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Jeschurun · 1884-04-09 · Heft 15-16 (9.4.1884) · p. 239

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 15-16 (9.4.1884)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1884-04-09
Page
239 (sequence 3)
Language
German
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I 239 dem Hanse iljucn entgegen, und damit eilte sie rasch! herbei und nahm das Kind in ihre Arme.! ״Nicht-? is! geschehen," lachte der Mann, ..der ftcrl ] hat baden gewollt und der Herr dort hat'S ihm ge׳ ׳ wehrt. — 'S ist ein Doktor," sägte er ernster hin';!!, ״und er wird über Nacht aufm Hof bleiben. Wenn Dn'S Kind $11 Belt gebracht hast, sorg' für den Herrn — mir scheint, er ist auch naß geworden." ״Daei ist nicht der Nedc werth," siel der Fremde ein, ״bringen Sie nur das Kind zu Bette lind dann lassen Sie mich's nochmals sehen." Mirjam, denn sic war cS, warf ihn! .׳inen Blick innigen Dankes zu; dann eilte sic mit dem Kinde in ein seitwärts gelegenes Zinitner, wahrend ihr Gatte den Fremden in das Wohnzimmer führte. ״Und nun seien Sic mir herzlichst willkommen ans dem Seidlcrhos," sagte er, indem er dem Arzte kräftig die Hand schüttelte, ״und wenn Sie mir sagen möchten, was ich Ihnen zu Lieb' thun könnte, so möchte ich Ihnen noch mehr dankbar sein, als ich'S so schon bin." ״Vielleicht nehme ich Sic beim Wort," entgeguctc der Fremde lächelnd. ״Das möchte niich freuen! — o, und wie!" — ..Die Mutter hat den Jakob schon in'S Bett gelegt," rief die kleine Dina, indem sic das ^ockentöpschen durch die offene Thür steckte, ״und wenn der Herr Doktor," — fügte sie schüchtern hinzu, ״jetzt so gut sein wollte und hinüberzukontmen —" ,.Ich bin bereit," sagte der Arzt, indem er sich erhob. Der Hausherr geleitete ihn und Beide begaben tsich in das Kinderzimmer. Der Kleine lag in leichtem Nachtkleidc im Bette, Mirjam säst an seiner Seite. Als die Herren eiltraten, erhob sic sich, der Arzt trat zum Bette. Er neigte sich zu dem Kind, sprach ihn! fr'cundlich zu und nahm seine Hand. . Der Puls war leicht erregt, doch das Gesamimbefinden bot keine Veranlassung zu irgend welcher Besorgniß und der Arzt beeilte sich, dieses den Eltern zu versichern. ״Gott sei Kob und Dank!" sagte der Vater. ״Und nun, Marie," — wenn er erregt war, nannte er sie immer noch Marie —, ״weil's gut abgelaufen ist, muß ich Dir'S doch sagen, arg Hat'S ausgeschant mit uusernt Buben — und wenn der Herr Doktor nicht dazu gckonunen wm' — ich mag nimmer denken, wic'S Hütte sein können." Mirjam hob ihr schönes, doch im Augenblick von Thrüncn erfülltes Ange zu dem jungen Manne, dem sie sich jo hoch verpflichtet fühlte, sic wollte ihn! danken, aber sie verinochte es nicht, die Sprache versagte ihr. — Und, seltsamerweise, auch der Fremde schien kaum weniger erregt als sie. ״ES thut'ö nicht mit dem danken," lachte Seidler, ״ich hab'S selber versucht, aber ich bring' auch nichts heraus." ״Sie sind mir dnrchanS keinen Dank schuldig," cntgegncle der Arzt gepreßt, ״was ich Ihrem Kinde geleistet, war eine nnbcdcurende Mühe. — Nicht wahr, Du Kleine?" wandte er sich, einen scherzhaften Ton erzwingend, an das kleine Mädchen, das schon zutraulich an seine Seite getreten war. Die Kleine blickte lächelnd zu ihm auf; doch sie wußte nicht, waS sie erwidern sollte. ״Wie heißt Du denn?" fragte er, indem er sich zu ihr neigte. ״Dina Seidler," sagte das Kind. ״Dina," — seine Stimme bebte, Mtd er bemühte sich umsonst, ihr die gewohnte Festigkeit zu verleihen, — ״das ist ein schöner Name. — Dina war auch der Name meiner seligen Mutter." Mirjam fuhr zusammen, unwillkürlich blickte sie den Redenden schärfer an. ״Soll ich Dir auch meinen Namen sagen?" wandte sich dieser abermals an das Kind. Die Klein. ckle und blickte erwartungsvoll zu ihm auf. Er aber zögerte, eine seltsame Scheu hatte sich plötzlich seiner bemächtigt — er fühlte die Augen Aller aus sich gerichtet; langsam hob auch er den Blick und begegnete dem der ihn! gcgcnüberslehcndeu jungen Frau. — Sie blickten einander au, Auge in Auge. — Es war Mirjam! seine Schwester! nach der er seit Jahren vergebens gcsorscht. — Er hätte laut ansjanchzen mögen, hätte sic umschlingen mögen mit seinen Annen, — nur mit übergroßer Austreiignilg hielt er an sich. — Konnte, durfte cr so unvorbereitet als Bruder sich ihr neunen? — cr glaubte, es nicht wagen zu dürfen. — Und dennoch, dennoch sa״.d cr keine Worte in der übergroßen Wonne, die sein Herz erfüllte, und seine Blicke vermochte cr nicht yi zügeln — wie sie glühten, wie sic funkelten diese großen schöllen klugen — wie mit magnetischer Kraft zwangen sie die Blicke der jungen Frau, sich in sie zu versenken. Mirjam fuhr sich mit der Hand über die Stirn, diese Augen waren ihr nicht fvemb — doch wo hatte sie sic gesehen? —. Und diese seltsame Glnth, mit der der im klebrigen so bescheiden auf treten bc Fremde sie bctrachtctc. — Es war ihr lieb, daß der Toni dessen Blicke nicht gewahrte. Scidler'S Blicke aber hingen gleichfalls an ihrem Angesicht, cr sah sie bald erglühen, bald erbleichen. ״Dir ist nicht gut, Marie. " sprach er besorgt, indem er seinen Arm um sie schlang, .,das kommt vom Schrecken — aber wenn der Herr Doktor —" ״Nicht doch, nicht doch," flüsterte Mirjam abwehrend, ״mir ist gut —"

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