Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1884)
- Article
- Die zweite schwurgerichtliche Verhandlung des Neustettiner Synagogenbrandes
- Date
- 1884-03-13
- Page
- 171 (sequence 3)
- Language
- German
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bcr Tempel angezündet worben sei? — Die Zeugin schweigt. — Uhrmacher I ahnte hat die Synagogenthür offen stehen gesehen, als der Brand auskam. — Lehrer Schiefelbe in hat die gleiche Wahrnehmung gemacht nnb von bem Kaufmann Aaron die Aenßcrung vernommen: die Christen haben baS Feuer angelegt, cS fehlt nur noch, baß man uns Inden alle hincinn'irsl. Präsident nnb Staatsanwalt befragen ihn wegen ber von Pr. Hcnriei damals veranstallcten Versammlungen'in Nenstettin. Zeuge war in einer solchen und bekundet, baß Henriei allerdings ansgeforberl habe, gegen die Juden vorzngehen, namentlich nichts bei ihnen;« kaufen. Verth. Scllo beantragt die Verlesung eines Feuilletons der ״Norddeutschen Presse", welches kurz vor dem 'Brande erschien. — Das Gericht beschließt solche und vertagt die Verhandlung für V;! Stunden. -Die Versammlung wird um f» Uhr Nachmittags sorlgesetzt. Lehrer Hübner war mit Heidemann r-en. zuerst am Platte, wo er die beiden Lesheim aulraf. Diese aber behaupten, erst später gekommen zu sein; ber jüngere Lcsheim sagt, er habe von dem Feuer erst durch die Hcidemann'sche Magd Hilger, welche er auf dem Markte traf, gehört. Die beiden Hcidcmann sagen, sie hätten die Hilger nicht zu Lcsheim geschickt. - - Kauzlift Cbel sagt heute aus, er habe um II'Z Uhr auf dem Brandplatze nur die beiden Hcidemann'S gesehen, nicht aber die LeSheirn'S, auch nicht Hübner. Cs wird aus den Akten von Köslin dem Zeugen nachgewicsen, baß er damals behauptet, den jungen LrShcim gesehen zu haben. — Tic bei Heidcmann bebienstctc Diagd Hilger bezeugt, von ber Frau Heidcmann beauftragt gewesen zu sein, die Spritzen zu holen. Sie ivollte zu Lcsheim gehen, traf aber auf dem Markte den Leo LeSheim, bcr sic an Löwcnberg verwies. Als sie wieder zu Hanse anlangte, waren die Spritzen schon;ur Stelle. Lkach Aussage des Hermann LeShcim hat der Schuhmacher Greiser solche geholt. — Der Kanzlist Jordan behauptet, im Widerspruch mit dem Augeklagten Hirsch Hcibemann, von diesem im Augenblicke des ent-׳ stchcubcu Feuers auf einen Gang aufmerksam gemacht worben zu sein, aus welchen der Brandstifter, nach Heidcmaun'S Ansicht, durch daö Fenster in die Synagoge eingedrnngen wäre. Cr, Zeuge, sei durch diesen Gang hindurch gegangen nnb da fiel es ihm aus, daß die Scheiben des eiugeschtagenen Fensters außen lagen, während doch, falls ber Thäter durch ein Fenster ringebrnngen, dieselben innerhalb der Synagoge liegen müßten. Lehrer H ü b n e r, Gärtner W i e d e m n n n und Glaser Geisen• berg bekunden, baß ber fragliche Gang so enge sei, baß kein Mann durch denselben hindurch zu gehen vermöge. Dasselbe sagt auch bcr Klempner Merner. — Lehrer Pieper hat an« seincut Schnlzimmer um U Uhr Nanch aus der Synagoge auf. steigen und die beiden Lcsheim vor derselben stehen gesehen, und fügt hinzu: ob dieselben aus der Synagoge gekommen sind, weiß ich nicht genau. Mir schien es so, aber ich will nicht ein Wort mehr sagen, als ich weiß. — Präs.: Das ist ja ganz selbstverständlich. Wenn Jemand vor Gericht steht, dann nehme ich an, daß er die volle Wahrheit spricht-, wozu also diese Betheucrungen? — Pieper: Ich sah also die beiden Lcsheim um den Tempel herumlausen-, cS hatte den Anschein, als suchten sie etwas. Ich will es nicht genau sagen, aber mir schtvcbl cs so vor, als wäre brr ältere Lcsheim auf einen von dem jungen LeSheim gebrachten Stuhl gestiegen nnb hätte ein Fenster herausgenommen. Jnztvischcn wurde ber Rauch imntcr größer, und da auch meine Schüler mich ans denselben aufmerksam machten, so gelangte ich zit ber Bcrmnthnng, baß in ber Synagoge Feuer (et. Ich ging deshalb ans die Straße, und als ich ans dem Schnlhausc trat, liefen die beiden LeSheim an mir vorüber. Ans meine Frage, ob