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Jeschurun · 1884-01-17 · Heft 3 (17.1.1884) · p. 34

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 3 (17.1.1884)
Article
Ein alter Wahn
Date
1884-01-17
Page
34 (sequence 2)
Language
German
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m'nnincrt worben: auch die sozialen Schranken sind noch nicht eingerissen, und das alte Vornrtheil wuchert gar üppig ans deutschen! Boden. Man will auch den. ״sreigesinnten Inden׳ nicht und den gebildeten auch nicht. In den höheren Schichten null man den Vetzleren an! allerwenigsten״ ,׳den Juden binans ans den! Vehrstände, ans den! :)lidjioranitc, hinaus ans den Paria׳ menten und Stadtverwaltungen" — das ist ja wobt der Unten schrei, der in unseren Ohren gellend hallt. Ein wehmülhiges Gefühl überschlich mich, als ich diesen ״Ausruf" las, — arme Männer, die ihr trnnten ge-!norden seid von den! Frühlingshanch, der damals uns mnfächelt. die ihr euch habt blenden lassen von den! jungen Morgenrot!!. welches an! nächtlichen Firmamente fid) gezeigt. Da ich aber soeben die dieswöchentliche -Haftora aufschlage, fällt mir dieser ״Aufruf" ein, und ich gedenke nicht nur euer, sondern auch der gegen-!värtigen Zeitgenossen, welche durch die Erlebnisse der verflossenen sünsnnddreißig Jahre nicht belehrt, euren Wahn noch heute!heilen und gleich euch sich und ihrer vermeintlichen Weisheit den Kran; um das trunkene -Haupt winden und nicht merken, daß diese mit so vielem Stolzc getragene Krone ציץ נבי, eine welke Blume ist, die ihnen vom Haupte gerissen und mit Füßen getreten wird. Und diese Trunkenen und Wahnersüllten sind auch in unseren Tagen, wie in der jcsajanischen Zeit, vor Allem׳ in der Elite unseres Volks zu suchen, gerade unter Denjenigen, weiche an der Spitze unserer Gemeinden als Vorstände, Vehrer, Prediger und Rabbiner stehen, oder innerhalb derselben durch Vermögen und soziale Stellung besonderen Einfluß haben, oder gar in den allgemeinsten jüdischen Angelegenheiten sich zu Vertretern, Veiten! und Führern der Judenheitaufwersen. Ach. die jüdische Gemeinde ist so alt und hat!nährend ihres langen Daseins so Vieles erlebt, Erhebendes und RiedcrdrückendeS. daß sic wohl von keiner in die Oessentlichkeit tretenden Erscheinung überrascht wird׳, sie!heilt die Erfahrung KoheleiS מה שהית היא שיהיה, was vermeintlich der Vergangenheit angehört, das taucht wieder in Gegenwart und Zukunft ans, und was längst geschehe!! ist. das!naß auf's Rene erstrebt werden — unter der Tonne;siebt es nichts wirklich treues. Ist es nicht eine Schilderung unserer Zeit, die das -'6. Kapitel Jesajas entrollt? Richl die Masse des Volkes allein, sondern auch dessen Veit er und Führer!raren von den! attgenleinen Taumel ergriffen worden, weil ihnen das jüdische Bewußtsein fehlte, weil sie Israels Stellung inmitten der Nationen nicht begriffen, weil sie Gottes Wd-lenlnng nicht ersaßt und leine Ahnung von der Sendung des israclitischeu Stammes und kein Verstäudniß für das Gesetz Gottes hatten. ״ב אלה ביין שנו ..auch sie versahen sich in! Wein und irrten im Rausche; Priester und Prophet versahen sich in der Trunkenheit, waren vom Weine ergriffen, irrten hcrnn! vom Rausche und vcrkannten die göttliche Vorsehung und Waltnng, traten kühn hervor n!il ihrem eigenen Unheil." Sie schöpften nicht aus dein Born des GotteswortS ihre Erkenntniß. Ein fremder, nngüttlicher Duelle entstanimender Geist hatte sie erfaßt, und sie dünkten stch weise, starkgcistig und aufgeklärt: und ihr Verstand war doch umnebelt, und sie schwankten und taumelten, hattci! den inneren -Halt und festen Stützpunkt verloren. Die jüdische Wahrheit war ihnen zu einen! Ammenmährchen geworden, in stolzer Ueberhebung schauten sie aus dieselbe herab, ihnen hatte sie ja keine ״Erkcnntmß zu lehren", sie raren ja langst den!. Mittterschooße entwachsen, der Muttermilch entwöhnt, hatten längst die Kinderschuhe ausgetreten. .,Das alte Judenthnm gehört der Vergangenheit an, war vielleicht heilsam für die unerleiichleten Väter und Großväter, aber für uns paßt eS nicht", so dachten sie damals, — und wird heute nicht also gedacht? DaS Gesetz GottcS, erscheint cs nicht auch heute vielen unserer sich geistig hoch Wähnenden und die Führerschaft Beanspruchenden als צו לצו קו לבד, als inhalttose Form, als hcnnncndc Fessel für den Höhenflug ihres Geistes, für den Fortschritt auf Erden zur Gewinnung des -Heils und Glücks im Vereine mit den übrigen Menschen, als eine Reihe von Satzungen, deren ״jegliches Gebot nur um des anderen willen, jegliche Richtschnur wegen einer anderen da ist" — יער ■צב זער יבב lauter Geringfügigkeiten und Klcinigleitslrämerci? Und wenn man zu ihnen spräche, gerade in diesem Gesetze, in der Befolgung dieser Gebote findet Israel seine Sicherheit und sein -Heil, dann klänge dieses als -Hohn und Spott, oder als eine frenide unverständliche Sprache in ihren Ohren. Denn sic glauben, daß das Unglück und die Verachtung, die Verfolgung und der -Haß nicht sic treffe, שוט שוטף ״ ,בי יעבר לא יבואנוdie alles forlschwemmeude Geißel,!neun sie kommt, io wird sie uns nicht treffen," sprechen sie, m׳i! sie stch ja als die Fortgeschrittenen und die Aufgeklärten dünken und durch den Bruch mit der Treue gegen das jüdische Gesetz und die Abstreifung der jüdischen Anschauung und VebcnSgcwöhnnng gar nicht mehr als Inden erscheinen, keinen Anstoß mehr geben durch die Beobachtung des Sadbaths. und der Speisevcrbole, theilnchmcn an den Gelagen, und Konuncrzienräthe und Stadtverordnete, Professoren, Richter und Abgeordnete geworden sind. Schauen sie denn noch nicht die Mahnung GottcS in dem wiedererwachtcn Judenhaß, der stch vor Allem gegen sic wendet? Die Achtung und die Freundschaft, das Ansehen und die Ehre, nach denen sie gestrebt und für welche sie das Judenthnm als nicht ntchr verbindlich

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