Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1884)
- Article
- Der Antisemitismus der "Kreuzzeitung"
- Date
- 1884-02-14
- Page
- 101 (sequence 3)
- Language
- German
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101 ״leiseste Berührung", wenn man uns zu Vampyre,!! macht, wenn man das heilige Gottcsgesetz, das wir! als die Norm für unsere Handlungen verehren nnd! befolgen, als ein Mcnschenblutgennß forderndes Produkt! des rohesten, barbarischsten Fetischismus verlästert, wenn! inan uns, wie die sanftmüthige ״Krcuzzeiiung". als Merkur im Leibe des deutschen Volks bezeichnet! Und was für eine sonderbare Logik ist es, wenn man dem Beleidigten und wegen der Beleidigung sich in seiner Ehre empfindlich verletzt Fühlenden znrnfen wollte: ״diese Empfindlichkeit, ist das unwillkürliche Zeichen eines immbcn Gewissens!" In welchen Regionen gilt dieser Kanon des Ehrgefühls'? Ist die Demuth der ״Krcuzzcitnng" so groß, daß sie die Juden für rohe, unempfindliche Geschöpfe hält, welche für die Keulenschlüge, die unauSgesctz! ans sic nicderrcgncn, kein Gefühl haben dürfen? Wir möchten sic doch eindringlich bitten, sich zu vergegenwärtigen, daß wir doch auch sozusagen Menschen und aus ebenso feinem Stoffe gewoben sind, wie unsere christlichen Milbrndcr. Auch unser Nerv zuckt, auch unser Blut wallt, auch wir halten etwas auf unsere Ehre, trotzdem Jahrhunderte lang seitens unserer Umgcbuug und von Staatswcgcn daran fast systematisch gearbeitet worden ist, unser Selbstbcwnßtsein und das Bewußtsein der unverlierbaren Menschenwürde in uns zu ertödtcn. Mau hat uns verhöhnt und verspottet — jeder Bube durfte ungestraft seinen Pöbclwitz an uns üben — mau hat uns mit gelben Hüten und gelben Flecken gebrandmaikt, man hat uns verzollt und verpfändet und verkauft gleich Bich und lebloser Sache, — ja, die ״Kreuzzcitung" hat recht, weint sie zu glauben scheint, daß wir eigentlich keine Schätzung unseres persönlichen Werths besitzen dürsten. Wahrlich, man dürste vielleicht mit keinem anderen Mcnschcnkrcise ein solch gefährliches Experiment so lange wagen, und auch wir wären in diesem Experimente moralisch zu Grunde gegangen, wenn wir nicht das Gvrtcsgcsetz bcsesscn hätten, wenn nicht das Indcnthnm, die Quelle der Wahrheit, das Licht des Trostes, die Lehre des Lebens, uns aufrecht zu halten wußte in diesem Jammer und Drucke sonder Gleichen. Die ״Kreiizzcitnng" will endlich für uns ״inbrünstig beten, daß die Gottesvcrheißnng Ezechiel 11 Bcrs 10 bald in Erfüllung gehen und die Decke Mosis von den Herzen Israels abgethau werden möge." Wir Md ihr gewiß sehr dankbar, wenn sic uns in ihr inbrünstiges Gebet cinschließcn will, und wir .;weisen! nicht daran, daß dieses Gebet, so es aufrichtig und ernst aus wahrhaft liebendem Herzen für unser Wohl!ich ergießt, kräftig und erfolgreich sich an uns bewähren wird. Aber wenn sie dieses Gebet auf das zitirte Gotteswort stützen will, so nlöchten wir sie bitten, im Sinne und Geiste desselben für uns zu beten und nicht ihren sehlsamen und dem Irrthnm unterworfenen Ge״ danken als den göttlichen auszngebcn. Die augedcutete Stelle im Propheten Ezechiel lautet aber folgendermaßen: ״Darum sprich cs aus: also hat mein Herr, Gott, gesprochen: ich tvcrdc euch versammeln von den Nationen und euch hcimkringcn aus den Ländern, in welche ihr zerstreut seid, und werde euch den Boden Israels geben. Sic werden dort hinkommcu und von ihm alle seine Gräuel und alles Gott Mißfällige hinwegschassen; ich werde ihnen ein einheitliches Herz geben und einen neuen Geist werde ich in ihr Inneres legen; das Herz von Stein werde ich aus ihrem Leibe nehmen und ihnen ein Herz von Fleisch geben — damit sie in meinen Satzungen wandeln und meine Rechtsordnungen hüten und sic ausführcn — sic werden mir zum Bolke sein, und ich werde ihnen Gott sein." Wo ist hier die Rede von einem Abthun der Decke Mosis, wie die ״Krcnzzcitung" intcrprctirt? Wo ist in dieser GotteSvcrhcißnng ausgesprochen, daß das uns am Sinai geosfenbartc Gesetz aufgehoben werden soll? Ist hier nicht vielmehr auch für die neue Zukunft die alte Lebensnnd Rechtsordnung als die allein für Israel gültige gekennzeichnet? Wir kennen eine andere Lösung der ״Iudmfrage" — die Rückkehr Israels nnd der gesammtcn Menschheit zu Gott. Israel hat Gott den Schwur der Treue durch die gewissenhafteste Beobachtung des ganzen Gesetzes zu bewähren, und die gcsammtc Menschheit hat den Geist des Rechts nnd der Liebe nnd die Lehre von der wahrhaften Gotteshuldigung ans dem Iudcnthume in sich aufzunchmen. Würden wir bessere Menschen, wenn wir aufhören wollten Inden zu sein? Hat das Ehristcnthnm uns eine reinere Moral, eine geläntcrtere Tugend, eine hingebenderc Menschenliebe, ein trostreicheres Gottesbewußtsein, ein gewissenhafteres Ncchtsgesühl zu bringen, als das Indcnthnm? Und trotz unserer Fehler und Mängel wagen wir die ernste Frage au die ..Krcnzzcituiig": wenn sie Umschau hält in den Häusern und Herzen des preußischen nnd deutschen Volks — findet sie da bei den Christen einen besseren und gottcsfürchtigcren Wandel als bei den Inden? Wir erwarten getrosten Sinnes die Antwort. Der Anliscmitismus der ״Kreuzzeitung", so schließen wir unsere Betrachtung, entbehrt völlig der religiösen Basis, den sic ihm ans Irrthnm fälschlich vindizirt. Er ist nicht Gott wohlgefällig; er ist ungerecht und lieblos. Wir aber, die jüdischen Preußen und Deutschen, sprechen cs im Angesicht Gottes nnd der Welt auS: wir^hegen keine Feindschaft gegen Christen und Christen-