denn Feuer in ber Synagoge sei, antwortetcn sie nicht. — Auf die Frage des Präsidenten, ob eS wahr sei, baß er, Zeuge, zu einem gewissen Lcsser geäußert habe: ״wenn bie LeSheim mchr so grob zu mir gewesen wären, bann hätte ich anders ausgesagt," erwidert der Zeuge: ״Ich habe bloß gesagt: n׳cnn bie LeShcim sich anders benommen hätten, bann wäre ich von ihrem Schnldbewnßtsrin weniger überzeugt gewesen." — Präs.: Sie haben mit Ihren Bekundungen lange znrückgchaUen: erst am i-M. März l882 sind Sic damit hervorgetreten! — Zeuge: Ich habe schon im KÖSIincr Proteste gesagt, baß meine Frau es nicht leiben wollte, und deshalb zeigte ich es nicht an. — Präs.: Wenn man bei einem muthmaßlichen Verbrechen eine solch wichtige Wahrnehmung macht, dann fragt man doch nicht erst die Frau, ob man cs zur Anzeige bringen soll! — Zeuge: Ich ivollte gegen den Willen meiner Fra»l nicht handeln. — Präs.: Wußten Sie denn nicht, baß der Slaatöanwalt öffentlich ansgefordcrt hatte, ihm über bie CntsichungSar! des Brandes MitlheUnng zu machen, und daß östcntlich hohe Belohnungen für die Crmiltclnng der Thälcr anSgesetzt worden waren? — Zeuge: Ich wußte das, wollte mich aber mit meiner Frau nicht zanken. — Präs.: Wieso kamen Sic nun doch zur Anzeige? - Zeuge: Ich erzählte cs bem Hübner, nnb dieser konnte nicht schweigen׳, er erzählte cS dem Restaurateur Herzberg, dieser dem Lanbrath, und in Folge dessen bekam ich Termin. - Staatsanwalt: Sic sollen in bem KöSliner Prozeß den Präsidenten um Schutz vor bem Staatsanwalt gebeten haben? — Zeuge: Ich bat um Schutz gegen den Justizrath Schenncmaun. — Staatsanwalt: Das ist etwas Anderes. — Zeuge: Ich h'.be bloß gesagt, ich hätte mit meiner Anzeige zurüAgehaltcn, da der Staatsanwalt Pinosf geäußert, mit uns Nenstettinern werde er schon fertig werden. — Verth. Sello׳ Ich kann eventuell für diese Thalsache Zeugen Vorschlägen, will aber vorläufigdavon abstchen. Allein, über eine Thatsachc möchte ich von dem Zeugen noch Ansknnst haben, bitte jedoch, daß der Präsident die Fragestellung übernimmt. Der Zeuge soll einmal, als ec Neligions.Unterricht ertheiltc, eine beleidigende Aeußcrung gegen eine alttestamcntarischc Persönlichkeit gclhan tmb deswegen von seiner Vorgesetzten Behörde einen Verweis erhalten haben. ~~ Präs.: Herr Pieper, ist das so? — Zeuge: Das kann ich nur dann beantworten, wenn mir bestimmte Thatsachcn angegeben werden. — Präs.: Daö haben Sie schon in Köslin gesagt: Sic müssen mir aber ans meine Frage ant׳ Worten. Haben Sie eine Acußerung gegen eine altlestamentarische Persönlichkeit gethan, wodurch die Juden sich beleidigt fühlen konnten? — Zeuge: Daß ich nicht wüßte. — Präs.: Haben Sie von Ihrer Vorgesetzten Behörde einmal einen Verweis erhalten? — Zeuge: Das weiß ich nicht. — Präs.: Cs muß Ihnen doch bekannt sein, ob Sic jeinals wegen eines Vergehens im Amte einen Verweis erhalten haben! — Zeuge: Das kann vielleicht die Regierung oder mein Schnlinspcktor wissen. — Präs.: Herr Pieper, Sie sind doch Beamter! Sie müsten doch wissen, ob Sie jemals einen Verweis erhalten haben! — Zeuge: Ich weiß ja nicht, welchen Verweis Sie meinen. — Präs.: Aber, Herr Picp.-r! Haben Sie. denn schon so viele Verweise erhalten, daß Sie nicht wistcn, tvelchen ich meine? — Der Zeuge schweigt. — Präs.: Herr Pieper! Ich rathe Ihnen, sagen Sic: ״Ja, ich habe einen Verweis erhalten!" Ich sehe es Ihnen an, daß Sie mit der Wahrheit znrüekhalten wollen׳, machen Sic sich nicht unglücklich! --- Der Zeuge verfällt in ein heftiges Zittern und wird ohnmächtig Man besprengt ihn mit Wasser: er erholt sich etwas, muß aber hinauSgesührt werden. — Kassenkontrolenr Dahlitz bekundet, er sei dem ällcrn Lesheiin beim Beginn des Feuers in der Friedrichstraße begegnet und habe ans dessen Alisregnng sofort die lleberzeugung seiner Thäterschast gewoniten. Cin Fenster der Synagoge, und zivar cin solches, bas nur von innen geöffnet werden könnte, sei anSgehängt gewesen. — Schluß der heutigen Berhandlung. lForlsetzung folgt.)