Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1884)
- Article
- Zum Fasttag des zehnten Teweth
- Date
- 1884-01-03
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2932754-2933049-2933051-2955419--14450-2955481- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
anflagc und diese Hoffnung in unser Aller Herzen Wicdcrhall, wird der Schmerz überall empfunden, die .Hoffnung von jeder Brust gctheilt, wird cs in allen Kreisen begriffen, weshalb gerade uns das bittere Vcib des (Malutl) anferlegt, wird cs verstanden, warum wir fasten an dem zehnten des Tcwcth — wird dieser Tag, der vor dreinudzwanzig Jahrhunderten die Kalos rophe des längst vorausverkündeten Falls Jerusalems und Zions ein leitete, in der Stimmung begangen, für den Zweck benutzt, wosür er von den wahrhaft weisen und die beschickte Israels und der Menschheit begreifenden großen Männern unseres Volks als Denkmal in den Zeiten des Galntb aufgerichtct worden ist? — Was soll uns diese Trauer, )vir haben kein Verständnis; für die Klage. Iernsalcin ist gefallen, weil cS dem babhlonijcken Eroberer nicht Widerstand zu leisten vermochte, das jüdische ist untergegangen, wie so manche Reiche der Vorzeit, so manche der Gegenwart, dem weltgcsckichilichcn Ratnrgesetzc folgend, nach welchem die altersschwach gewordenen vor dein kräftig aufblühendcn von der Tribüne ablreten müssen. Welche romantische Schwärmerei, darob zu trauern, und gar noch zu klagen nach Jahrtausenden. So die zcitgcnosscnschaftliehe Weisheit selbst derer, die der Hasmonäer neuerdings wieder gern sich erinnern möchten. Israels Ausgabe, Israels Bedeutung für die Menschheit ist aber nicht an Zeit und Raum und äussere'Erscheiuuug geknüpft. Seine Aufgabe wurzelt in der Erfüllung des Gottesgesctzes, in der bedingungslosen Unterordnung seines ganzen Wesens unter dem göttlichen Gebote und hierin allein begreift sich seine Bedeutung im Kreise der übrigen Nationen. Der Wechsel der Zeiten, der Verlust der Selbstständigkeit ändern hieran nicht das Mindeste. Das heutige Israel, das vom ureigenen Voder! vertriebene, unstat und flüchtig den Erdball durchwandernde, überall gehöhnte, vcrachtete und mißhandelte Israel kennt keine andere Bestimmnng, als jenes Israel, das Gott aus Egyptens Sklaverei erlöste, das Er am Sinai gewürdigt, Sein Gesetz zu empfangen, das;nächtig und gefürchtet unter eigenen Königen in Palästina saß. Es konnte zwei Mal Staat und Tempel in Trümmer gehen sehen und ist dennoch Israel geblieben, Verkünder der Gottes- Herrschaft, Herold des Gottesgesctzes an die Menschheit. Nur weil cs seines heiligen pricstcrlichen Berufs nicht gewaltet, weil cs die selbstständige Stellung nicht zur Verwirklichung desselben benutzt, weil cs ein Staatswesen bilden wollte wie die anderen Nationen, für den eigenen Ruhm, für die eigene Größe, weil cs Gott und Seinem Gesetze den Rücken kehrte, darum ging cs derselben verlustig und ward in die Schule des Nids geschickt, um für seine ewige Bestimmung erzogen zu werden. Unter den Trümmern des Staats und -Heiligthums liegt es nicht begraben; es hat nur den Schauplatz seines Wirkens und die äußeren Verhältnisse für dasselbe gewechselt; ans der Asche ersteht cS zu neuem Dasein für seinen ewigen Berus. Von dieser Erkenntniß waren unsere großen Weisen tief durchdrungen, und nicht uutsonst haben sie uns an jeden! Gedenktag unseres nationalen Verfalls das Gotteswoi'l zur Beherzigung vor die Seele geführt, welches die Ewigkeit unseres geschichtlichen Daseins und die Unanslöslichkci! unseres Verhältnisses zu unserer wettgeschichtlichen Ausgabe verbürgt, trotz unserer Verirrung, trotz unseres Abfalls. וסלהת לעוגגר ולהטאתגו ונהלתנך ״Du wirs! unseren Fehler und unfern Abfall verzeihen und uns so zu Deinem bleibenden Eigenthum gewinnen," sprach Moses nach der Egelsündc, und sprechen wir an jedem Fasttage zu Gott. Gott will uns erziehen und wiederholt erziehen und läßt Israel nicht fahren, bis es sich Ihm ganz hingicbt, bis seine Erziehung vollendet. Er hat über Sein Volk Galuth verhängt, um cs des ihm gewordenen Berufs würdig zu machen, und diese Leidcnsschnlc währt so lange, bis cs die Thora ganz in sich ausgcnommenund in Wahrheit ״ein heiliges Volk und ein Reich von Priestern" geworden. Die Fessel der Verirrung, die uns gebannt hält, zu lösen, das Joch der Sünde, unter welchen: wir zu erliegen drohen, zu brechen, und frei zu werden für das Priesicramt der Menschheit, das ist des Festtags Bedeutung. Und darum nicht Vcrzweifelung, sondern Trost und Hoffnung ist die Frucht des Taanith. Nicht für immer wölbt *fid) Per Trümmerhaufen über der Gottesstadt, nicht ans ewig liegt der Zionstempcl in Asche, nicht für alle Zeilen hat Israel den Kelch des N'idü zu leeren und als der Auswürfling unter den Völkcrfamilien zu gellen. ״Ich werde sic wieder heimbringen zu Meinem heiligen Berge, werde ihnen Freude spenden in dem -Hause Meiner Anbetung, — denn Mein Haus wird als Haus der Anbetung von allen Völkern anerkannt werden," so lautet der trostreiche Hofsmmgs׳ aussprnch Gottes, dessen wir am Fasttage inne werden. Und wenn wir znrnckblicken ans die zwanzig Jahr- Hunderte, welche hinter uns liegen, gewahren wir nicht trotz allem Jammer und Elend, mit welchen sie sich in die Geschichte des jüdischen Stamutcs eingezcichnct, einen mächtigen Fortschritt zu diesem Ziele hin? Israel hat Alles verloren, was sonst der Völker Existenz ausmacht: Selbststäudigkeit. Staat, Heiligthum, Ehre, Ansehen, Freiheit, — nichts hat es mit hinausgenommen, als sein Gesetz. Dieses Gesetz aber ward die Quelle seines Glücks; das verhöhnte, verachtete und gedrückte Israel wurde durch es ein MenschcnkreiS, in welchem alle menschlichen Tugenden zur Eutfallung gelangten: