Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1884)
- Article
- Die zweite schwurgerichtliche Verhandlung des Neustettiner Synagogenbrandes
- Date
- 1884-03-13
- Page
- 169 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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X n Ieschnrun. 169 Die Mite schivurgerichtliche Atrhniidlnil!;! des sJicuftctttuer Syiiagogeilbrnildes. ’ j (goftiolunuj.; j *fj* fitfiutt, 3)uir;. Am gestrigen;weiten 'Berhandlnngstage wurde 011<» dem Protokolle vom ‘J-l. Februar 18*1 fonfiatnt, ba(j der Baninspeklor .UlccfclM bei Besichtigung der 'Brandstätte am -'0. Februar 1881 aus derselben nur wenige verkohlte Balken, und lediglich eine gauze hölzerne schwelle, nebst ttcberresten von Pctroleumkannen gesunden haben will. — Zeuge B n m k c, Maurergeselle, sagt heute dasselbe ans und fügt noch hinzu, dass er nach Petroleum riechende fettige Gebetbuch« bläncr daselbst gesunden habe. Dem widerspricht aber die And׳- sage seines Zunftgenossen und Mirarbcitcrs Klatt, welcher be hauptet, daß die Blätter nicht fettig und nicht petrolcumdnstcnd gewesen. Ebenso spricht sich ein anderer Zeuge, der Maurer Dorow, aus, welcher als ein völliges Novum aber jetzt noch vorbringt, er habe am Sonnabend Nachmittag, dein Tage nach dem Brande, in Heidemann'S Stall 3—1 Klafter Hol; gesehen, waS er in Köslin allerdings nicht bekundet habe, weil er die Wichtigkeit eines solchen Faktums nicht kannte. Er sei aber durch den Schuhmacher Greiser belehrt worden, daß es hieraus sehr cmkomme. Der Angeklagte Gustav Heideniann straft diese Aussage Lügen. Der Stall sei an diesem Sonnabend mit Möbeln und Häuten angefüllt, übrigens aber verschlossen gewesen, so daß Dorow unmöglich überhaupt dessen Inhalt habe sehen können. Seine Frau habe übrigens gehört, wie Greiser dem Dorow im Zeugenzimmcr zu Köslin gesagt, er solle bc-;engen, daß in dem Stalle viel Hol; gelegen. UcbcrdicS könne der Fleischergeselle Backhaus bekunden, daß im Stalle nur Möbel und Häute waren, da dieser ihm behülslich war, solche hinciu;usch!1sseu. — Der Gerichishof beschließt, den Backhaus telegraphisch hierher;u zitiren. — Der Maurer W i s ch n c w S k i bezeugt, daß er am Sonnabend nach dein Brande aus der Brandstelle aufgeräumt, aber keinen Petroleumgeruch tvahrgeuomruen habe. Auf Borhalt des Präsidenten meint er, cs könne auch an einem späteren Sonnabend gewesen sein, aber es habe noch stark geraucht Der Präsident hält ihm vor, daß er dann wohl daselbst habe stehlen wollen, worauf der Zeuge schweigt. — Der Gärtner Wiede m a n n bekundet, am Sonnabend nach dem Brande viele, meist arme Leute gesehen;11 haben, die von der Brandstätte allerhand Sachen, n. A. auch Hol; und halbe Balken, fortgetragen. Als er wenige Tage spütcr bei den AnfränninngSarbeiten mit half, waren noch so große Hol;schwclle:1 in nnverschrtcm Zustande da, daß man sic;um Wiederaufbau sehr gut Hütte gebrauchen können. — Der Präsident läßt jetzt den Zeugen Bnmke vorrreleu und hält ihm vor, n׳ic er, im Widerspruch mit diesem Zeugen, nur kleine Schwellcnreste gesehen haben will; derselbe verbleibt aber bei seiner Aussage. — Wiedemann hat auch Neste von Thorarollcn und Gebclbüchern gesehen, welche allerdings fettig, aber geruchlos waren. — Aus Befragen drS Präsidenten erklärt Rabbiner 1b׳. Hoffman n, das gelbliche Aussehen der Blätter durch das Alter derselben; Pergament, woraus die Thorarollen und vielleicht auch einige alle Gebetbücher angefcrligt waren, habe überhaupt ein fettiges Aussehen. — Der Präsident ruft wiederum B n in l e vor und fragt ihn, ob er Pergament kenne, waS er verneint und;ngiebt, das fettige Aussehen könne auch von etwas Anderem als Petroleum hcrgekommen sein. — Endlich sagt noch Wiedemann anS, Greiser habe dein Bnmke, welcher auf der Brandstätte gefundene Schlösser verkaufte (daö hatte Bnmke zngestanden). 