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Jeschurun · 1884-03-13 · Heft 11 (13.3.1884) · p. 170

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 11 (13.3.1884)
Article
Die zweite schwurgerichtliche Verhandlung des Neustettiner Synagogenbrandes
Date
1884-03-13
Page
170 (sequence 2)
Language
German
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170 doch nicht behaupten: Dic Juden haben ihren Tempel in Brand gesteift7 — Zeugin: Na, wer soll es denn gewesen sein? Wir Christen haben es doch nicht gethan. — Präs.: Ter Umstand, das; cs dic Christen nicht gethan haben, beweist doch durchaus noch nicht, das; die Angeklagten oder überhaupt Juden es aewesen sind. — Zeugin: Zwei Jahre vorher ist schon den Juden ein Badehaus abgebrannt.'— Präs.: Wer hat das angezündet? — Zeugin: Das weist sa Niemand. Ich sagte aber;11 meiner Multer schon einige Tage vor dem Brande: Die Juden haben sich ihr Badchaus angestcclt, sie werden sich jetzt wohl auch ihren Tempel anzündcn wollen. — Präs.: Ha den Sic Ihre Ver״ mutHungen auch noch anderen?euren mitgnheill? — Zeugin: Ja. ich habe es dem verstorbenen jüdischen Kantor einmal gesagt, als der Tempel niedergcbranut war. — Präs.: Nun, so weil sind wir noch nicht; benehmen Sie sich cnvas ruhiger! — Zeugin: Ja, ich bin immer etwas unruhig. — Präs.: Was haben Sie weiter fiir Wahrnehmungen gemacht? — Zeugin: Ich sah am Vormittage des Brandes, etwa gegen 10 Uhr, ein Fenster geöffnet, das immer auf- und zufiel. — Präs.: Was wissen Sie weiter von dem Feuer? — Zeugin: Ich habe nur beobachtet, dast, als der Staatsanwalt Piaosf die Brandstätte absuchen liest, die Kronleuchter alle verschwunden waren. — Präs.: Das war nach dem Brande; so ivcil sind wir noch nicht. Haben Sie vor oder nach dem Brande noch weitere Wahrnehriinngcn gemacht? — Zeugin: Nein. — Präs.: Nun? Haben Sie nicht einmal was von einer Hand gesagt, die Sic aus der Synagoge haben herauSlangcn gesehen? — Zeugin: Das weist ich nicht mehr. — Präs.: Sie haben das doch früher aber mit voller Bestimmtheit bekundet? — Zeugin: Ja, ich habe das nur ans Aerger gesagt. — Präs.: Weshalb ärgerten Sic sich? — Zeugin: Weil dic Frau Lölvenberg;1! mir sagte: Dic Christen haben den Tempel angesreckt. Ich sagte sogleich: Christen thnn so etwas nicht, das können blos dic Inden gelban haben. — Präs.: Also die beschichte mit der Hand haben Sie blos aus Acrger gesagt, gesehen haben Sie eine solche Hand nicht? — Zeugin: Ja, ich habe sie doch gesehen; ich kann aber nicht sagen, ob es eine Judcnhand war. — Präs.: Cincr Hand kann, man cs wohl nicht ansehcn, ob sie einem Juden oder ciuem Christen gehört. Sonst haben Sie keine Wahrnehmungen gemacht? — Zeugin: Nein. Verlhcidiger Rechtsanwalt Mcibaner: Ich will nur noch bemerken, dast die Zeugin sich alle Mühe gab, Belastungszeugen zu schassen, und einmal;1! einem Manne in Nenstettin sagte: ״Grüsten Sie mir den Herrn Landrath und sagen Sie, Senfs ist auch noch ein guter Zeuge." — Zeugin: Das ist richtig. Die Juden beschuldigten uns fortwährend, wir Christen hätten den Tempel ange;ündet, und da Herr Senfs auch alles mit angesehen hat, sa schlug ich ichn als Zeugen vor. — Frau Arbeiter Kapitzle: Mir fiel es ans, dast mehrere Wochen vor dem Brande des Morgens Gottesdienst im Tempel war, während in der Woche vor dem Brande Gottesdienst nicht mehr ftatisand. Präs.: Wie so Ivisscn Sic das? — Zeugin: Dic Synagoge war mehrere Wochen vor dem Brande des Morgens stets erleuchtet, während sic in der Woche des Brandes nicht erleuchtet war. — Präs.: Wann haben Sie die Synagoge;um letzten Male erleuchtet gesehen? — Zeugin: Am Sonnabend. — Rabbiner Di׳. H os s - mann: Das ist entschieden unwahr; am Sonnabend beginnt der Gottesdienst gewöhnlich erst um 0 Uhr Morgens, in Folge dessen wird niemals Licht angezünder. — Zeugin: Cs ist auch niöglich, dast cs ein anderer Tag gewesen ist. — Präs.: Nun, waü haben Sie weiter für Wahrnehmungen gemacht? — Zeugin: Ich sah am Vormittage vor dem Brande ein Synagog.