Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1884)
- Article
- Winke für die religiöse Erziehung
- Date
- 1884-02-28
- Page
- 130 (sequence 2)
- Language
- German
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130 mir ן ehr wenige Eltern, welche zu einem solchen Grade j der Entartung herabgesunken oder sich zu einer solchen Stufe vermeintlich wissenschaftlicher Gottlosigkeit vcrstiegen haben, das; sie ihre Kinder ohne Religion, d. h. ohne Gottcsbewnßlsein hcranwachscn lassen möchten; die! Zahl der Eltern ist sicherlich sehr gering, welche vermeinen, ihre Kinder zn braven Menschen erziehen, dennoch aber der Religion hierzu entbehren zn können. Es beruht demnach die Erziehung im Allgemeinen thatsächlich auf religiösem Fundamente. Freilich ist das religiöse Element in vielen Füllen nur allzu dürftiger Art und beschränkt sich auf die Erweckung vou Furcht vor Strafe und von Begierde auf Lohn und zwar der niedrigsten Stufe kindlicher Erkenntnis; angcpaßt. ״Der liebe Gott hat die unartigen Kinder gar nicht lieb," ״wenn die Kinder ungezogen sind, so kommen sic in die heiße Hölle," ״das brave und folgsame Kind nimmt der liebe Gott zu sich in den schönen.Himmel" in diesen und ähnlichen Mahnungen der Kinderstube erschöpft sich häufig die religiöse Erziehung. Man hält auch für das ״naive kindliche Gcmnth" die ״einfältigen" biblischeu Erzählungen sehr geeignet und meint auch, dem Heranwachsenden Kinde die Bekanntschaft mit den Lehren der Religion nicht vorenthaltcn zu sollen. Das Kind sei eben ״gläubig"; dem Kindesgemnth bereite die religiöse Einwirkung und die Lorstcllttng der göttlichen Nähe eine beglückende Empfindung, welche auch für die allgemeine Ausbildung seiner Karakteranlagen nicht tticht ganz ohne wohlthätigcn Einfluß bleibe.' So wird vielfach die religiöse Erziehung lediglich als eilt Mittel zum Zwecke betrachtet, während sie für den Kreis, den wir hier im Auge haben, die allerwichtigste und allererste Stelle cinnimmt. Die Aufforderung Gottes an den jüdischen Pater aber lautet ״ ושננתם לבניך ודברה בםund schärfe sie deinen Kindern ein und sprich von ihnen," den Geboten Gottes, lehre deine Kinder den Willen Gottes kennen, daß der׳ selbe die einzige Richtschnur werde für ihr ganzes Leben, daß sie il)!n freudig jede Regung des -Herzens, jede Kraft des Geistes, jede Bethätigung ihres Entschlusses weihen, in jedem Momente ihres Daseins bis zum letzten Athemznge. Das Gesetz Gottes werde ihnen der Boden, auf welchem ihr Geistesleben erblühe, auf welchem sich ihre Thalkrast entfalte, cs sei ihnen das עיקר das Bestimmende und Maßgebende, dem alles Andere sich als das 2םל untcrordnc. Denn für das Iudcnthum haben wir unsere Kinder zu erziehen, für den erhabenen Beruf des abrahamitischeu Stammes, für die hohe Sendung des israelitischen Volks, das vor allen anderen Nationen gewürdigt worden ist, die Offenbarung des göttlichen Wortes am Sinai zu empfange», daß auch sie in vollem Bewußtsein ultd in dem Hochgefühle der steten heiligen Gottesnähe cintreten ״in den Bund Gottes und in Seinen Eid, daß Er sich ihnen als Gott erweise, wie er cs dir verheißen und wie Er deinen Vätern Abra- Ham, Isaak und Jakob zugeschtvoren." Denn nicht mit den Vätern allein hat Gott dieses innige Band geknüpft, sondern auch mit allen kommcndcn Geschlechtern, mit jeder Seele, die in einem jüdischen Hause in's Dasein tritt. Alle, ohne Ausnahme, sind berufen zu dem Dienste Gottes, zur Verwirklichung Seines Willens im Kreise der Menschen, zur Verkündigung Seiner Herrschaft unter der Menschheit — Alle, zu jeglicher Zeit, in jeglicher Lebensstellung, unterschiedslos. Die ganze Kraft eines jeden Mannes, die volle Hingebung einer jeden Frau erheischt das Gottesgefetz —־ wir haben unsere Kinder nicht bis zn einem gewissen Alter etwa ״gläubig" zn erhalten, um sie fortan in selbstständigen Jahren dem Skeptizismus zn überlassen. Wir haben sic vielmehr in der Jugendzeit zu ״rüsten" für die Bethätigung des Gehorsams gegen Gott und sein Gesetz in! reifen Alter, wir haben sie zu ״weihen" für den einzigen priesterlichen Beruf ihres Lebens, wir haben sic zu ״üben" in der unverbrüchlichen Treue gegen Gott, daß sie sich als die echten Söhne Abrahams, Isaaks und Jakobs stets in jeder Lage bewähren, daß sic standhaft ansharrcn bei dem Gottcsbcmncr und die begeisterten Fahnenträger der Thora werden, welche willig ihr Freiheit, ihr Gut und Blut cinsctzen, ehe sie die Fahne lassen, welche Gott ihrer Hand anvertrant.' Der jüdische Sohn, die jüdische Tochter wird zum Heiligthnm geführt, um nimmer daraus zn weichen. ניב, עשרים שנה ובועלה יוזן תרומת ד׳ brachte uns der kürzliche Sabbath- Schekalint zum erneuten Bewußtsein. ״Nicht soll die jüdische Kindheit dem Heiligthnm, das Manncsaltcr aber der selbstischen Earriürc des BrodsuchcnS überantwortet werden; — nicht spricht das jüdische-Heiligthum: laß: die Kleinen zu mir kommen; auf die Großen wartet es, ans den Ernst und die Kraft des männlichen Lebens und Strcbens; mit dem Alter, in welchem der Mensch, wie man spricht, den Beruf bekommt, an sich zn denken und für sich zn streben, ruft das jüdische Heiligthnm uns in seinen Dienst: der jüdische Mensch wird Mann für Gottes Gesetzesheiligthum, und auch fein An׳ sich-denken und Fnr-sich streben soll den! Heilig׳ thnn! des Gottesgcsctzcs zn Gute konlmcn, soll ein Denken sein an dies Heiligthnm und ein Streben für dieses Heiliglhunt." *) Es bedarf sicherlich nicht eines besonderen Nachweises, wie eine Erziehung für dieses Ziel die Gewinnung des ganzen kindlichen Wesens in intensivster Weife zur unerläßlichen Voraussetzung hat, wie keine *) Hirsch'ö Kommentar ju 3. B. M. 30,14.