Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 15-16 (9.4.1884)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1884-04-09
- Page
- 238 (sequence 2)
- Language
- German
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238 Mädchen, frisch und rosig, hatte die blonden bocken durch ein lichtblaues Band leicht znrückgehalten. dennoch sielen einzelne goldene Ringel in die klare weiße .Kinderstirn, unter der ein Paar prächtig funkelnder dunkelblauer Augen übcrmüthig hervorblitzten. Oer .Knabe war bei weitem nicht so auffallend schön, er war bleich und zart, sein Haar glatt und dunkel; aber auch sein dnnkelglühendcS Auge verriet!) einen Hellen lebhaften Geist. Der Blick des Fremden hing unverwandt au der lieblichen Gruppe am Bache, wo die schlanken Finger des kleinen Mädchens die farbenprächtigen Feldblumen auf ihrem Schooße zu einem Kranze wanden, während der Knabe nm.jersprang. bald einen schillernden Schmetterling zu Haschen, bald glatte Kiesel zmu Spiele zusammentrug — und seltsame Gedanken erwachten in des Fremden Brust. — Jenes Mädchen dort am Bache, glich cs nicht täuschend jenem Bilde, das er in seiner Erinnernng von der längst entflohenen Schwester bewahrt? — und der Knabe? - ha! war er es nicht selbst? — so, grade so hatte er einst zu Mirjam anfgeblickt. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, ihm war, als äffe ihn ein Traum, und ernstlich wähnte er, die drückende Schwüle, vereint mit der hoffnungsfreudigen Erregtheit, habe seine Phantasie erregt, habe ihn mit seinen Gedanken zurückversetzt in die Tage seiner frühesten .Kindheit. Oie jugendsrifchen Stimmen der Kinder belehrten ihn jedoch, daß er nicht träume. ״Dina!" rief der Knabe, ״Dina, sieh' doch her, den schönen, schönen Schmetterling!" Der Fremde fahr ,zusammen. ״Dina," murmelte er, ״Dina." — Nie im ^cbcn hatte er diesen Rainen ausgesprochen und wie ein Schauer durchrieselte es ihn. als er ihn jetzt zum ersten Male über seine Lippen brachte — cs war der Name seiner verstorbenen Mutter. Das kleine Mädchen am Bache war auf den Nnf dcs Brüderchens rasch aufgesprungen, den schönen Schmetterling mußte sic sehen, doch mit Schrecken gewahrte sie, daß der Knabe sich zu weit vorgewagt. ״Jakob!" rief sie ängstlich, ״Jakob! komme herauf! Du bist zu nahe am Wasser." Ihre Warnung kam zu spät. Der Kleine wollte zwar ihrer Aufforderung entsprechen, that jedoch einen Fehltritt und stürzte rücklings in den Bach. Das Mädchen stieß einen gellenden Schreckensruf aus und rannte über die Fahrstraße fcldcinwürts, wo sic den Vater bei den Arbeitern wußte. Der Fremde war jedoch mit einem Satze an: Bache und hielt das Kind bereits in seinen Armen, als von drüben her Leute herbenilten. ״Er ist schon heraus!" jubelte das kleine Mädchen, das allen voran sprang; der Vater folgte ihr auf dem Fuße. ״Herr Gott!" rief er, voll Eittsctzen die -Hände zusammeuschlageud, als er das bleiche Kind wie leblos in den Armen des Fremden erblickte, der sich eisrigst bemühte, es zum Bewußtsein zurück zu bringen. ״Fürchten Sie nichts," wandte er sich beruhigend an den Vater, ״das Kind wird sich sehr bald erholen; schon regt sich der Puls, in wenigen Minuten dürfte cs die Augen aufschlagen." Unablässig setzte er seine Bemühungen fort und begann gleichzeitig, den Knaben zu entkleiden. Der Vater wollte helfen, doch der starke, kräftige Mann zitterte wie Espenlaub, als er sein Kind so lcichenhaft vor sich sah." ״Seien Sic doch unbesorgt, ich kann Sie vcrsichern, es ist keine Gefahr vorhanden." ״Der Herr ist ein Doktor?" fragte noch imnler ängstlich der erregte Mann. ״Das bin ich — und da sehen Sie, der Kleine öffnet ja schon die Angen." Der Vater stieß einen Freudenschrei ans und schwenkte das vollständig entkleidete Kind jauchzend in seinen Armen. Der Fremde aber hatte rasch seinen Ucberzieher vom Wagen genommen und hüllte daö bebende Kind sorgsam darin ein. ״Nun tragen Sie Ihr Kind ruhig nach Hanse, regen Sie cs nicht auf und bringen Sie cs sofort zu Bette." ..Wenn der Herr mitkommcn möchte — der Herr ist Doktor und das Kind i't schwach, meine Frau hat immer Sorge um ihn. — Ob der Schrecken ihm nur nicht geschadet haben wird? — Wenn der Herr über Nacht ans unserem Hofe bleiben könnte —״ ״Hoffentlich liegt Ihr Hof nicht zu weit ab von meinem Wege," versetzte der Fremde, tnbem er dein klemm Mädchen die hellschimmernden Haare streichelte. ״Aber nun lassen Sie uns eilen; der Kleine bedarf der Ruhe und ich werde jedenfalls bei Ihnen übernachten." ״(voü wird's Ihnen lohnen," entgcgnete der Vater, indem er mit dem Kinde im Arm hastig vorwärts schritt, ״ich weiß ja so nicht, was ich Ihnen alles zu danken habe. — Der B.M hat ansgesehant — das wcrd' ich mein Lebenlang nimmer vergessen," und dabei preßte er das Kind so fest an seine Brust, daß dem bleichen Knaben Thräncn in die Augen traten. ״Sic müssen ruhiger mit dem Kinde umgehen," mahnte der Arzt, ״cs könnte sich erschrecken." ״Ja, der Herr Doktor hat recht — aber da sind wir ja daheim wenn nur meine Frau nicht erschrecken wird. — He, Mutter, schau Dir den vcrflitzten Buben an — seine Kleider hat er verhandelt, so daß der Herr da ihm den Obcrrock hat borgen müssen." ״Was ist geschehen?" rief eine junge Frau aus