^sensirr geöffnet und daß in der Synagoge ein Mensch war. — Präs.: Haben Sie diesen Menschen erkannt? — Zeugin: Nachdem ich nachgcdacht, ist cs nur eingefallen, dast es der kleine LeSheim gewesen ist. — Präs.: Dazu bedarf es doch keines Nachdenkens. Sie müssen doch wissen, wen Sie gesehen haben. Wieso kamen Sie auf den Gedanken, dast es LeSheim gewesen ist? — Zeugin: Es schien mir so; aber genau weist ich es ja nicht mehr. — Präs.: War es denn ein Mann, den Sie in der Synagoge sahen? — Zeugin: Ja wohl. — Präs.: Wie sah der Mann aus? — Zeugin: (5r war klein. — Präs.: Hielt׳ n Sie den Mann für einen Juden oder einen Christen? — Zeugin: Cs war ein Jude. — Präs.: Woraus schließen Sic das? — Zeugin: Cr trug einen schwarzen Anzug. — Präs.: An dem schwarzen Anzüge erkennt man doch aber keinen Juden? — Zeugin: Cr hatte auch schwarzes Haar. — Präs.: •halten Sie jeden Mann, der schwarzes Haar hat, für einen Inden? — Zeugin: Christen haben allerdings auch bisweilen schwarze Haare; ich sagte aber gleich: das kann nur ein Jude sein, denn so schwarz ist denn doch wohl kein Christ. — Präs.: WaS machte der Mann in der Synagoge? — Zeugin: Cr bewegtc sich hin und her und ging nach dem Aller-Heiligsten zu. — Präs.: Sie haben nun schliestlich mit Bestimmtheit bekundet, dast dieser Mann LeSheim gewesen ist? — Zeugin: Ich ging einmal zu LeSheim, um mir ein Stück Glanzleder zu kaufen; da sagte Lcshcim zu mir: Nun. Frau Kapitzke, Sie haben gut anSgcsagt, es kommt mir ans ein Stück Glanzleder nicht an — Verth. Rechtsanwalt! ir. Sello: DaS ist ganz neu. — Präs.: Zeugin! Das haben Sie heute zum ersten Male gesagt; weshalb haben Sie früher diese Bekundung nicht gemacht? — Zeugin: Ich habe es mir jetzt erst bedacht. — Präs.: Bleiben Sie eine ehrliche Frau und lassen Sic sich nicht vcrleiten, einen Meineid zu leisten! — Zeugin: Ich sage bloß die Wahrheit; man kann sich doch nicht immer gleich ans alles besinnen. — Präs.: Konnten Sie das Gesicht des Mannes sehen? — Zeugin: Von der Seite habe ich ihn gesehen. — Präs.: Bei Ihren früheren Bernehmtingeu haben Sic aber gesagt, Sie hätten den Manu bloß von hinten gesehen. — Zeugin: Nein, ich Hobe ihn von der Seite gesehen. — Der Präsident läßt die betressenden Protokolle verlesen, dic die Acnstcrungen des Präsideuten bestätigen. — Präs.: Sic haben einmal den Tempeldicner Löwenberg, ein anderes Mal wieder den LeSheim als den Mann bezeichnet, der in der Synagoge gewesen sei? — Zeugin: So genau konnte ich ja das nicht sehen. — Präs.: Gerichtsdicner! Lassen Sie einmal den Löwenbcrg eintretcn! Und Sie, Angeklagter LeSheim, treten Sie aus der Anklagebaul und stellen sich neben Löwenberg! Nun, Zeugin, wie konnten Sic diese beiden Männer mit einander verwechseln? — Zeugin: So genau konnte ich das ja nicht sehen. — Präs.: In Nenstettin wurde Ihnen Lesheim einmal vorgestellt; da haben Sie gesagt: Sie können ihn nicht wieder erkennen? — Zeugin: Das konnte ich nicht genau sagen. — Präs.: Später haben Sie aber den Lcshcim mit Bestimmtheit als den Mann bezeichnet, den Sie in der Synagoge gesehen haben? — Zeugin: Ja, ich habe eS mir eben so überdacht: heute iveiß ich es nicht mehr genau. — Bcrrh. Rechtsanwalt M ciba 11 er: Ich bezweifle, ob die Zeugin übei Haupt im Staude ist, mir ihrem augeuscheiulich schlechten Sehvermögen dic beknudeten Wahrilchmungeu zu machen. — Präs.: Das Sehvermögen der Zeugin scheint allerdings kein sehr gutes zu sein; die Iran blinzelt fortwährend. — Ncgicrnngs- Banraih Bcnoit bekund׳ t, dast die Zeugin in der bcknndclen Weise unmöglich das Allcrheiligstc habe sehen können. — Die Zeugin bemerkt schliestlich: Sie wisse mein mehr genau, ob sie den Mann in der Nähe dcS Allcrhciligslen gesehen. — Fräulein H arnisch: Am Vormittage des 18. Februar 1881, etwa gegen 10 Uhr Morgens, sah ich ans einem geöffneten Fenster der Synagoge Rauch dringen. Ich sagte gleich, nun hätten sie doch die Synagoge angezündet. — Präs.: Wieso kamen Sie auf diesen Gedanken? — Zeugin: Ich halte schon um Weih- , nachten 1880 eine Ahnung, dast der Tempel abbrennen würde. — Präs.: Wieso kamen Sie nun aber aus den Gedanken, daß

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