Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1884)
- Article
- Der Antisemitismus der "Kreuzzeitung"
- Date
- 1884-02-14
- Page
- 100 (sequence 2)
- Language
- German
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100 Menschen versagen und gegen iljvc Bender, die gleich! ihnen, Ebenbild bco alllicbendeii Göltet, erschaffen , sind, hart nnd lieblod und ungerecht sein tonnen. Wie! sollen wir es nennen, wenn in dein weitern Bcrlauf : ihrer Jtundschau die ״Kreuzzeitnua" und die Theil-- i nähme, welche wir an den Tisza-Eszlarcr nnd Neusteltincr Prozessen genommen, zum Borwurj inacht nnd die Juden als ..eine enorme Macht" darstellt wegen der- ,.Solidarität", zu welcher ״die jüdische mtd jadenfreundliche Presse sich förmlich drängte?" Wad sie mit diesem ״sich förmlich drängte" eigentlich meint, wissen!vir nicht; cd ist dad auch ziemlich irrelevant, denn wir werden ja von der ״Krcuzzcitnng" selbst in diese Solidarität hincingcdrängt. Wad heißt cd denn anders, wenn sie diese Prozesse ״grelle Streiflichter" nennt, ״welche die Judcnfragc beleuchtet haben", wenn sic von den! crstcrcn ald einen! ״bedenklichen Pyrrhadsieg" der Judenschast, and von den! letzteren ald ״einer eklatanten Niederlage" spricht? Da geböte eS nicht schon die Pflicht der Selbsterhaltung, daß ״die Juden aller Länder eng geschlossen für einen Mann stehen?" Wenn and den! Unrechte, dessen ein Jude bezichtigt wird, der Strick für die Jndcnjchast gedreht werden soll, da hätten die Juden sich zn einer Solidarität förmlich gedrängt, da wäre ihnen diese Solidarität nicht viclntchr aufgcdrängt worden? Aber nicht nur diese den Juden anfgczwnngene Solidarität verbindet die Inden aller Länder. Ed ist wahr, — nnd dem Herrn sei Preis nnd Dank dafür, daß cd wahr ist, — die Inden fühlen sich ald Brüder, ald Bekenner eines Glaubend, als Träger einer Welmussion, ald Söhne Abrahams, Isaaks nnd Jakobd. Dad?cib, welches Einen von ihnen trifft, findet Widerhall in der Anderen Herzen, die Schmach, die Einem angcthan wird, vcrletzt auch der Anderen Empfindung, und die Inden helfen sich und trösten sich und unterstützen sich, so weit sie cd vermögen. Aber Helsen sic und trösten sie und unterstützen sie nicht auch ihre Mitbrüdcr, die anderen Glaubend und anderer Abstannnung sind? Sie lieben in jedem Menschen den Bruder, ihr Herz schlägt für jeden, der das göttliche Ebenbild trägt. Möge die ״Krenzzcitimg" erst hintrcten und den Nachweis führen, daß der Ehrisl von dem Christen brüdcr-׳ lichcr ald von dem Jude!! behandelt wird. Möge sic den christlichen Bettler fragen, wo er häufiger vcrgeblich die Hand flehend erhebt, an bcs christlichen Brnderd oder an dcd jüdischen Brnderd Thür. Möge sie den christlichen Dienstboten fragen ob die jüdische Hanssran härter nnd liebloser gegen ihn verfährt, ald die christlichc? Und möge sic dann Gott nnd der Wahrheit die Ehre geben. WaS will die ״Krcnzzcitnug" mit diesen! Borwürfe? Wahrlich, sie thätc wohl daran, im 7. Kapitel Er». Matthäi, BerS 3, 4 und 5, zu sinnen, die also lauten: ״Wad sichest du aber -cn Splitter in deines Brnderd Auge, und wirst nicht gewahr ded Balkens in deinem Auge; oder, wie darfst du sagen zn deinem Bruder: halt, ich!vill dir den Splitter and deinem Auge ziehen, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge; du Heuchler, ziehe am ersten den Balken and deinen! Auge: darnach besiehe, wie du den Splitter and deines Bruders Auge ziehest." Denn sie ist cd, die dad BUßgcschick, welches Herr Hofprediger Stöcker bei seiner bekannten Reise nach England statte, in dieser Rundschau als einen Schlag der Jndenschaft gegen Stöcker nnd eine von der Judenschaft bereitete Deinüthignng ״des höchsten Magistrats-Beamten im stolzen Albion" kennzeichnet. Wir glauben, daß sic zn dieser höchst phantastischcn Auffassung ded tragischen Zufalls, welche geradezu eine Negation ded Thatsächlichen involvirr, nur dadurch sich hat verirren können, weil sie sich mit Herrn Stöcker identisizirt, oder in ihm den Vertreter der deutschen Christenheit, oder ded Christen-' thnmS überhaupt erblickt. Außerdem sollen die Juden inaßlod clnpfindlich sein, und die ״Krenzzeitnng" diagnostizirt in dieser ,.maßlosen jüdischen Empfindlichkeit" weise ״dad!!!!willkürliche Zeichen eines wunden Gewissens, welches bei der leisesten Berührung krainpshaft rcagirt." Wir möchten auch hierbei der ״Kreuzzcitnng" die vorhin angeführten Bersc zur Beherzigung empfehlen. Weil angeblich einige Journalisten in der TageSpresse ihre Gefühle verletzt haben sollen, glaubt sie sich;11111 Antisemitismus, dad ist ja wohl zur Judenfeindlichkcit, berechtigt; ja. diese Paar deutsche Schriftsteller jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung bilden das Fundament ihrer vermeintlich religiösen Abneigung und Feindschaft gegen die Juden — ist das nicht in der That eine maßlose Empfindlichkeit, welche ja auch schon der allmächtige Großvczir des Königs AhaSvcruS gehegt und bcthätigt, als er wegen der Verletzung seiner Gefühle durch den Juden Mardochai cd für zu gering achtete, diesen einen Inden zu hassen nnd zn verderben, und deshalb die verletzte Empfindung ״maßlos״ allen Juden der hnnderlsiebcnnndzwauzig Provinzen entgelten lassen wollte. Wad nun die leise oder ״leiseste" Berührung betrifft, — ach, dad ist ein trauriges Ding. Da meinen sie, cd sei nur ein leichtes, sanftes Streicheln, weil sic ja, die Mächtigen, die Tugendhaften, ׳die Frommen gewiß eine zarte, weiche Hand haben, und e-s ihnen gar nicht wehe thnt, wenn sic und ein wenig streicheln. Wir aber fühlen, wie sich die Kralle dcS Tigers in unser Fleisch bohrt, wie die Tatze des Bären!uld schwer nnd schmerzhaft trifft. Ed ist ja nur eine