Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1884)
- Article
- Der Antisemitismus der "Kreuzzeitung"
- Date
- 1884-01-31
- Page
- 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 t'einidicn erließen, durch welche dieselben in ihren politi- ' scheu und bürgerlichen Rech len beeinträchtigt würden. Ln lange dieses nichl behauptet und erwiesen werden kann, Imt fca? ״jüdische Joch". welches auf dem Balte lüsten soll, keineswegs eine religiöse Bedeutung. Die ״krenzzeilung" scheint diesem auch gefühlt z!: haben, und nnl wenigstens etwas anzuführen, was mit der von Juden angeblich lintcvbri'uften und gefährdeten Religion im Zusammenhang gedacht werden könnte, greist sie zu ..einer frechen Tagespresse", einer ״kleinen andersgläubigen Minorität," welche die ״heiligsten 6k'׳ fühle" des Volks ״shstemalisch verhöhnt." Wir glauben nicht zu irren, wenit wir unter diesen ״heiligsten Gefühlen" die christlich - religiösen verstehen. Da wäre also die ״religiöse Basis" des Anüscmitismus und das jüdische Joch glücklich gefunden, salls die ״freche Tagesvreüe" sich auf jüdische Zeitungen beziehen soll, Run ist Alles klar nnd zweifelsohne, der Antisemitismus erscheint in dem Ltrahleuglau; der lautersten Religiosität, utid mit dem begeisterten Nus: ״Gott will es!" zieht er in den heiligen kämpf zur Beruichtuug der Uugläubigen, die die gesammte fromme deutsche Christenheil mit eiserner Faust unter das ״südische Joch" zwingen. Alle unsere Zweifel fü!d gelöst, wir waren mit Blindheit geschlagen, jetzt ist das Wort des Lichts gesprochen, wir schauen die religiöse Basis des Antisemitismns in dem von der ״frechen Presse" anfgcrichteten ״jüdischen Joche'." — — Wer schreibt denn die bescheidene, demüthige, fromme christliche Presse, wie ja wohl die ״kreuzzeituug" sich im Gegensätze zu jener zu nennen berechtigt glaubt, und für wen ergießt sich der Strom der Bescheidenheit, Dcmuth und christlichen Frömmigkeit in ihre heiligen Spalten? Handhaben unreife Knaben mtb nnbürtigc Jünglinge ihre Feder, j und wendet sie sich an Unmündige und Geistesarme? Oder sind ernste Männer die Führer ihres Worts für das deutsche Bolk der Denker? In das Letztere der Fall, jo sind mir verpflichtet, ihre Worte ernst zu nehmen und sie in ernstem Nachdenken zu prüfen. Im Königreich Preußen nnd im deutschen Reiche wallet das!nächtige Szepter eines weisen, gottessürchtigen Herrschers, welcher im Verein mit seinen von! gleichen leiste ersüllten hohen Bundesgenossen dllrch erfahrene und gerechte Näthe unter Theilnahme der Crlesensten des preußischen und deutschen Volkes für die Einsetzung einer wachsamen und kräftigen Obrigkeil, für Ordnung und Sitte zum Schutze der heiligsten nationalen Güter: des Rechts, der Religion, der Sicherheit der Person und des Cigenchnms Fürsorge trifft; und da sollte es in der That möglich sein, daß in diesem wohlgesügten Ltaatsorgauismus eine winzige Minorität — nein, eine verschwindende Minorität dieser Minorität, denn man mag noch so jrcigebig sein mit der Einordnung von jüdischen Preußen oder Deutschen in die Kategorie der ״frechen Tagesprcssc", sie bilden immer ein verschivindendcs Bruchtheilchen derjenigen jüdischen Preußen und Deutschen, welche nicht zu dcil ״Preßjuden", wie der inoderne antisemitische Ansdruck geschmackvoll sogar bei den vornehmen ״Grenzboren" in Nr. 1 d. Jahrgangs lautet, gehören*) es vermöchle, ungestraft unter dein wachen Auge der Obrigkeit die große Majorität in ein ״jüdisches Joch" zu zwängen und deren religiöse Gefühle zu verhöhnen? Lo weit wir schauen können, sehen wir überall eine straffe Handhabung der öffentlichen Ordnung nnd glauben auch, daß cs an gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der christlichen Religion nicht mangelt. Wir glauben deshalb, daß die ״Krenzzeilnng" Gespenster am lichten Tage erblickt, oder doch jedenfalls sich einer übertriebenen Furcht hiugiebt. In Preußen und Deutschland giebt es noch Staatsanwälte, Richter, Polizei und; Militär in genügender Anzahl, um die etwaigen Ausschrcitnngen frecher Federhelden, die sich herausnehmen sollten, das Heiligthum des christlich-religiösen Bewußt-; seius zu verhöhnen, in entsprechender Weise energisch * zu ahnden. Wir würden uns scheuen, einen so schweren; Vorwurf gegen die Obrigkeit auszusprechen, daß eine ״kleine Minorität" ungestraft also wüthen könnte, und glauben, daß die ״Krcuzzeituug" nur in einem Momente der Nebereilung sich zu einen! solchen hat hinreißen lassen, wie sie Hessen inzwischen auch ohne unsere Vorstellung gewiß iunc geworden ist. Jedenfalls aber täuscht sic sich und — natürlich unbewußt — auch Andere über das eigentliche Wesen ihres Anttjemirismns, wenn sie demselben eine religiöse, d. h. gottesfürchtigc, fromme Basis zu viudizireu sich berechtigt hält. Was aber das ״jüdische Joch" aubetrifft, so halten wir dieses für ein reines Phautasiegebilde der ״Kreuzzeituug"; wir vermögen in den weiten trauen des Vaterlandes nirgends ein solches zu entdecken und bitten um geneigte nähere Angabe, wo ein solches ungeheuerliches Ding anzntressen ist. Ach,!vir Juden waren Jahrhunderte laug gewohnt, unsern Racken unter einem Joche zu beugen, und cs war ein schweres drückendes; Joch der Ausnahmgesetzc, der Zurücksetzung, der Ansschließnug, der Verachtung; unter Seufzer und Thränen : haben wir es getragen — daß mir feinem unserer; Milbrüder ein solches anserlegen möchten. Wir haben j keinen Haß, kennen keine Rache, hegen keine Herrschergelüste; wir fühlen nur innige Bruderliebe für unsere *) A/l rocem ״Preßjliden" möchten wir alle geehrten j Herren Kollegen von der Feder christlicher Konfession ergebenst? tragen, ob dieser Bezeichnung das Bürgerrecht in der deutschen! Presse eingcromur werden soll? Wir müssen gestehen, daß wir! unsererseits im analogen Falle uns ganz entschieden gegen den i Ausdruck ״Preßchrisien" verwahren würden.