60 Pfennig;um Rück, kauf derselben gegeben, damit er nicht des Diebstahls bezichtigt werde. — Der Maurermeister Duskc giebt den Werth der abgebrannten Synagoge vor dem Ausbau aus WOO JC. und und) dem Ausbau auf •JOOO.fc ohne Einrichtung an. — Der Bauinsvcktor Kleefeld! sagt jetzt ans: Ich habe heute einen Kloben Holz mit Petroleum begossen׳, derselbe ist nicht vollständig verbrannt. Allein ich muß hervoiheben, daß dieser Kloben ans dein Keller geholt wurde und feucht war. Präs.: Halten Sie nach den heute hier geschehenen Bekundungen Ihr Gutachten ausrecht, daß das Feuer vorsätzlich, mit Hülse von Pctrokeum, in Szene gesetzt worden. — Sachverständiger: Der llinstand, daß die Dielen total verkohlten und nur kleine Reste von verkohltem Holze vorgcsunden wurden, bringt mich zu der Uebcrzcngilng, daß das Feuer vorsätzlich angelegt und die Dielen w. mit Pcirolenm getränkt worden sind?-- Bcrthcidiger Rechtsanwalt Dr. Sello: Der Sachverständige scheint noch immer von dem Grundsätze cmszngehen, daß nur wenige vcrkohlte Holzrcste ans der Brandstätte vorgesnndcn wurden? — Präs.: Das habe ich mit anderen Worten dem Sachverständigen schon vorgehalten. —- Dr. Sello: Ich wollte das bloß etwas mehr betonen. — Präs.: Die Geschworenen werden mich ja bereits verstanden haben. — Älerfeldt: Ich bleibe bei meiner Behauptung, daß der Fußboden niemals in dieser Weise hätte verbrennen können, wenn er nicht mit Petroleum oder einer anderen brennbaren Flüssigkeit getränkt gewesen wäre. DaS Feuer hätte sonst in der Weise, wie es geschehen, nicht zusuumenkomincn können. — NegiernngS.'Banrath Bcnoit: Ich kann dem Gutachten des B.nlinspcllorS Klccseldt durchaus nicht beistimmeu. Wenn, wie Ingenienr Schreiber bekundet, er die breunenden Wände hat einhcrireri lassen, die ans den Fußboden fielen, dann wäre es geradezu rin Wunder, wenn die Dielen nicht verbrannt sind. Es ist richtig, daß Feuer nicht nach nuten brcunt; allein die Hitze wirkt doch nach unten. — Ingenieur Schreiber: Der Baniufpektor Klcescldt sagte: Die Dielen hätten nicht verbrennen können, wenn sie nicht mit Petroleum getränkt gewesen wären. Nun sind doch aber die unter den Dielen befindlichen Fiißbodculager ebenfalls verbrannt; letztere konnten doch nicht mit Pclrolerun getränkt sein! — Kleefeld!: DaS Petroleum der Dielen dürste wohl auch ans die Holzlager seine Wirkung geübt haben. — Die Zeugin Anna Friedrich hat von ihrer Mirsd)ülerin, einer Jüdin, gehört, daß die Silberfachen vor dem Brande ans der Synagoge gebracht seien. — Rabbiner Dr. $0 ff manu bekundet, daß die silbernen Gcräthe Privateigenthnm von Gemeiiidemitglicdcrn feiert und stets am Sabbath Abend wieder den Eigenthnmcrn in's Haus gcbrad)! werden. - Der nahe bei der Synagoge wohnende Rentier Biedrnweg behauptet, daß mehrere Wochen vor der FcnerSbrnnst an den Wochentagen ׳regelmäßig FrnhgotteSdicnst stattfand und die Synagoge dazu beleuchtet war; nur in der Brandwochc habe dieses ausgehört. Er sagt auch aus, gehört zu haben, wie an dem kritischen Freitag Morgen gegen elf Uhr der jüdischc Klempner Merner die Fenster der Synagoge einschlagen wollte, indem er sagte: DaS Feuer muß Lust haben. — Es wird ans den Alten sestgestellt, das Zeuge bei keiner seiner drei Bernehinlliigcn diescn Ausspruch Merncr'S angeführt habe. — Frau Biedcnweg sagt wie ihr Mann ans. — Die jetzt folgenden Zeugcnanssagen sind überaus karakteriftisch: Znnäd)st Fräulein Friederike Jasse: Wir wohnten dicht neben der Synagoge Biele Wochen!101: dem Brande war in der Synagogc käglid) des Morgens Gottesdienst, die Woche vor dem ׳Brande war jedoch kein Gottesdienst mehr. — Präs.: Wieso wissen Sie das? — Zeugin: Die Juden ״sabberten" in der letzten Zeit nicht mehr. — Präs.: Sie meinen, in der letzten Zeit hörten Sie kein Gemurmel mehr, während Sie mehrere Wochen vor dem Brande stets am Morgen Grmurmel hörten? -- Zeugin: Ja, id) sagte damals gleich zu meiner Mutter, sie werden sich wohl den Tempel anstcden wollen.— Präs.: Zeugin, das ist dod) ein sehr kühner Sprnd)! Aus dem Umstande, daß keine Gottesdienste mehr des Morgens staltsanden, können Sie