch er ihre Wone zu schätzen hatte, dam! aber eilte er an das Bett seines VaterS. Ghrmann's Auge leuchtete hell ans, als er den Langersehnten in das Zinnncr treten sah; soweit als möglich streckte er ihn! die abgezehrte Rechte entgegen. David zog die bebende Hand an seine Lippen; zu sprechen war er in! ersten Moment nicht im Stande, der Anblick des Kranken hatte ihn zu mächtig erschüttert. Sechs Monde waren kann! verstrichen, seit er ihn zuletzt gesehen, und doch erschien er ihm um Jahrzehnte gealtert. (Schluß folg!.)

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