Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 15-16 (9.4.1884)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1884-04-09
- Page
- 240 (sequence 4)
- Language
- German
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240 Ehrmann war jedoch bereits an ihrer Leite und hatte ihre Hand gefaßt; sie suhlte die seine erbeben, rasch zog sie ihre Hand zu rück. ״Ich fühle mid) ganz wohl." sagte sie hastig, ״aber der Herr Doktor ist noch in den durchnäßten Kleidern; willst Du den Herrn nicht hinaus führen in das grüne Zimmer und für trockene Kleider sorgen?" ״Recht hast Du," cnlgegnctc Seidler, ״ich denk' heute an gar nichts — aber der Herr Doktor muß entsd)u!digeu, 'S konnnt eben alles von der dummen Geschicht'. Alsdann, lieber Herr, wcmr's gefällig isl —" Ehrmann wechsette noch einige Worte mit den Kindern, zu Mirjam wagte er nicht mehr aufznblickcn; daun folgte er dem Hausherrn in das für ihn bcstimmte Zimmer. ״Bilt' schon, Herr Doktor, das sind meine Feiertagskleidcr, bessere Hab' i nicht, 'n Lump, der'S besser giebt als er'S hat." Ehrmann dankte, er hatte Kleider zum Wechseln in! Koffer, er wollte den Koffer herausholen. Scidlcr zuckte die Achseln, trat znn! Fenster und rief einem der im Hofe arbeitenden Knechte zu, das im Wagen des Fremden befindliche Gepäck heraus zu besorgen; wenige Minuten darauf ward es gebracht. ״AlSdann, ich biit' schön, Herr Doktor, mächen's sich kommod. Kann id) vielleicht Helsen'?" ״Id; danke Ihnen," versetzte Ehrmann, indem er den Koffer öffnete und einige Kleidungsstücke herausnahm, er mußte ein Buch, das aus deuselbeu gelegen, wohl übersehen haben, eS fiel zur Erde; hastig bückte er sich danach unb hob eS auf, doch bevor er es ans den Händen legte, drückte er es ehrfurchtsvoll an seine Lippen. ״Der Herr Doktor ist Israelit?" fragte Seidler verwundert, der in dem Buche hebräisd)e Lettern bemerkt zu haben glaubte. ״Ich bin Jude," versetzte Ehrmann, er schien noch einige Worte hinzusügen zu wollen, dod) Seidler hatte sich abermals aus dem Fenster gelehnt, den nuten Arbeitenden eine Weisung zu crtheilen. ״Alsdann in 'ner Viertelstunde werd' ich nachfragen, ob der Herr fertig ist," mit diesen Worten hatte der Hausherr das Zimmer verlassen, und Jakob Ehrmann, noch immer über den-geöffneten Koffer gelehnt, blickte dem fiel) Entfernenden träumerisch nach. Einen Moment hatte er eine hastige Bewegung gemacht, als wolle er ihn zurückhalten, sid) ihm nennen — doch das Wort hat ihn: versagt, cs versagte ihm heute so oft — und er war doch sonst so redegewandt, einer der beliebtesten Gesellschafter seines Kreises. Er hatte sammtliche Effekten aus km Koffer geräumt, ohne sich bewußt zu sein, was er (hat ober > was er beabsichtigt — endlich entsann er sich, er hatte die durchnäßten Kleidcr wechseln wollen; Mirjam hatte ihn dazu aufgefordert. — Mirjam! — Mirjam! — Horch! war das nid)t ihre Stimme? — WTit angehaltenem vtüjem lauschte er und feine Al!gen füllten sid) mit Thränen; ihm war, als vernehme er die Stimuie seiner Mutter. Dod) er mußte sid) beeilen, die Viertelstunde, die sein Schwager ihm zur Toilette bestimmt, war rasd) entschwunden. Und richtig, kaum hatte er sich nmgekleidet, als and) Seidler schon den Kopf durd) die halb geöffnete Thür steckte und ihn ersuchte, zum Speisen zu kommen. Ehrmann beeilte sich, der im herzlichsten Tone an ihn gerid)tetcn Aufforderung zu entsprechen, und ohne sid) der ihn leitenden Absicht klar bewußt zu sein, nahm er das Bud) mit den hebräischen Lettern, das schon vorhin die Aufmerksamkeit seines Schwagers erregt, und folgte demselben in das zu ebener Erde gelegene Familicnzimmcr. Mirjam und ihr Töchrerchcn saßen bereits am Tische. Höflid) grüßend trat Ehrmann ein und erkündigte sich nach dem Befinden des kleinen Patienten, vermied cS jedoch, dem Blicke der Schwester zu begegncn. Mirjam berichtete, daß der Kleine ruhig schlummere, dann gebot sie der Tochtcr. dem Herrn Doktor das Lavoir und den Wasserkrng zu reichen, denn der Toni hatte ihr bereits mitgethcilt, daß ihr Gast Israelit sei. Dankend nahm der junge Mann den Krug, um sich das Wasser über die Hände zu gießen, zuvor jedod) legte er das Buch neben sich auf den Tisch. Mirjam hatte sofort bemerk!, daß sein Blick sie mied; um so unbefangener folgten ihre Blicke seinen Bewegungen und unwillkürlich trafen sic das Buch. Es war ein Bud) in schwarzen! Lederband mit Goldschnitt, der Goldschnitt war bereits verblaßt — aber auf dem Deckel, ebenfalls in Gold und ebenfalls bereits verblaßt, aber doch noch kenntlich, hielt ein EngelSpaar die Bundeslade. Wie gebannt hing Mirjam's Blick an diesen Engeln — hatte sie dieses EngelSpaar nicht schon einmal gesehen? — und wo? — wo? Das Essen ward aufgetragen. Mirjam legte es den Tischgenossen vor in ihrer gewohnten amnnthigen Weise, aber ihre Blicke hasteten unablässig an dem Buche, während Seidler sid) bemühte, seinen Gast zu unterhalten. ,.Was Haft Du nur, Marie, daß Du nicht issest? — Ach. Du schaust auf das Bud), an dem ich's gemerkt habe, daß der Herr Israelit ist. Nicht wahr?" wandte er sid) an Ehrmann, ״cs ist ciu Gebetbuch?" ״Es ist allerdings ein Gebetbuch — meine selige Mutter hat stets daraus gebetet." (Fortsetzung folgt.)