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Jeschurun · 1884-04-24 · Heft 16-17 (24.4.1884) · p. 254

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 16-17 (24.4.1884)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1884-04-24
Page
254 (sequence 1)
Language
German
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Aus der ersten Hälfte nilscres Jahrhunderts. (Nach einer wahren Begebenheit) Ariedrich Aott. 'ft:VtielMing.) (Alle :Meditc iiorlu’Ijaln•״.) Ein halb unterdrückter Schrei entrang sich Mirjain'S Rippen. Aller Blicke richteten sich auf sie und auch sic schaute wieder in die wunderbar schönen, großen, dunkeln Augen des ihr gegenüber Sitzenden. — O, diese Augen! — wo hatte sic sic doch nur gesehen? 'Plötzlich schien sie sich zu entsinnen, sie schien reden zu wollen, aber ihre Rippen bebten lautlos. Hastig neigte sie sich vor und griff nach den! Buche — mit ihren bebenden Händen öffnete sic cs, und ihr suchender Blick fiel rasch auf das letzte Blatt, auf dem die Mutter einst die Geburtstage ihrer Kinder verzeichnet — ein lauter schriller Ton entrang sich ihrer Brust. ״Bruder!" schrie sic auf, und wollte zu ihn! stürzen, aber sic sank halb ohnmächtig in die Arme des rasch Herbeigeeiltcn — und die so lange getrennten Geschwister hielten sich umschlungen lange, lange, in namenlosem Entzücken. Und was nun folgte? wir sollen es berichten? — Des Zeidlers Toni überlauten Jubel, der mit seinen kräftigen Armen Frau und Schwager gleichzeitig umschloß, und Dina's kindliche Freude und die im Anfänge wortlose Glückseligkeit? — Dergleichen läßt sich leichter nachempsinden als nacherzählen. Mitternacht war längst vorüber, längst hatte sich auch die kleine Dina zur Ruhe begeben müssen, doch die Eltern, mit dem ihnen neugcschenkten Bruder saßen noch lange!beisammen, sie schienen sich heute nicht trennen zu können, hatten einander so viel zu fragen, so viel zu berichten. Doch es war die Zeit der Ernte, Seidler mußte früh an! Morgen hinaus ans das Feld, um nach den Arbeitern zu sehen. Schüchtern begann er, die Geschwister zu mahnen, daß morgen auch ein Tag des Beisammenseins, — als aber seine wiederholte Mahnung keine Berücksichtigung fand, ward er allmählich dringender und endlich erhob er sich. ״Na, hört'S mal an, wenn Ihr Zwei heut' nicht ans'nander geht, so geh' i allein aus'nandcr." Lachend und mit den herzlichsten Wünschen trennten sic sich. ״Auf Wiedersehen am Morgen!" * * * In dein Brauutwcinhaus in Woikcrsdorf lag ein Schwerkranker. In demselben Zimmer, in dem Dina einst ihre letzten Lebenslage verbracht, in demselben Bette, in dem sie ihre reine Seele ausgehaucht, wand sich der Arendator in namenlosen Dualen. Es waren nicht körperliche Leiden allein, die an ihm nagten, es waren vielleicht in noch höherem Maße Leiden der Seele. Schon seit drei Monden, seit Jakob von dem Lcidlerhof hcimgekehrt und den Rückweg über Woikcrsdorf genommen, um dem Vater sein Zusammentreffen mit der Schwester zu schildern, und in ausführlicher Weise deren Erlebnisse: seitdem war eine seltsame Bcränderung vorgegangen mit dem sonst so harten, rohen Manne. Er, der das hochherzige Mädchen einst mit Todtschlag bedroht, weil sie sich geweigert hatte, den Sabbath zu entweihen, der seinen wackeren Knaben durch Hunger gestrast, weil er die Knie nicht hatte beugen wollen vor dem Bilde des Gekreuzigten, er fühlte sich bis in's Innerste seines Herzens erschüttert, als Jakob ihm die Schicksale der Schwester berichtet und hinzugcfügt hatte: ״Gott hat sie wunderbar geschützt mtb geleitet." Ehrmann hatte sich rasch weggcwandt, der Sohn sollte den Eindruck seiner Mittheilung laicht gewahren — er war ihm dennoch nicht entgangen. Und froh dieser ersten Regung zum Bessern im Herzen des Renegaten hatte Jakob seinen ursprünglich nur auf wenige Stunden berechneten Aufenthalt auf einige Tage ausgedehnt, und hatte noch wiederholt Gelegenheit gesucht und gefunden, in der erwähnten Weise zu seinem Vater zu reden. Dieser hatte keine Frage über Mirjam an ihn gerichtet; Lakob wußte es dennoch, daß heiße Sehnsucht nach der fernen Tochter sein Herz erfüllte. — Und als er endlich scheiden mußte, da hatte der Vater vielleicht zum ersten Male im Leben I ihn an sein Herz gedrückt. Er befand sich bereits im Wagen, dcr Arendator stand vor ihm aus dem Wagcntritt. ״Wenn Du Mirjam schreibst, so grüße sic von!nir — schreibe ihr," fügte er leiser hinzu, ״sic möge mir verzeihen, und — verzeihe auch Du mir! Jakob wollte antworten, doch der Vater war rasch in das Haus geeilt, und die Pferde raunten mit dem Wagen davon. ״Gott sei Dank!" flüsterte der junge Mann, ״Gott sei Dank!" Er hatte nicht gesäumt, der Schwester die Worte des Vater zu berichten, und Beide waren übereingekommen, wenn Mirjam, wie verabredet, im Laufe des kommenden Winters mit ihrem Manne ihren Bruder iu der Hauptstadt besuchen werde, dann wollten sie gemeinschaftlich den Vater aufsuchcn. vielleicht würde cs ihren vereinten Bemühungen gelingen, ihn zu aufrichtiger Umkehr zu bestimmen. Wahrscheinlich war dieses freilich nicht, schon wegen der Kati nicht und wegen deren Kinder. — Dem Sohne

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